«Blueliner Berger»: Die Legende von Taro Tsujimoto

Nicola Berger
Nicola Berger

Nicola Berger schreibt in seiner Slapshot-Kolumne «Blueliner Berger» über den NHL-Draft und wie sich Generalmanager der Buffalo Sabres einen unvergessenen Jux erlaubte.

Taro Tsujimoto
Taro Tsujimoto war ein fiktionaler Name, der ebenfalls für die inexistenten Tokyo Katanas spiele. - Stephan Boegli

Der NHL-Draft ist heute eine bierernste Angelegenheit, aber das war nicht immer so. Vor etwas mehr als 50 Jahren erlaubte sich der Generalmanager der Buffalo Sabres einen Jux, der bis heute unvergessen ist.

Man sieht sie in diesen Monaten auch in der Schweiz wieder: Männer in schwarzen Mänteln, mit geschäftigem Gang und wichtiger Bedenkenträgermiene. Die Scouts sind los, sie werden von den NHL-Organisationen in grosser Anzahl sogar hierhin entsandt, obwohl es in der Schweiz punkto Draft zuletzt sehr wenig zu holen gab.

In den letzten zehn Jahren gab es einen einzigen Schweizer NHL-Stammspieler, der sich im Draftjahr über die National League aufdrängte: Janis Moser. Der Bieler Verteidiger wurde in der zweiten Runde an 60. Stelle von den inzwischen nach Utah umgezogenen Arizona Coyotes gedraftet. Viel zu spät, klar, aber ein Jahr zuvor war Moser gänzlich übergangen worden. Obwohl längst augenfällig war, dass er über Tankerladungen an Talent verfügt.

Buffalo Sabres
Die Buffalo Sabres bei einem NHL-Spiel. - keystone

Es ist legitim, sich zu fragen, was die Scouts da eigentlich rapportier(t)en. Aber es sei zur Ehrrettung erwähnt, dass auch das flammendste Plädoyer keine Garantie dafür ist, dass ein Spieler auch tatsächlich selektioniert wird. Nach Europa entsandte Talentsucher stehen in der Hierarchie von NHL-Organisationen ziemlich weit unten, ihnen wird oft wenig Gehör geschenkt.

Es gibt in der NHL zwei europäische Generalmanager: den Schweden Patrick Allvin in Vancouver. Und den Finnen Jarmo Kekäläinen, der im Dezember die Geschicke der Buffalo Sabres übernahm. Untrennbar mit der Geschichte der Sabres, dem ehemaligen Arbeitgeber von Ralph Krueger, ist eine der launigeren Episoden in der Historie des 1963 erstmals durchgeführten NHL-Drafts.

Seit 2005 gibt es fix sieben Runden; in Tauschgeschäften kann selbst der Gegenwert eines Siebtrundendraftrechts zu einem Gelehrtenstreit führen. 1974 allerdings gab es die Rekordanzahl von 25 Runden. Was Buffalos GM Punch Imlach so ermüdete, dass er den 183. Pick dem Japaner Taro Tsujimoto widmete.

Es war ein fiktionaler Name, über den Imlach vorgaukelte, er spiele für die ebenfalls inexistenten Tokyo Katanas. Die «Katana»-Schwerter waren eine Hommage an die namensgebenden Säbel der Sabres. Es dauerte, bis Imlach den Jux auffliegen liess: Zum Start des Training-Camps war ein Spind für Tsujimoto reserviert, sein Trikot lag bereit. Imlach diktierte den gespannten Reportern, es sei ungewiss, ob das Supertalent es tatsächlich rechtzeitig nach Amerika schaffen werde.

Die Legende von Taro Tsujimoto gehört bis heute zum Kulturgut dieser gebeutelten Franchise, die in ihrem Bestehen noch nie den Stanley Cup gewinnen konnte. Und seit 14 Jahren die Playoffs nicht mehr erreicht hat. Es gibt Tsujimoto gewidmete Sammelkarten und Memorabilia.

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In gewisser Weise ist er eine Art Projektionsfläche für eine desillusionierte Fanbasis, seine Geschichte lädt ein, von besseren Zeiten zu fantasieren. Im Zeitalter, in dem sich noch nicht jeder Spieler aus den entlegensten Zipfeln dieser Welt mit einem Klick googeln liess, konnten hin und wieder auch Medienschaffende nicht widerstehen, sich einen Scherz zu erlauben.

So geschah das etwa in den 1990er Jahren in München, wo zwei Journalisten in einer gerade gerüchtearmen Transferzeit den finnischen Fussballer «Lapin Kulta» erdachten, nachdem sie sich kurz zuvor am gleichnamigen Bier gelabt hatten. Der Stürmer stehe mit 1860 München in Verbindung, schrieben sie. Und als der 2025 verstorbene 1860-Trainer Werner Lorant dann im TV nach «Lapin Kulta» gefragt wurde, sagte der tatsächlich: «Das ist in der Tat ein interessanter Mann, den wir im Blick haben.»

Es waren andere Zeiten, der Exkurs sei uns verziehen. Der NHL-Draft findet im Juni übrigens in … Buffalo statt, es wäre eine vergebene Chance, würden die Sabres die Legende um Tsujimoto nicht in das Happening einbinden.

Zumindest für einen Schweizer könnte es lohnenswert sein, sich in dieses Thema einzulesen: Lars Steiner, der einst in Davos ausgebildete Stürmer, der nun für Rouyn-Noranda in der QMJHL wirbelt. Steiner hat realistische Chancen, der erste Schweizer Erstrundendraft seit Lian Bichsel 2022 zu werden.

Der Autor

Nicola Berger schreibt seit mehr als 15 Jahren über das Schweizer Eishockey – er tat das lange für die «Luzerner Zeitung». Und auch für Produkte, die es betrüblicherweise längst nicht mehr gibt: «The Hockeyweek», «Eishockey-Stars», «Top Hockey».

Seit 2013 ist er Reporter bei der NZZ und hat eine ausgeprägte Schwäche für Aussenseiter sowie aus der Zeit gefallene Stadien und Persönlichkeiten. Ein Königreich für ein Comeback von Claudio Neff.

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