Leonardo Genoni – Der bescheidene Hexer

Leonardo Genoni wird im August 39 Jahre alt – und ist an der Heim-WM trotzdem einer der wichtigsten Schweizer Hoffnungsträger.

Diese Zeilen liessen sich alleine mit den Meriten von Leonardo Genoni füllen, angefangen mit den sieben Meistertiteln und drei WM-Silbermedaillen.
Aber eher noch bemerkenswerter als das einzigartige Palmarès ist der Umstand, dass Genoni sein beneidenswertes Können bis ins fortgeschrittene Alter hat konservieren können – er wird im August 39 Jahre alt. Und brilliert weiterhin.
Nicht nur, aber gerade auch im Nationalteam. 2025 wurde Genoni hochverdient als wertvollster Spieler der WM ausgezeichnet. Obwohl die Schweiz den Final bekanntlich verlor.
Eine riesige Ehre. Über die er aber lapidar sagte: «Das bringt mir wenig. Es hat wieder nicht für Gold gereicht.» Und auf die Frage, wie es ihm gelingt, den Alterungsprozess so lange zu überlisten, sagt er:
«Ach, die Torhüterposition ist für das Alter tendenziell gnädiger. Und ich habe das grosse Glück, dass ich keine körperlichen Beschwerden habe.»

Die Demut ist eine von Genonis wichtigsten Stärken. Die Bodenständigkeit ist nicht aufgesetzt – er ist ein Familienmensch, der seine Jugendliebe Anina geheiratet hat. Das Paar lebt mit den drei Kindern in Kilchberg, wo Genoni einst selbst aufwuchs.
Der Vater Michele ist Herzchirurg, die Brüder Tiziano und Gaetano spielten beide ebenfalls Eishockey. «Ich hatte eine wunderbare, unbeschwerte Kindheit», sagt Genoni. Zum Eishockey fand er, weil ein Brief in den Familienbriefkasten flatterte, in dem zu einem Schnuppertag eingeladen wurde.
Das war der Anfang einer beispiellosen Karriere, in der lange der Spass im Vordergrund stand. «Ich träumte als Jugendlicher nicht von einer Profikarriere, das war weit weg. Ich habe einfach gerne Hockey gespielt. Und das hat sich bis heute nicht geändert», sagt Genoni.
Als Teenager sang er während der Spiele
Eine andere Qualität ist die Lockerheit, die man ihm zunächst vielleicht gar nicht so zuschreiben würde. Genoni ist ein seriöser Schaffer, das sicher, aber ist kein verbissener Ehrgeizling, der zum Lachen in den Keller geht.
Als Knirps im Nachwuchs der GCK Lions riet ihm seine Mutter, er solle während den Spielen doch singen. Er sagt: «Mit 13, 14 habe ich das gemacht. Heute nicht mehr, aber ich versuche, die Lockerheit anders reinzubringen. Denn sie überträgt sich aufs Team und ist die beste Medizin.»
Es sollen die Gegner sein, die sich verkrampfen. Gerade in den Playoffs ist das über die Jahre immer wieder zu beobachten gewesen: Widersacher, die verzweifeln, weil Genoni den Laden dicht macht und der Gegnerschaft das Selbstvertrauen entzieht, als wäre er ein Dementor aus Harry Potter.

Der ehemalige EVZ- und Lugano-Coach Doug Shedden sagte kürzlich: «Ich habe in all den Jahren viele hervorragende Torhüter gecoacht und gesehen. Aber wenn ich ein einziges Spiel gewinnen müsste, sei es das Spiel 7 im Stanley-Cup-Final oder ein Olympia-Endspiel: Ich würde Genoni jedem anderen Goalie auf dieser Welt vorziehen. Seine Aura ist so etwas Spezielles.»
Es passt ins Bild, dass Genoni zuhause keine seiner unzähligen Medaillen irgendwo aufgehängt hat. Sie befänden sich im Estrich, sagt er, und man ahnt, dass sein vielleicht bemerkenswertester Charakterzug damit zu tun haben könnte: Dass er nie genügsam geworden ist.
Das geschieht ja wahnsinnig schnell, im Sport und im Leben: Dass der Erfolg einen sättigt. Aber Genoni sagt: «Für mich sind Siege eher der Antrieb, dafür zu sorgen, dass die nächsten Triumphe folgen.»
Auf Klubebene hatte der erfolgsverwöhnte Jahrhundert-Goalie zuletzt zu kämpfen – mit dem EVZ gewann er in den letzten drei Jahren nur noch eine Playoff-Serie. Und musste im Januar die erste Trainerentlassung seiner Karriere verkraften als Michael Liniger durch Benoît Groulx ersetzt wurde.
«Es hat mir für Liniger extrem leidgetan», sagt Genoni. Sein Vertrag in Zug läuft noch bis 2027, im Sommer wird es darum gehen, wo und wie er seine Zukunft gestaltet.
50 Tage Pause zwischen dem letzten EVZ-Spiel und der ersten WM-Partie
An der Heim-WM will Genoni sich und sein Team endlich auch international krönen, nach drei verlorenen WM-Finals innert sieben Jahren ist der Erfolgshunger ungestillt. Es könnte auch die letzte goldene Gelegenheit für die «Generation Genoni» um ihn, Reto Berra und Roman Josi sein.
Denn wer weiss, wie lange die Routiniers sich ihr aktuelles Leistungsvolumen noch bewahren können. Macht Genoni sich darüber Gedanken? «Nein», sagt er, «ich schaue nicht zu weit voraus, das kostet nur Energie.»
Genoni ist jemand, der in der Gegenwart lebt. Und die sah in diesem Frühjahr so aus, dass es zwischen dem neuerlich bitteren und frühen Saisonende mit dem EV Zug (Aus im Viertelfinal gegen Davos) und dem WM-Start mit der Schweiz fast 50 Tage zu überbrücken galt.
Das ist eine lange Zeit, auch wenn mit dem Nationalteam noch allerlei Testspiele auf dem Programm standen. Doch 2025 war die Pause noch länger. Und Genoni spielte dennoch das vielleicht beste Eishockey seiner Karriere.

Er wird in der Swiss Life Arena gefragter denn je sein – die Schweizer Abwehr wird über nur zwei NHL-Verteidiger verfügen: Roman Josi (35, Nashville Predators) und Janis Jérôme Moser (25, Tampa Bay Lightning).
Ehrung für 150 Länderspiele
Leonardo Genoni gehört seit Jahren zu den fixen Grössen im Schweizer Nationalteam. Das widerspiegelt sich auch in den Zahlen und Erfolgen. Er war dabei, als die Schweiz 2018, 2023 und 2024 WM-Bronze gewann und sammelte an diesen Turnieren auch diverse persönliche Auszeichnungen.
Er nahm an den Olympischen Spielen 2018, 2022 und 2026 und wurde nun Ende April beim Länderspiel der Schweiz in Biel für seinen Meilenstein von 150 Länderspielen geehrt, während gleichzeitig Stürmer Fabrice Herzog für 100 Auftritte mit dem A-Nationalteam ausgezeichnet wurde. Ganz klar, der Name Leonardo Genoni wird für immer in der Geschichte des Schweizer Eishockeys verewigt bleiben.
Der Lokalmatador Jonas Siegenthaler (28, New Jersey Devils) musste verletzt absagen und Lian Bichsel (21, Dallas Stars) wird aus Zwängerei nicht aufgeboten, obwohl das die Schweizer Gold-Chancen signifikant schmälert.
Genoni würde sich zur Aufgebotspolitik nie kritsch äussern, dafür ist er zu sehr Diplomat und Profi. Er sagt nur: «Wir werden eine gute Mannschaft haben und alles geben, um unseren grossen Traum zu verwirklichen.»





