Ein Amt mit grossen Herausforderungen

Andy Maschek
Andy Maschek

Urs Kessler steht seit sieben Monaten an der Spitze des Schweizer Eishockeyverbandes SIHF. Sein Amt ist intensiv und herausfordernd.

Urs Kessler
Urs Kessler ist Präsident des Schweizer Eishockeyverbandes SIHF. - Reto Fischer

Die Sonne scheint an diesem Nachmittag Anfang April. In Interlaken herrschen Frühlingsgefühle. Als Ort für das Gespräch mit SLAPSHOT hat SIHF-Präsident Urs Kessler das Hotel Beau Rivage gewählt, wo er einen Tag pro Woche im Büro tätig ist und den Besitzer beim Neuaufbau des Betriebes unterstützt.

Kessler vollzieht damit den Spagat zwischen einem Unternehmen und einem Verband. «Bei einem Verband sind die Entscheidungswege deutlich länger. Die Basis muss einbezogen werden.

In einer Unternehmung kann man sehr schnell entscheiden – und das war ich mir bisher gewohnt», sagt der Berner Oberländer, der 38 Jahre, davon 17 Jahre als CEO, für die Jungfraubahn tätig war. «Zu entscheiden, heisst immer auch, Risiken einzugehen, dessen muss man sich bewusst sein. Aber die Prozesse bis zu einer Entscheidung sind in einem Verband häufig sehr lang.»

Turbulente Tage

Kessler erlebt gerade turbulente Tage. Die Eishockey-WM in der Schweiz steht vor der Tür, die natürlich auch ihn als Präsidenten beschäftigt. Dazu kommen die vielen Diskussionen rund um die Zukunft der Sky Swiss League und das Verhältnis zwischen der Swiss Ice Hockey Federation und der National League, das ein Spannungsfeld ist.

Kessler
Als Ort für das Gespräch mit hat SIHF-Präsident Urs Kessler das Hotel Beau Rivage gewählt. - Reto Fischer

Ein paar Tage nach dem SLAPSHOT-Termin wurde die Wahl von Patrick von Gunten als Director Sport und Nachfolger von Lars Weibel bekannt. Von Gunten wurde dem von der National League favorisierten Paolo Duca vorgezogen, was für zusätzliche Brisanz in der Beziehung zwischen Verband und Liga sorgt.

Und kurz darauf wurde publik, dass Nationalcoach Patrick Fischer 2022 mit einem gefälschten Covid-Zertifikat an die Olympischen Spiele in Peking gereist war. Es war das grosse Thema in den Schweizer Medien und bestimmte die Schlagzeilen. Die Trennung vom Nationalcoach wurde unumgänglich, nachdem man zuerst an ihm festhalten wollte.

«Der Fall ist rechtlich abgeschlossen, hat aber eine öffentliche Werte- und Vertrauensdiskussion ausgelöst, die der Verband sehr ernst nimmt. Vertrauen und Integrität sind zentral in unserem Sport und in unserem Verband. Aus heutiger Sicht war unsere erste Beurteilung, wonach die Angelegenheit abgeschlossen ist, zu kurz gegriffen. Es geht um Werte und Respekt, die für Swiss Ice Hockey zentral sind und von Patrick Fischer 2022 nicht gelebt wurden.»

«Der Verband bedauert, dass er diesem Aspekt in seiner ersten Beurteilung zu wenig Beachtung geschenkt hat. Gleichzeitig dankt der Verband Patrick Fischer für seine unbestrittenen grossen sportlichen Erfolge», kommentierte Präsident Kessler in der offiziellen Mitteilung den Turnaround und die Trennung von Fischer.

Es sind nicht die ersten und auch nicht die letzten Herausforderungen für Urs Kessler. Denn aktuell geht es für ihn auch darum, vermehrt unternehmerisches Denken in den Verband einzubringen. «Eine Firma kann nicht mehr ausgeben, als sie einnimmt», sagt er.

«Wichtig ist auch die Effizienz in den Dienstleistungen und Prozessen, wobei man dies weniger schnell umsetzen kann als in einer privaten Unternehmung. Für uns als Verband ist es wichtig, eine neue Strategie für die Jahre 2027 bis 2034 zu erarbeiten, gleichzeitig geht es darum, einen Verband so zu führen, dass er im Budget mindestens eine schwarze Null aufweisen kann sowie top Dienstleistungen zu erbringen, die von den Mitgliedern geschätzt werden.» Doch bleiben wir zuerst bei den Herausforderungen:

Herausforderung Heim-WM

Die WM in Zürich und Fribourg ist für das Eishockeyland Schweiz von enormer Bedeutung. «Es ist wichtig, dass wir alle – vom Breitensport bis zuoberst – sie als Sprungbrett für eine erfolgreiche Zukunft nützen», sagt Urs Kessler.

«Da geht es um Sport und Nachhaltigkeit und auch um die Chance, in der Breite, im Nachwuchs, für Popularität zu sorgen. Es ist eine einmalige Chance, den emotionalen Sport Eishockey noch populärer zu machen.» Das ist ein Anspruch, dem es gerecht zu werden gilt. Dazu kommt die sportliche Erwartungshaltung, die nach den Nati-Erfolgen in den letzten Jahren hoch ist.

Kessler erlebt gerade turbulente Tage.
Kessler erlebt gerade turbulente Tage. - Reto Fischer

«Auch wenn wir in der Schweiz bezüglich Zielsetzungen manchmal etwas zurückhaltend sind, ist nach drei Silbermedaillen der Hunger auf den grossen Coup sehr gross, wenngleich man nicht vergessen darf, dass an einer Heim-WM der Druck immer etwas grösser ist», so Urs Kessler, der während der WM jeden Tag mit Gästen und Partnern an einem Spiel und mit dem Eishockey beschäftigt sein wird und sagt: «Am besten geniessen könnte ich diese intensive Zeit mit Schweizer Siegen.»

Herausforderung Sky Swiss League

Die zweithöchste Liga unseres Landes ist ein grosses Thema. «Für die Sky Swiss League in der aktuellen Form stellen sich viele Herausforderungen», stellt der SIHF-Präsident klar.

«Wir brauchen eine zweite starke Profiliga, und am Ende müssen wir schauen, dass wir gemeinsam am Tisch und im Dialog einen Kompromiss finden. Wobei ich immer sage: Ein Kompromiss ist dann vollkommen, wenn alle unzufrieden sind.»

Für einen solchen Kompromiss braucht es den Verband, die National League und auch die Klubs der Sky Swiss League – was sehr schwierig ist, da naturgemäss auch Partikulärinteressen bestehen.

«Wir müssen in gemeinsamen Gesprächen nach Lösungen suchen. Schlussendlich geht es einzig und allein um einen schwarzen Puck und die beste Lösung für das Schweizer Eishockey», sagt Urs Kessler, im Wissen, dass es alles andere als leicht ist, das Ziel zu erreichen, dass sich alle auf die gleiche Ausrichtung einigen.

Herausforderung Kooperationsvertrag

Für die Zeit ab der Saison 2027/28 braucht es einen neuen Kooperationsvertrag zwischen Verband und Liga, der die finanzielle Entschädigung regelt, die der Verband für seine Dienstleistungen (u.a. Lizenzwesen, Schiedsrichter, Organisation Nachwuchs-Meisterschaften) von den Klubs der National League bekommt.

«Im Endeffekt geht es um die langfristige, erfolgreiche Ausrichtung unseres Eishockeys. Aber man muss vorsichtig sein, denn die grösste Gefahr für morgen ist der Erfolg von heute», so Urs Kessler. Das Schweizer Eishockey sei mit der Grösse des Landes und der Anzahl Lizenzierter sehr erfolgreich unterwegs: «Erfolg macht teilweise auch satt, aber wir dürfen nicht satt sein.»

Kessler
Kessler: «Entscheidend für das Schweizer Eishockey ist eine enge und partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Verband und National League.» - Reto Fischer

Brisant sind die Verhandlungen vor allem auch, weil Verband und Liga teilweise andere Ansichten haben und ihren jeweiligen Garten hegen und pflegen wollen.

«Es liegt in der Natur, dass jeder zuerst für sich schaut. Aber es ist auch wichtig, bei diesen Diskussionen das Gesamtinteresse vor Augen zu haben, denn schlussendlich geht es um den sportlichen Erfolg. Ein wichtiger Punkt für uns im Eishockey ist: Wir sind untereinander nicht Konkurrenten. Unsere Konkurrenz ist in anderen Sportarten. Und wir wollen für unser Eishockey Lösungen finden und müssen offen für Veränderungen sein», erklärt der Präsident.

«Es ist legitim, dass in Verhandlungen jeder für sich das bestmögliche Ergebnis anstrebt, wichtig ist aber, die Gesamtsicht bis hin zu den kleineren Klubs an der Basis zu behalten. Es geht darum, eine Lösung zum Wohl unseres Eishockeys zu finden.»

Herausforderung Frauenhockey

Durch das erfolgreiche Abschneiden an den Olympischen Spielen ist die Bedeutung des Eishockeys der Frauen nochmals gestiegen.

«Gerade auch der Halbfinal gegen Kanada hat gezeigt, dass die Schweiz extrem aufgeholt hat. Nun gilt es, das zu fördern. Es ist ein Prozess, der Zeit braucht – und es ist eine Chance.» Gleichzeitig bedingt die Weiterentwicklung auch finanzielle Mittel.

Präsident Kessler sagt: «Die grosse Chance des Fraueneishockeys ist, dass verschiedene Firmen in dieses Segment investieren wollen. Man spürt bei Diskussionen rund ums Sponsoring, dass Firmen ihre Gelder verlagern wollen. Es ist eine Chance, die die Klubs nützen müssen.»

Der Weg in die Zukunft

Damit das Schweizer Eishockey in eine erfolgreiche Zukunft geht, will der Präsident verschiedene Ideen in die neue Strategie einfliessen lassen. Er sagt:

«Entscheidend für das Schweizer Eishockey ist eine enge und partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Verband und National League. Das Eishockey muss von der Spitze bis zur Basis als durchgängige Pyramide organisiert sein. Da sind wir als Verband in den kommenden Jahren gefordert, diese Struktur weiterzuentwickeln und zu gestalten. Der Verband muss allen Mitgliedern gleichermassen dienen. Unser Auftrag besteht darin, Dienstleistungen für das Schweizer Eishockey zu erbringen, möglichst schlank, effizient und zu bestmöglichen Konditionen für die Mitglieder.»

Bist du Eishockey-Fan?

Am wichtigsten sei, dass im Schweizer Eishockey wieder alle an einem Strick ziehen. Dass der Sport im Vordergrund steht und allen bewusst ist, dass man gegenseitig voneinander abhängig ist – vom Breitensport über die Sky Swiss League bis zur National League. «Wir alle zusammen müssen dasselbe Ziel vor Augen haben: im Eishockey noch erfolgreicher zu werden, was für unser kleines Land fast nicht möglich ist.»

Rückblickend sind mehr Probleme aufgetaucht, als dass der Präsident nach seiner Analyse erwartet hat. Er bereut es aber nicht, das Amt übernommen zu haben, wie er lachend sagt: «Mein Umfeld und meine Kollegen haben mir damals davon abgeraten und wohl gerade deshalb habe ich es gemacht. Ich bereue es nicht, aber es ist eine Knacknuss.»

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