Berra und die grosse Befreiung

Mit 39 Jahren wurde Reto Berra doch noch Meister. Er erzählt von seinem Weg aus Angststörungen hin zu innerer Ausgeglichenheit.

Mit 39 Jahren ist Reto Berra doch noch Meister geworden. Hier erzählt er die faszinierende Geschichte seiner persönlichen Metamorphose – weg von Angststörungen und hin zu innerer Ausgeglichenheit.
SLAPSHOT: Reto Berra, wir gratulieren herzlich zu diesem Titel!
Reto Berra: Danke, aber es ist nicht mein Titel. Sondern der von Gottéron. 89 Jahre des Wartens sind vorbei. Ich mag es allen Jungs, dem ganzen Klub und allen Fans so gönnen. Es war krass, was nach dem Sieg in Davos abging.
Ich habe die Feierlichkeiten sehr genossen. Du siehst dieses Menschenmeer und deine Jungs auf dem Truck, denen alle zujubeln. Das hat mich schon berührt. Und eigentlich habe ich sowieso jedes Spiel in Fribourg in dieser wunderbaren Atmosphäre genossen. Ich bin vor allem für Julien Sprunger so froh.

SLAPSHOT: Warum?
Berra: Er hat 24 Jahre für diesen Klub gespielt. Und hat all die Niederlagen mit so viel Stil ertragen. Er war nie frustriert. Sondern blieb immer ausgeglichen, ein herzlicher Captain. Für mich war er ein Riesenvorbild.
SLAPSHOT: Es ist schon auch Ihr Titel.
Berra: Der Schauspieler Matthew McConaughey hat sinngemäss einmal gesagt: Glück ist ein vorübergehendes Gefühl, das von günstigen Umständen und Ergebnissen abhängt. Und Freude ist eine bewusste Entscheidung, authentisch zu leben und das zu tun, wozu man berufen ist, unabhängig vom Ausgang.
Vor den Playoffs habe ich dieses Video auf Youtube wiederentdeckt, ich hatte es vor Jahren mal gespeichert. Es trifft meine heutige Einstellung ziemlich gut. Klar wäre ich enttäuscht gewesen, wenn wir nicht Meister geworden wären. Aber meine Zufriedenheit hängt nicht mehr nur von Resultaten ab.
SLAPSHOT: Sondern?
Berra: Ich habe in den letzten Jahren immer wieder versucht, mich daran zurückzuerinnern, wie ich mich als Bub gefühlt habe. Welche Freude das Eishockey in mir ausgelöst hat.
Es ist so ein wahnsinniges Privileg, den Unterhalt als Eishockeyprofi verdienen zu können. Ich schätze einfach, dass ich das tun kann, was mir Spass macht. Und je näher das Karriereende rückt, desto stärker ist dieses Gefühl.
SLAPSHOT: Fehlte Ihnen dieses Bewusstsein früher?
Berra: Mein Fokus hat sich einfach verschoben. Man wird älter und reifer. Ich war früher schnell gefrustet, ungeduldig, wütend. Und ich habe mir selbst so viel Druck gemacht.
Gerade auch in den NHL-Jahren hatte ich krasse Versagensängste. Manchmal sass ich im Hotelzimmer und überlegte mir, einfach nicht zum Spiel zu gehen. Ich war so nervös und in wichtigen Momenten oft verkrampft.
SLAPSHOT: Wie haben Sie es geschafft, Ihren Frieden zu finden?
Berra: Das war ein langer Prozess mit vielen Facetten. Ich betreibe seit vielen Jahren Journaling. Ich mache die Atemübungen von Wim Hof. Ich arbeitete immer wieder mit Sportpsychologen.
Und 2023 habe ich nach meiner Rückenoperation eine Zusammenarbeit mit dem Mental- und Lifecoach Marco Lehmann begonnen, von der ich extrem profitieren konnte. Was mir auch half: Dass wir seit drei Jahren einen Hund haben, einen Labrador namens «Walo».
Dem ist es völlig egal, ob ich ein Spiel gewonnen oder verloren habe, er freut sich einfach, wenn ich nach Hause komme. Seither verbringe ich viel mehr Zeit in der Natur. Und zusammengefasst habe ich so ein Urvertrauen entwickeln können, das schwer zu beschreiben ist.

Ich verlasse mich einfach darauf, dass schon alles kommt, wie es muss. Wenn wir Meister werden: grossartig! Und wenn nicht, dann dreht sich die Erde auch weiter. Für mich war der Titel das Pünktchen auf dem i. Aber ich hätte auch mit positiven Emotionen auf meine Zeit in Fribourg schauen können, wenn wir in Davos verloren hätten.
SLAPSHOT: Kurz nachdem Sie in Davos das entscheidende Spiel gewonnen hatten, sprachen Sie noch auf dem Eis davon, dass Sie zum Himmel geschaut hätten, zu Ihrem verstorbenen Vater.
Berra: Mein Vater ist jetzt seit 15 Jahren tot, er starb an Lungenkrebs. Aber er ist in meinem Leben noch immer sehr präsent, ich denke eigentlich jeden Tag an ihn. Und zünde oft eine Kerze für ihn an.
Er hat meine Karriere mega gelebt. Und ist immer zu meinen Spielen gekommen, schon damals, in der 1. Liga in Dübendorf. In diesen Playoffs war er mir wieder besonders nahe. Natürlich auch nach dem Sieg.
SLAPSHOT: Sie wirkten wie auf einer Mission. Kamen Ihnen wirklich nie Zweifel? Trotz all den Ausfällen im Team und den schwierigen Momenten gegen die Lakers und gegen Davos?
Berra: Erstaunlicherweise war ich in den kompliziertesten Situationen am ruhigsten. Das war früher schon anders. Aber eben: Ich habe einen Weg hinter mir. Und bin heute mega entspannt.
SLAPSHOT: Welchen Anteil hatte der Trainer Roger Rönnberg am Titel?
Berra: Schon einen grossen. Als Goalie hat man in der Regel weniger mit dem Cheftrainer zu tun als der Rest der Mannschaft. Aber seine Ansprachen und seine Positivität waren top. Er war nahe an der Mannschaft.
Reto Berra
Geboren: 3. Januar 1987
Position: Torhüter
Bisherige Klubs: Kloten (ab 2026/27), Fribourg-Gottéron, San Diego Gulls (AHL), Anaheim Ducks, Springfield Thunderbirds (AHL), Florida Panthers, San Antonio Rampage (AHL), Colorado Avalanche, Lake Erie Monsters (AHL), Calgary Flames, Abottsford Heat (AHL), EHC Biel, EV Zug, SCL Tigers, HC Davos, ZSC Lions, GCK Lions, Dübendorf.
Grösste Erfolge: Meister mit Fribourg-Gottéron 2026, Meister mit dem HC Davos 2009, Spengler Cup-Sieger mit Fribourg-Gottéron 2024 und dem HC Davos 2011, 3x WM-Silbermedaillengewinner (2013, 2018, 2024).
SLAPSHOT: Nun folgt die Weltmeisterschaft. Wird das Ihr Abschiedsturnier aus dem Nationalteam?
Berra: Diese Gedanken habe ich mir noch nicht gemacht. Aber möglich ist es schon, ja.
SLAPSHOT: Woher nehmen Sie nach diesem mental und körperlich strapaziösen Playoff die Kraft für ein WM-Turnier?
Berra: Ich schlafe glücklicherweise eigentlich immer gut. Und fühle mich darum sehr frisch. Mein Mindset an der WM ist gleich wie bei Gottéron: Ich will das Turnier geniessen.





