HC Lugano

Muss Willi Vögtlin nach Manchester, New Hampshire?

Nicola Berger
Nicola Berger

Zach Sanford hat sich für den HC Lugano als Glücksgriff entpuppt. Hier erzählt er von seinem Lugano-Vorbild sowie dem emotionalen Stanley-Cup-Moment 2019.

Zach Sanford
Zach Sanford mit der knapp 15 Kilo schweren Stanley-Cup-Trophäe. - zVg

Im August 2019 steigt Zach Sanford in Manchester, New Hampshire, aus einem Truck und reckt die knapp 15 Kilo schwere Stanley-Cup-Trophäe in den Himmel. Sanford hat sie knapp zwei Monate zuvor mit den St. Louis Blues gewonnen, nach einem der spektakulärsten Saisonverläufe der jüngeren NHL-Geschichte: Noch am 3. Januar waren die Blues das schlechteste Team der Liga; die Buchmacher quotierten St. Louis als 250:1-Aussenseiter.

Doch die Blues krönten einen beispiellosen Steigerungslauf mit dem Triumph gegen die Boston Bruins im siebten Finalspiel. Zach Sanford erzielte beim 4:1-Sieg in der Belle den letzten Treffer der Blues. Es war der Schlusspunkt einer hochemotionalen Saison für ihn. Als er sich im Herbst über das Training-Camp für einen Platz im Team der Blues aufzudrängen versuchte, hatte sein Vater Mike einen Herzinfarkt erlitten.

Zach schaffte es nicht mehr rechtzeitig ins Spital, um sich zu verabschieden. Den Titel widmete er Mike, der ihn einst als Bub gecoacht hatte. Und in Manchester besucht er dann mit der Trophäe im Arm das Grab des Vaters. «Das hat mir extrem viel bedeutet. Wir hatten ein sehr enges Verhältnis und er war der Grund, weshalb ich mich überhaupt in diesen Sport verliebt habe.»

Ein Leben aus dem Koffer

Wäre Sanfords Karriere ein Hollywoodstreifen, dann wäre das ein rührender Schlusspunkt gewesen. Aber welche Erklärung hat er für die wundersame Auferstehung der Blues in jener Spielzeit? «Es mag nach einem Klischee klingen, aber wir waren wirklich einfach ein Team auf der gleichen Wellenlänge. Bei Teamevents oder gemeinsamen Abendessen fehlte kaum je ein Spieler. Ein so extremer Zusammenhalt ist selten.»

Doch für Sanford fiel mit dem Stanley-Cup-Triumph nicht der letzte Vorhang; es musste weiter gehen, im Leben und in der Karriere. 2021 wurde er von den Blues nach Ottawa getauscht – und seither führten er und seine Partnerin ein Leben aus dem Koffer. Sanford spielte innert vier Jahren für acht verschiedene Teams, richtig sesshaft wurde er nie.

«Es ist schwer, sich ständig neu zurechtzufinden. Irgendwann stumpfst du ab, was die Trades und Wechsel angeht», sagt er. Auch darum war Sanford im Sommer nicht abgeneigt, nach Europa zu wechseln.

Zach Sanford
Zach Sanford ist bei HC Lugano seit 2025. - Ti-Press

Er sagt: «Beinahe hätte ich schon früh in der Off-Season unterschrieben, mein Agent verhandelte mit mehreren Mannschaften aus der Schweiz. Letztlich klappte es im August mit Lugano, und dafür bin ich dankbar. Es hätte mich an keinen besseren Ort verschlagen können.»

Sanford schwärmt vom Tessiner Postkartenidyll und sagt: «Du siehst die Bilder im Internet und denkst: Wie schön! Aber Bilder sind Bilder, und sie werden der Realität nicht gerecht. Es ist grossartig hier.» Er zählt auf, was er schon gesehen hat. Den Monte Brè, den San Salvatore, den Monte Tamaro. Über Letzteren sagt er: «Bis jetzt ist das mein Lieblingsort.»

Aber natürlich hilft einem Hockeyprofi die schönste Umgebung wenig, wenn es sportlich nicht stimmt – Lugano, dieses Paradies unter Palmen, hat das in den letzten zwei Jahrzehnten schmerzhaft erfahren müssen. Doch Sanford und Lugano, diese Liäson stimmt auch auf dem Eis. Sein Vertrag wurde bereits im Dezember bis 2028 verlängert, es war ein unmissverständlicher Vertrauensbeweis des Managements um den Sportchef Janick Steinmann.

Findest du die Karriere von Zach Stanford spannend?

Während eine der anderen Sommerakquisen, der Stürmer Mike Sgarbossa, vor dem Transferschluss an den SC Bern abgegeben wurde. Sanford war ein guter Fang Steinmanns, er ist ein Spieler, der ein bisschen an Daniel Winnik erinnert, den ehemaligen Servettien mit ebenfalls langer NHL-Vergangenheit. Sanford ist 1,93 Meter gross und 94 Kilo schwer. Man hat in der National League auch schon Spieler mit dieser Postur scheitern gesehen, weil das Tempo sie überforderte.

Doch Sanford schlug auf Anhieb ein: Ende Januar war der 31-Jährige zusammen mit Luca Fazzini mit knapp einem Punkt pro Partie der beste Skorer des Teams. Sanford sagt: «Ich habe mich sehr schnell akklimatisiert, mit den Coaches hat es gleich ‹klick› gemacht. Natürlich hilft es, wenn man dieses Vertrauen spürt.»

Im Vergleich zum Vorjahr ist Lugano kaum wiederzuerkennen

Sanford ist Luganos Erstliniencenter, kein Stürmer erhält mehr Eiszeit als er. In Nordamerika hatte er immer wieder auch auf den Flügel ausweichen müssen, aber die Centerposition ist sein bevorzugtes Revier. Sanford wuchs als Fan der Boston Bruins auf, mit seinem Vater besuchte er als Teenager mehrere Heimspiele pro Saison.

Sein Jugendidol war Patrice Bergeron, an den man in Lugano allerbeste Erinnerungen hat: In der Lockout-Saison 2012/13 hatte der Kanadier ein unvergessliches Gastspiel in der Resega gegeben. 2023 hat er seine Karriere beendet. Es liegt auch an Sanford, dass Lugano die positive Überraschung der Saison ist.

2024/25 hatte Lugano in einer der bedenklichsten Spielzeiten der Klubgeschichte Platz 13 belegt. Doch die frisch eingestellten Trainer Tomas Mitell und Stefan Hedlund haben aus dem Sorgenkind ein Team geformt, das ein bisschen an die Rapperswil-Jona Lakers in den ersten Jahren der Ära Hedlund gemahnt, einfach mit mehr Talent: Lugano ist ein unangenehmer, äusserst aufsässiger und erstklassig organisierter Gegner.

Zach Sanford

Nationalität: USA

Geboren: 9. November 1994

Grösse: 193 cm

Gewicht: 94 kg

Stock: links

Bei HC Lugano seit: 2025

Vertrag bis: 2028

Bisherige Klubs: Rockford IceHogs (AHL), Chicago Blackhawks (NHL), Tucson Roadrunners (AHL), Arizona Coyotes (NHL), Milwaukee Admirals (AHL), Nashville Predators (NHL), Winnipeg Jets (NHL), Ottawa Senators (NHL), St. Louis Blues (NHL), San Antonio Rampage (AHL), Chicago Wolves (AHL)

Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe hatte das Team am wenigsten Gegentore der Liga kassiert. Im Winter zuvor war einzig die Defensive Ajoies noch anfälliger gewesen. Sanford sagt, er wisse um die schwierige jüngere Vergangenheit des Klubs, die Durststrecke seit dem letzten Meistertitel von 2006; um die Sehnsüchte und den Erfolgshunger.

Und er sagt, dass er glaube, dass diese Mannschaft sie stillen kann: «Ich glaube, dass wir Meister werden können. Wir sind in der Lage, jeden Gegner zu schlagen und haben gezeigt, dass wir eine der am härtesten arbeitenden Mannschaften der Liga sind. Der Groove im Team stimmt.»

Wenn das jemand beurteilen kann, dann Sanford, spätestens seit 2019. Gelingt dem wiedererstarkten Lugano tatsächlich der grosse Wurf, müsste man vielleicht eine Ausnahme machen und auch für die National-League-Trophäe einen «Day with the Cup» ins Leben rufen. Ein amerikanischer Staatsempfang für den Gralshüter Willi Vögtlin, der die Kostbarkeit im Flugzeug mit seinen weissen Handschuhen nach Manchester eskortiert? Es sind schon verrücktere Dinge geschehen im Jahr 2026.

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