Ralph Kruegers letzte WM und der Beginn der «silbernen Jahre»

Mit der WM 2009 in Bern und Kloten endet die Ära von Ralph Krueger. Aber noch ahnt niemand, dass die Schweiz vier Jahre später im WM-Final steht.

Mit dem 4. Platz bei der WM 1998 in Zürich und Basel hat die Ära von Ralph Krueger begonnen, mit einer enttäuschenden WM 2009 in Bern und Kloten (9. Platz) endet sie. Aber noch ahnt niemand, dass die WM 2009 Ralph Kruegers letzte ist. Und noch weniger, dass die Schweiz nur vier Jahre später im WM-Final stehen wird.
Die Schweizer erreichen bei der WM 2009 das Minimalziel Viertelfinal nicht. Ist die Zeit von Ralph Krueger abgelaufen? Sein Vertrag läuft noch ein weiteres Jahr bis und mit der WM 2010 in Deutschland. Eine zeitgenössische WM-Analyse zeigt die Stimmung:
«Das Mass aller Dinge ist auch für die Schweizer Nationalspieler die NHL. Dort haben sich mehrere Goalies (Hiller, Gerber, Aebischer), ein Verteidiger (Streit), aber noch kein Stürmer durchgesetzt. Was lernen wir daraus? Dass nur die Goalies und Verteidiger, nicht aber die Stürmer international erstklassig sind.

Ralph Krueger ist der erste Nationaltrainer, der die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis gezogen und erkannt hat, dass wir nur als defensives Kollektiv eine Chance haben. Und so hat er seit 1997 nach und nach eine Hockeymaschine gebaut, die heute als eine der defensiv stärksten Nationalmannschaften der Neuzeit gilt.
Was hat die zwölfjährige Amtszeit des charismatischen Deutsch-Kanadiers Krueger gebracht?
1. Erfolg und Konstanz. Unter Krueger ist die Schweiz nie mehr abgestiegen und steht auf Position 7 der Weltrangliste. Seit dem letzten Medaillengewinn von 1953 hat das Schweizer Eishockey nie mehr eine so stabile Phase durchlebt.
2. Ein neues Denken. Kruegers radikaler Optimismus ist ein Teil der Schweizer Hockeykultur geworden, hat eine ganze Spielergeneration inspiriert und ist ein Grund, warum die ersten Schweizer in der «Ära Krueger» den Durchbruch in der NHL geschafft haben.

3. Polemik. Die Begleitmusik zu Kruegers Erfolg ist die Polemik. Weil sich die besten Offensivspieler der Liga international nicht durchsetzen können, verzichtet der ehemalige deutsche Nationalspieler (letzte WM 1986) Jahr für Jahr auf Stars, die in der Liga-Skorerliste und der Gunst der Fans oben stehen. Und nominiert Stürmer, die auch defensive Pflichten erfüllen, sich klaglos ins Kollektiv einfügen und sich dem Nationaltrainer unterordnen.
4. Ignoranz. Die Präsenz in der höchsten WM-Klasse ist so selbstverständlich geworden, dass (zu) viele vergessen haben, wie zerbrechlich der internationale Erfolg ist. Die Forderung nach einem WM-Halbfinal ist richtig. Die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft kann, wenn alles stimmt und mit viel Glück, aber nur dann, hin und wieder unter die besten Vier der Welt kommen. Wie zuletzt 1998. Aber es ist eine grössere Leistung, jedes Jahr die Viertelfinals zu schaffen und nicht abzusteigen, als einmal die Halbfinals zu erreichen.
Gibt es zwingende Gründe für eine sofortige Ablösung von Ralph Krueger? Nein. Nicht einmal statistische. 1998 reichten an der ersten WM unter Krueger zwei Siege zum 4. Platz.
Diesmal gewannen wir drei Spiele und es reichte nicht mal für die Viertelfinals. Aber wir waren besser als 1998. Andere Zeiten, andere Umstände – und schon wird eine Leistung anders beurteilt.

Die Schweizer haben an der WM 2009 gegen drei(!) spätere Halbfinalisten gespielt (Schweden, Russland, die USA). Krueger hat keine gravierenden Fehler (Taktik, Aufgebot) gemacht. Es stimmt: Er hat einige der besten Spieler der Liga nicht aufgeboten. Aber für die WM braucht es nicht die Besten der Liga, sondern die Besten fürs internationale Eishockey.
Der 9. Schlussrang ist ein gutes Resultat. Die Kritik an Krueger kommt von Laien, die das internationale Hockeygeschäft nicht oder nicht mehr kennen.»
Ralph Krueger wird nach der WM nicht gefeuert. Seine Amtszeit geht nach dem Olympischen Turnier im Februar 2010 trotzdem unerwartet vorzeitig zu Ende. Er tritt zurück und Sean Simpson muss bereits bei der WM 2010 in Deutschland an die nationale Bande.
Die WM 2009 wird mit total 379'044 Zuschauern (56 Spiele) und einem Reingewinn von etwas mehr als 1,5 Millionen Franken die bisher erfolgreichste in unserem Land. 1998 waren 231'748 (für 49 Spiele) und 1990 (für 40 Spiele) 236'150 Tickets verkauft worden.
Im Rückblick erkennen wir, dass die WM 2009 einen Wendepunkt in unserer Hockeyentwicklung markiert. Bis und mit der WM 2009 haben wir bei Titelturnieren mangels Talent Hockey mehr gearbeitet als gespielt. Ab 2009 werden wir Hockey spielen.
Bis zur WM 2009 ähnelt unser Spiel einem bis auf den Grund zugefrorenen See. Nichts bewegt sich, alles ist Taktik und Disziplin. Doch nach und nach beginnt es von unten herzutauen, spielerische Bewegungen und Strömungen machen sich bemerkbar und bald wird das Eis unter der wärmenden Sonne einer neuen, viel talentierteren Spielergeneration schmelzen.

Es ist der Beginn der «silbernen Jahre»: Bereits 2013 erreichen die Schweizer erstmals den WM-Final und haben mit Nino Niederreiter einen dominanten offensiven Leitwolf, der sich als erster Schweizer Stürmer in der NHL durchgesetzt hat und 2018 folgt der zweite WM-Final. Im Frühjahr 2009 hat Yannick Weber erst drei NHL-Partien gespielt und Roman Josi gerade seine zweite Saison mit dem SCB be endet.
Vom durch Taktik geprägten WM-Team von 2009 werden im spielerisch begeisternden Finalteam von 2013 nur noch sieben Spieler eine Rolle spielen: Martin Gerber, Severin Blindenbacher, Mathias Seger, Roman Josi, Philippe Furrer, Andres Ambühl und Martin Plüss. Unser Hockey hat offensiv laufen gelernt.
Roman Josi personifiziert mit seiner Entwicklung zu einem der besten Offensivverteidiger der Welt diese Entwicklung: 2009 bleibt er bei 6 WM-Einsätzen (9:44 Min. pro Spiel) noch punktelos, 2013 bucht er in 10 WM-Partien (20:08 Min. pro Spiel) 4 Tore und 5 Assists.





