Stanley-Cup-Sieger: Filmreife Champions

Die Carolina Hurricanes gewinnen den Stanley Cup. Zu den Helden zählen ein in der Schweiz ausgebildeter Stürmer und ein Torhüter mit besonderer Geschichte.

20 Jahre nach dem ersten Triumph mit Martin Gerber dürfen sich die Carolina Hurricanes wieder Stanley Cup-Champions nennen. Zu den Helden gehört ein in der Schweiz ausgebildeter Stürmer. Und ein Torhüter, dessen wundersame Geschichte wie aus einem Hollywood-Drehbuch entsprungen wirkt.
Im Juni 2006 feiern die Carolina Hurricanes im erst neunten Jahr ihres Bestehens den Stanley Cup-Titel. In der Belle gewinnen sie auswärts in Edmonton 3:1, das Tor der Oilers hütet der Finne Jussi Markkanen, der später mit überschaubarem Erfolg für den EV Zug spielen wird.
Und bei Carolina steht Martin Gerber im Kader, der Emmentaler, den sie in Raleigh nur «The Swiss Sensation» nennen. Gerber ist in der Qualifikation die Nummer 1, verliert seinen Stammplatz während den Playoffs aber an seinen Konkurrenten Cam Ward.
Stanley Cup-Sieger darf er sich trotzdem nennen. Bis heute gibt es nur deren drei mit Schweizer Pass: David Aebischer (2001 mit Colorado), Mark Streit (2017 mit Pittsburgh und Gerber.

Auch Cristobal Huet (2010 mit Chicago) und Paul DiPietro (1993 mit Montreal) triumphierten, aber sie sind nicht hierzulande ausgebildet worden und wurden erst im Herbst der Karriere eingebürgert.
20 Jahre musste Carolina auf eine Duplizität der Ereignisse warten. Grossen Anteil am Erfolg hat der Coach Rod Brind’Amour, der schon 2006 dabei war, damals als emblematischer, 34 Jahre alte Captain.
Brind’Amour ist erst der 14. Mensch, der als Spieler und Coach die begehrteste Trophäe der Eishockey-Welt in den Nachthimmel recken konnte. Und quasi die Antithese zu seinem Vorgesetzten darstellt, dem General Manager Eric Tulsky, der als Wissenschaftler in Harvard studierte.
In den USA lauten 27 Patente auf seinen Namen. Mit dem Hockey beschäftigte er sich anfangs nur, weil er Fan der Philadelphia Flyers war. Er begann, datengetriebene Analysen als Kommentare auf einem Nischenblog über das Team abzusondern und hielt bald darauf Vorträge über Analytics.
Sein steiler Aufstieg zum General Manager wäre vor nicht allzu langer Zeit noch undenkbar gewesen, im «Old Boys Network» der NHL, wo Seilschaften wichtiger waren als Kompetenz.
Ein 51-Millionen-Vertrag «Made in Switzerland»
Die Hurricanes machten sich in den letzten Jahren generell einen Namen als Team, das wenig auf Konventionen gibt. Die Social-Media-Abteilung pöbelte auf Twitter munter jeden an, der nicht bei 3 auf dem Baum war.
Der umstrittene Milliardär Tom Dundon – auch Besitzer der Portland Trail Blazers und Totengräber der 2019 eilig eingestellten American-Football-Liga AAF – sorgte mit rigiden Sparmassnahmen und wenig zimperlichen Entscheiden für Aufregung.
Aber im Sommer 2026 muss man feststellen: Es hat funktioniert. Das lag nicht zuletzt an Nikolaj Ehlers, der sich erst vor Jahresfrist mit einem mit 51 Millionen Dollar dotierten Sechsjahresvertrag den Hurricanes angeschlossen hatte.

Verhandelt wurde die Übereinkunft vom ehemaligen Schweizer Nationalspieler André Rufener, der auch Nino Niederreiter betreut, der zwischen 2019 und 2022 ebenfalls für die Hurricanes spielte.
Ehlers, 30, ist der Sohn der Trainerlegende Heinz Ehlers. Er hat das Hockey-ABC einst in Biel erlernt und ist der Schweiz bis heute so verbunden geblieben, dass er während der mit 4:2 gewonnenen Finalserie gegen die Vegas Golden Knights sagte:
«Ich habe die Schweiz geliebt und vermisse sie immer noch. In Biel zu spielen, in der Schweiz – ein unglaubliches Land. Ich hätte gerne die WM bestritten, aber natürlich hatte ich Wichtigeres zu tun. Die Schweiz war unglaublich für mich als Spieler, hat mir sehr viel geholfen. Ich glaube, ich werde sicher irgendwann zurückkehren.»
Heinz Ehlers sah den Triumph des Sohns im Stadion
2031 wird das frühestens der Fall sein – Biel kann ja schon einmal damit beginnen, stille Reserven anzulegen. Ehlers spielte in Carolina die Saison seines Lebens. In der Qualifikation gelangen ihm 71 Punkte, so viele wie noch nie.
Und in den Playoffs produzierte er in 18 Partien acht Tore und zehn Assists. In der Belle setzte er vor den Augen seines Vaters Heinz – in der abgelaufenen Saison bekanntlich Cheftrainer im SC Bern – mit einem Emptynetter zum 3:0 den Schlusspunkt.
Dass es das Tor gar nicht gebraucht hätte, lag an Brandon Bussi. Und das ist einigermassen unglaublich. Bussi, 27, arbeitete während der Pandemie noch für die Fastfood-Taco-Kette Chipotle. Und hätte sich zu diesem Zeitpunkt niemals träumen lassen, in einem Stanley Cup-Final zwischen den Pfosten zu stehen.
Noch zu Saisonbeginn schien das unwahrscheinlich. 2024/25 war Bussi im AHL-Farmteam der Boston Bruins die Nummer 2 gewesen. Im Sommer unterschrieb er bei den Florida Panthers, wurde vor dem Saisonstart aber auf die Waiverliste gesetzt.

Bussi war schon auf dem Weg nach Charlotte, wo das Farmteam der Panthers beheimatet ist. Doch an einer Tankstelle wurde ihm telefonisch mitgeteilt, dass Carolina ihn verpflichtet habe.
Immerhin die Richtung stimmte: Charlotte und Raleigh liegen beide im Bundestaat North Carolina. Bussi erkämpfte sich einen Platz im Team. Und bewegte mit seiner Lebensgeschichte viele Menschen.
Auf seinem Helm würdigt er seinen jüngeren Bruder Dylan, der mit non-verbalem Autismus diagnostiziert wurde: Ein Schmetterling und ein Puzzlestück zieren die Maske, Bussi will damit symbolisieren, wie schön und komplex Menschen auf dem Autismus-Spektrum sind.
Als die Hurricanes Bussis Vertrag im Februar vorzeitig verlängerten, spendeten sie 10’000 Dollar an eine Autismus-Stiftung in North Carolina. Bussis Story hatte etwas Rührendes. Und sie fand Mitte Juni mit dem Shutout in Las Vegas ihr fast kitschiges Ende.





