Sean Simpson – Der «Herr der Ringe»

Nicola Berger
Nicola Berger

Im grossen SLAPSHOT-Interview blickt Ex-Nationaltrainer Sean Simpson auf seine Karriere zurück – und auf seine Zeit als «Herr der Ringe» in Zug.

Ex-Nationaltrainer Sean Simpson.
Ex-Nationaltrainer Sean Simpson. - Marcel Bieri

Der ehemalige Nationaltrainer Sean Simpson hat sich 2022 in den Ruhestand verabschiedet. Im grossen SLAPSHOT-Interview lässt er seine eindrückliche Karriere Revue passieren. Und verrät, wie er in Zug einst als «Herr der Ringe» galt.

SLAPSHOT: 1983 wechselten Sie aus Kanada in die Niederlande. Wie kam das?

Sean Simpson: Es war eine andere Zeit. Die Niederlande spielte damals an der WM in der A-Gruppe, im Gegensatz zur Schweiz beispielsweise. Die Liga war gut, es gab viele Kanadier mit niederländischen Wurzeln. Eher zufällig konnte ich 1979/80 für Kanada die U20-WM bestreiten.

Ich spielte danach zwei Jahre in der AHL und wurde von Chicago gedraftet. Aber mir war klar, dass ich keine Chance in der NHL erhalten würde. Darum wollte ich nach Europa.

SLAPSHOT: In gewisser Weise war es eine Rückkehr: Sie wurden einst in England geboren.

Simpson: Das kam so: Meine Eltern waren Engländer, wanderten aber nach Kanada aus. In England hatten sie ihr erstes Kind kurz nach der Geburt aufgrund von Komplikationen verloren. Im Spital sagte man ihnen: Wenn ihr noch einmal ein Kind kriegt, kommt hierher.

Wir wissen, was das Problem war und können die Risiken beseitigen. Also taten sie das. Aber nach meiner Geburt ging es direkt zurück nach Kanada.

SLAPSHOT: 1985 verstärkten Sie kurz den ZSC.

Simpson: Ich landete in Salzburg, in der zweiten Liga Österreichs. Und wollte dort weg, weil man dort so wenig Spiele bestritt. Mein Agent vermittelte mich nach Zürich und dort lernte ich Andy Murray kennen, der ein langjähriger Wegbegleiter wurde und mit dem ich mich noch heute austausche.

Beim ZSC war ich nur der Ersatz von Milan Novy und absolvierte lediglich zwei Partien. Aber das Land und die Leute gefielen mir so gut, dass ich mir fest vornahm, in die Schweiz zurückkehren zu wollen.

Beim ZSC war ich nur der Ersatz von Milan Novy und absolvierte lediglich zwei Partien.
Sean Simpson: «Beim ZSC war ich nur der Ersatz von Milan Novy und absolvierte lediglich zwei Partien.» - imago

Auch die Liga war stark: Bern, Zug und der ZSC spielten alle in der NLB. Es war das Jahr, in welchem wir den Aufstieg in die NLA schafften. Das war ein grossartiges Team.

SLAPSHOT: Sie tingelten als Ersatzausländer durch das Land: Ajoie, Lyss, Olten.

Simpson: Ja, das war mein Los. Mir gefiel es überall, aber finanziell war es nicht so einfach, ich lebte von Monatslohn zu Monatslohn und schlug mich irgendwie durch. Nach Lyss kam ich in einem Try-Out und verletzte mich dann am «Industrie-Cup» an der Hüfte.

Der Klub war sehr gut zu mir, ich durfte bleiben. Ich hatte nichts zu tun und schlug deshalb vor, jeweils mit den Junioren aufs Eis zu gehen. Das war der Start meiner Trainerkarriere.

SLAPSHOT: 1992 wurden Sie quasi aus dem Nichts Assistenztrainer in Zug.

Simpson: Mein alter Freund Mike McParland sagte mir, dass es diese Vakanz gibt und dass ich mich doch bewerben soll. Ich glaube, der EVZ hatte um die 40 Bewerbungen für diese Stelle, ich machte mir entsprechend keine Illusionen.

Aber Andy Murray hat ein paar Anrufe getätigt und so hatte ich tatsächlich das Glück, eingestellt zu werden. Ich glaube, der damalige Cheftrainer Björn Kinding wollte einen Nordamerikaner, der keine Gefahr für ihn darstellte.

Dieses Profil passte perfekt, mich kannte ja niemand, ich stand ganz am Anfang der Karriere. Und Zug hatte eine sehr nordamerikanisch geprägte Mannschaft: Antisin, Muller, Yaremchuck. Es war eine gute Zeit. 1993/94 schlugen wir im Viertelfinal Bern.

Das war in Zug die grösste Sache auf der Welt, die erste gewonnene NLA-Playoff-Serie der Klubgeschichte. Wir hatten auswärts zweimal keine Chance, Spiel 4 verloren wir 0:8. Aber zu Hause schoss uns Dino Kessler in der Verlängerung weiter. Es gab eine Freinacht.

Sean Simpson
Sean Simpson und Colin Muller (Assistenztrainer). - Pius Koller

SLAPSHOT: Quasi im Nebenamt coachten Sie die Elite-Junioren.

Simpson: 1994 wurden wir Meister, wir hatten ein sensationelles Team: Patrick Fischer, Daniel Giger, Livio Fazio. Der Titel hat dem damaligen Präsidenten Fredy Egli sehr imponiert, das half mir später. Und die Jungs hörten nicht auf, von meinem Ring zu sprechen.

Ich hatte 1982 mit den New Brunswick Hawks den Calder Cup gewonnen, diesen Ring trug ich hin und wieder. Nach dem Titel fragte mich Egli, wie wir die Mannschaft belohnen können. Und ich sagte: Mit einem Ring! Er war einverstanden.

Nach der Rückkehr nach Kanada bin ich am gleichen Tag in die Fabrik gefahren und habe ein Design vorgeschlagen. Ende Juli war die Produktion abgeschlossen und ich flog mit den Ringen zurück in die Schweiz. Die Jungs waren so stolz, wir reden heute noch darüber.

SLAPSHOT: Sie blieben sieben Jahre in Zug.

Simpson: Es war das erste Mal seit langem, dass ich sesshaft werden konnte. Ich lernte Deutsch und fühlte mich wirklich wohl. 1994/95 vertrat ich für einige Monate Jim Koleff, der an Krebs erkrankt war. Koleff war ein wirklich guter Freund, wir verstanden uns vom ersten Tag an blendend.

Sein Tod hat mich sehr mitgenommen. Er war eine so grossartige Persönlichkeit. Vor jedem Spiel schickte er uns einen Fax aus dem Spital in New York City mit Anweisungen und taktischen Informationen zum Gegner.

Als er 1997 nach Lugano weiterzog – und dort übrigens 1999 Meister wurde – gab mir Fredy Egli die Chance, mich als Cheftrainer zu beweisen.

SLAPSHOT: Und sie wurden auf Anhieb Meister.

Simpson
Simpson wurde Spengler Cup-Sieger mit dem Team Canada 2008. - swiss-image.ch

Simpson: Ja, das war ein magisches Jahr. Da gab es den nächsten Meisterring!

SLAPSHOT: Sie zogen darauf nach Deutschland weiter und wurden auch dort Meister, ehe Sie 2003 nach Zug zurückkehrten.

Simpson: Aus dieser Zeit stammt der ominöse Fragebogen, den der damals sehr junge Sportchef Patrick Lengwiler nach dem Saisonende verteilte und der vor allem den «Blick» sehr lange beschäftigte. Man hätte das sicher anders handhaben können. Aber hey, wir haben einen

Weg gefunden und ich blieb danach noch zwei Jahre in Zug. Aus meiner zweiten EVZ-Amtszeit ist mir vor allem der «Reverse Sweep» von 2006/07 gegen Rapperswil geblieben.

SLAPSHOT: Sie lagen 0:3 zurück, als der Präsident Roland Staerkle auf dem Zugerberg zu einer legendären Wutrede ansetzte und mit Holzstücken um sich warf.

Simpson: Ich beauftragte Colin Muller, diese einzusammeln. Wir legten sie in die Kabine und während den Partien unter die Spielerbank. Unser Masseur Kari Müller hatte ganz schön zu schleppen.

Die Holzstücke wurden zu einer Art Glücksbringer. Wahrscheinlich hatten sie überhaupt nichts damit zu tun, dass wir die Serie drehten. Aber es ist eine gute Geschichte.

SLAPSHOT: Die nächste Station war der ZSC, der vor Ihrem Amtsantritt mit dem Interimstrainer Harold Kreis überraschend Meister wurde. Wie schafft man es, eine Mannschaft für sich zu gewinnen, die gerade das ultimative Ziel erreicht hat?

Simpson: Das war eine sehr schwierige Konstellation. Die Champions League hat sich da als Segen erwiesen. Unser erstes Spiel war in Linköping. Alle dachten, dass wir keine Chance haben. Bern hatte zuvor gegen Jonköping hoch verloren.

Wir gerieten früh in Rückstand, und die Schweden haben nicht einmal gejubelt, weil sie dachten, dass das sowieso einen Kantersieg gibt. Aber wir siegten 7:2, und nach dem Spiel erhielt ich Nachrichten aus der Schweiz von Freunden die schrieben, dass im Teletext stehe, dass wir gewonnen hätten.

Und das doch sicher ein Fehler sei. Von da an hatte ich das Gefühl, dass die Mannschaft sich fand und an unsere Vision glaubte.

SLAPSHOT: Mit dem ZSC gewannen Sie erst die Champions League und dann den Victoria Cup. Wie wichtig waren diese internationalen Sternstunden im Prozess, Nationaltrainer zu werden?

Simpson: Das hat bestimmt geholfen. Zumindest, was die öffentliche Wahrnehmung anging. Aber ich war achtmal am Spengler Cup und sammelte schon da Erfahrungen.

Für die tatsächliche Arbeit als Nationaltrainer war es wichtiger, dass ich an zwei Weltmeisterschaften Assistenztrainer bei Weissrussland war. Und darum wusste, wie eine WM funktioniert und wie dort die Atmosphäre ist.

SLAPSHOT: Hat der Staatschef Alexander Lukaschenko Sie eingestellt?

Simpson: Nein, wo denken Sie hin? Aber einmal wollte ich zur Arbeit ins Stadion ins Trainerbüro. Und wurde von einem eifrigen Ordner weggeschickt. Ich versuchte zu erklären, dass ich zum Staff gehöre. Aber es wurde alles abgesperrt, weil Lukaschenko einen Privatmatch abhalten wollte.

Die ehemaligen Spieler mussten alle mitmachen. 2006 schafften wir es in den Viertelfinal, die Delegation wurde danach im Luxusjet nach Minsk geflogen, es gab eine Parade. 2007 wurden wir in Moskau nur Elfter. Da ging es mit dem Zug zurück nach Minsk, die ganze Nacht hindurch.

Sean Simpson
Sean Simpson mit ZSC-Goalie-Legende Ari Sulander, Sula. - Pius Koller

SLAPSHOT: Das war nicht Ihr einziger Bezugspunkt mit dem wilden Osten: 2014 landeten Sie bei Lokomotiw Jaroslawl. Und wurden nach neun Spielen entlassen.

Simpson: Es war die erste Entlassung meiner Karriere. Aber interessant ist, dass fünf Jahre später Craig MacTavish (von Februar 2020 bis April 2021 Trainer des Lausanne HC/die Red.) dort war. Ich habe die Interviews gelesen, die er in Kanada gab.

Es war verrückt: Er hat eins zu ein das gleiche erlebt wie ich und Colin (Muller, der Assistenztrainer, die Red.): Auch er musste schon im Sommer jeden Tag ins Büro des Präsidenten. Und wurde bei der ersten Gelegenheit entlassen.

Ich könnte ein Buch über meine Zeit in Russland schreiben. Wir hatten zunächst einen Assistenten, der kein Englisch sprach. Aber es war trotz des schnellen Abschieds eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

SLAPSHOT: Sie blieben nach der Entlassung eine Woche in der Stadt.

Simpson: So war es. Colin und ich nutzten die Zeit, um die Stadt zu erkunden. Ich habe fast nur positive Erinnerungen. Was mir vor allem geblieben ist: Die Menschen waren extrem herzlich. Obwohl es eine Sprachbarriere gab und wir das Team nur so kurz coachten, wurden wir überall mit viel Respekt empfangen.

Die Erinnerungen an den schrecklichen Flugzeugabsturz von 2011 waren noch frisch, das merkte man den Menschen an.

Verfolgst du die Karriere von Sean Simpson?

SLAPSHOT: Sie landeten in der KHL, weil Sie sich mit Swiss Ice Hockey nicht über eine Vertragsverlängerung einigen konnten. Wären Sie gerne länger Nationaltrainer gewesen?

Simpson: Es ist alles gut so, wie es ist. Wir konnten uns nicht einigen, so ist das Geschäft. Es war eine riesige Ehre, diesen Job ausüben zu dürfen. Die grösste meiner Karriere sogar. Vom Nachwuchstrainer in Lyss zum Nationalcoach, das ist doch ein unglaubliches Spektrum.

Wenn ich heute im Ruhestand auf meine Karriere zurückblicke, dann empfinde ich in erster Linie Dankbarkeit. Und denke: Wow, dieses Team hast du mal gecoacht, krass.

SLAPSHOT: Wie hoch gewichten Sie die WM-Silbermedaille von 2013 retrospektiv?

Simpson: Für mich war es ein Highlight. Und ich glaube, die Spielergeneration hat aus jenem Turnier den Glauben mitgenommen, dass wir uns nicht verstecken müssen.

Wir hatten damals auf dem Papier nicht das beste Team, es gab einige Absagen. Aber es waren alles Jungs, die wirklich dort sein wollten. Es war eine verschworene Einheit, deren Teamgeist uns weit getragen hat.

SLAPSHOT: Von den Silberhelden von damals sind nicht mehr viele Spieler aktiv, im Kreis des Nationalteams bewegen sich nur noch Reto Berra, Roman Josi und Nino Niederreiter. Fürchten Sie, dass das Schweizer Eishockey auf finstere Jahre zusteuert?

Simpson: Wenn man die Draftpicks der letzten Jahre anschaut, dann macht man sich schon Sorgen, keine Frage. Es gibt immer noch gute Spieler in der Liga, ich habe Freude, wenn ich das Niveau sehe. Aber man darf sich schon fragen, wo der nächste Josi, der nächste Hischier, der nächste Genoni ist.

Ganz generell stehen wir vor einer interessanten Zukunft. Wohin steuert zum Beispiel die WM? Ich liebe das Format, es sind jedes Jahr Eishockey-Festspiele in grossartiger Atmosphäre, für Fans und Spieler. Allerdings besteht die Gefahr, dass die Bedeutung mit dem «World Cup» und der Partizipation der besten NHL-Spieler bei den Olympischen Spielen sinkt. Das bereitet mir für das Turnier Sorgen.

SLAPSHOT: Vor ein paar Jahren liessen Sie sich einbürgern. Ist die Schweiz für Sie inzwischen Heimat?

Simpson: Sonst wäre ich heute nicht mehr da … Ich habe immer noch viele Verwandte in Kanada, wir sind jedes Jahr für ein paar Monate dort. Aber unser Lebensmittelpunkt ist die Schweiz. Man kann überall auf der Welt die Leute fragen, wo die Lebensqualität am höchsten ist – fast alle sagen: in der Schweiz. Und das stimmt, ich liebe es, hier zu leben.

DEL-Champion
DEL-Champion mit den München Barons 2000. - imago

Sean Simpson

Geburtsdatum: 4. Mai 1960

Stationen als Trainer: Ungarische Nationalmannschaft, Fribourg-Gottéron, Adler Mannheim, Kloten, Lokomotiv Jaroslawl, Schweizer Nationalmannschaft, ZSC Lions, EV Zug, Hamburg Freezers, München Barons, SC Lyss (Junioren)

Grösste Erfolge als Trainer: 2013 WM-Silber mit der Schweiz, Victoria Cup-Champion mit den ZSC Lions 2009, Champions League-Sieger mit den ZSC Lions 2009, Spengler-Cup-Sieger mit dem Team Canada 2008, DEL-Champion mit den München Barons 2000, Schweizer Meister mit Zug 1998

Stationen als Spieler: SC Lyss, Fiemme Cavalese, EHC Olten, Turbana Pandas Rotterdam, Hebro Trappers Tilburg, Zürcher SC, Salzburg, Springfield Indians (AHL), New Brunswick Hawks (AHL)

Grösste Erfolge als Spieler: 1989 holländischer Meister mit Tilburg, Calder Cup-Champion 1982 mit New Brunswick

SLAPSHOT: Von den Medien wurden Sie teilweise als mürrisch bezeichnet. Hat Sie das gestört? Hat man Sie missverstanden?

Simpson: Ich war nun mal oft schlecht gelaunt, wenn ich ein Spiel verloren habe. Es ist ein stressiger Job, bei dem es um viel geht. Ich hasse es, zu verlieren, bis heute ist das so. So bin ich nun mal, ich kann mich nicht verstellen. Und das Bild, das die Öffentlichkeit von einem hat, entspricht ja nicht immer der Realität, so ist das nun mal.

Dazu kommt: Ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt und suche die Aufmerksamkeit nicht. Aber eigentlich hat mich das nie gross beschäftigt. Ich werde heute noch erkannt in der Schweiz, und die Reaktionen sind immer positiv. Darum geht es doch.

Sean Simpson
Sean Simpson - Marcel Bieri

SLAPSHOT: 2020 übernahmen Sie als «Berater» von Christian Dubé Ihren letzten Job im Schweizer Eishockey. Eigentlich hätten Sie mindestens einen weiteren Winter bleiben sollen, doch aufgrund der Pandemie fehlte Gottéron das Budget. Stört es Sie, dass Sie nicht mit einem letzten Sieg und Fanfare in den Sonnenuntergang reiten konnten?

Simpson: Man hat es hier nicht so realisiert, aber genau das habe ich getan. Ich war zwischen 2020 und 2022 Nationaltrainer von Ungarn. Das war das perfekte Mandat für mich. Ich konnte in der Schweiz leben und weiterhin coachen.

Wir sind 2022 wieder in die AGruppe aufgestiegen. Der ungarische Verband wollte meinen Vertrag verlängern, aber für mich war der Moment gekommen, um aufzuhören. Das mit einem Sieg tun zu können, war perfekt.

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