Stany Gnemmi: Mit Gedukt nach oben

Stany Gnemmi begann im Jahr 1997 im Alter von 16 Jahren mit dem Schiedsrichterwesen und ist bis heute als Linesman am Puck geblieben.

Der Anfang seiner Karriere war ähnlich wie bei vielen anderen Referees. Gnemmi spielte Eishockey beim HC Vallée de Joux, war als Junior und in der dritten Liga aktiv. Als Teenager bot sich ihm dann die Chance, als Schiedsrichter ein wenig Sackgeld zu verdienen.
«Die ersten zwei Jahre leitete ich vor allem Spiele in der 4. Liga, aber ich hatte nicht allzu viele Einsätze, da ich selber auch Eishockey und Fussball spielte und mir für diese Matches Zeit reservierte», sagt Gnemmi rückblickend.
Er sei aber ein sehr guter Schlittschuhläufer gewesen, vor allem auch verglichen mit anderen Referees in der dritten oder vierten Liga. «In der dritten Saison wurde ich dann im September oder Oktober gefragt, ob ich in der zweiten Liga aktiv sein möchte und danach stieg ich als Linesman schnell in die 1. Liga auf.»
Mit dem Essen kam der Appetit
Das war im Oktober 1999. Aber es war nicht der Start eines kometenhaften Aufstiegs. Stattdessen brauchte der Waadtländer Geduld. Sieben Jahre blieb er in der 1. Liga. «Es war am Anfang nicht mein primäres Ziel, nach oben zu kommen», erklärt er.
Mit den Jahren, als er sah, dass er die Fähigkeit für Einsätze weiter oben besitzt und auch in Vorbereitungsspielen mit Teams aus der damaligen Nationalliga B und seit 2000 pro Saison normalerweise als Belohnung auch einmal in der NLB-Meisterschaft zum Einsatz kam, entstand ein gewisser Reiz. Der Appetit kam also quasi mit dem Essen.

«Ich blieb geduldig, auch als viele andere Linienrichter vor mir aufstiegen – und das war der Schlüssel.» Nachdem er «richtig» in der zweithöchsten Liga angekommen war, wiederholte sich die Geschichte. Gnemmi blieb acht Saisons in der heutigen Sky Swiss League, kam in der Vorbereitung bei Matches von National-League-Klubs und ein bis zweimal pro Saison auch in der Beletage unseres Eishockeys zum Einsatz. Und er musste auch hier wieder geduldig bleiben.
Seine Premiere in der NLA feierte er 2010, damals noch im Drei-Mann-System. Der Head und quasi sein Chef auf dem Eis in jenem Spiel zwischen Lugano und Kloten? Brent Reiber, der heute als Referee in Chief in der Swiss Ice Hockey Federation sein Boss ist. Im Sommer habe er Reiber im Schiri-Camp darauf angesprochen, sagt Gnemmi schmunzelnd, «aber er hat in seiner Karriere so viele Spiele geleitet, da konnte er sich nicht mehr daran erinnern.»
Über Reiber findet der 44-jährige Vater von zwei Kindern im Alter von drei und vier nur lobende Worte. Er sei ein grossartiger Chef. «Brent ist sehr menschlich und legt einen grossen Wert darauf, dass bei uns die Work-Life-Balance auch für die Familien stimmt. Das ist wichtig für ihn und für uns.»
Der zweitälteste Linesman
Denn die Belastung für die Referees ist gross. In den vergangenen Jahren war Gnemmi pro Saison bei 60 bis 75 Spielen im Einsatz, nun wollte er etwas kürzertreten. Der Elektroingenieur arbeitete bis Ende November 80 Prozent, verlor dann aber seinen Job, weil sein Arbeitgeber die Firma schliesst.
«Und nun suche ich eine neue Stelle in einem 100-Prozent-Pensum», so Gnemmi, dessen Zukunft also offen ist. Mit seinen 44 Jahren ist er hinter dem fünf Jahre älteren Georges Huguet der zweitälteste Linesman in der Liga, aber die Leidenschaft ist nach wie vor gross. Ein Wechsel zum Head war für ihn nie ein Thema, ebenso wenig ein Profivertrag, mit dem lediglich ein paar Headschiedsrichter ausgestattet werden.
«Und wenn ich hätte Head werden wollen, hätte ich zuerst wieder in der 1. Liga beginnen und mich hocharbeiten müssen.» Zudem liebe er seinen Job als Linesman, bei dem er ständig mit den Spielern und den Coaches in Kontakt ist. «Der Headschiedsrichter hat mehr Verantwortung, das ist wie in einem normalen Job: Entweder will man mehr operativ arbeiten, die technischen Dinge erledigen, oder man will ein Manager sein – und mir passt die erste Variante mehr», sagt Stany Gnemmi.
Das Schiedsrichterwesen übt nach wie vor einen grossen Reiz auf den Waadtländer aus, ihn faszinieren der Druck, die Leidenschaft für das Spiel, das Adrenalin, und auch, dass er Teil des Spiels sein kann. «Es ist speziell und macht mich und meine Familie stolz, wenn ich beispielsweise im Playoff-Final dabei sein kann. Als Spieler hätte ich dieses Niveau nie erreicht, so gesehen lebe ich schon ein wenig einen Traum», erklärt der Familienvater.
Selbstkritik und Fehlerkultur
Auf die Frage, über welche Qualitäten ein Schiedsrichter verfügen muss, antwortet er: «Man muss gut Schlittschuhlaufen können, die Regeln kennen, selbstkritisch sein, um sich nach einem Fehler zu fragen, wie man sich verbessern kann und denselben Fehler nicht wieder begeht. Zudem muss man einen kühlen Kopf bewahren, ich denke, das sind die wichtigsten Punkte.»

Der Umgang mit Fehlern und die Fehlerkultur sind auch für ihn wichtige Themen – und eine grosse Rolle spielen dabei die Auswirkungen des Fehlentscheides: «Wenn daraus ein Tor entsteht, ist das hart, auch für uns, denn wir verstehen, dass die Spieler dann unzufrieden sind. Und wir sind auch über uns selber sauer, denn wir möchten so gut wie möglich sein.»
Was aber ist die grösste Herausforderung? Gnemmi sagt: «So mobil zu sein, dass ich nicht von den Stöcken der Spieler oder dem Puck getroffen werde. Das ist schwierig, denn das Spiel ist enorm schnell. Ein anderer Punkt ist, zu versuchen, alles zu sehen.»
«Ein Linesman ist so etwas wie das zweite Bewusstsein, die zweite Wahrnehmung der Head-Referees. Wenn sie eine Strafe nicht sehen, sollten wir da sein und ihnen helfen. Aber auch das ist aufgrund des extrem hohen Tempos nicht immer einfach, zudem finden gewisse Dinge auch am Rand des Spiels statt.»
Respekt von Spielern und Trainern
Im Eishockeybusiness wissen aber alle, auch die Spieler, dass niemand perfekt ist und Fehler dazu gehören. Entsprechend ist Respekt ein Teil des Spiels, und den spüre er auch von Spielern und Coaches sehr oft.
«Als beispielsweise Ende Januar in Lausanne das Trikot von Joël Genazzi zurückgezogen wurde, hat er in seiner Rede auch die Referees erwähnt, dass die Spieler uns brauchen und respektieren, auch wenn sie nicht immer mit unseren Entscheiden einverstanden sind. Es sind die passenden Worte zum bekannten Slogan ‹No Refs. No Game›.»
Stany Gnemmi hat in seiner Karriere viel erlebt und nennt die Einsätze im Playoff-Final und die Aufgebote für den Spengler Cup 2018, als er kurzfristig für den verletzten David Obwegeser einsprang, und das Turnier 2025 als Highlights.
Auf der internationalen Bühne kam er auch in der Champions Hockey League zum Einsatz, bezeichnet dies aber nicht als Höhepunkte, «ausser man wird im Final oder im Halbfinal eingesetzt, denn der Wettbewerb ist halt schon nicht mit der Champions League im Fussball vergleichbar».
Der «Place to Be» ist dagegen auch für ihn die hohe Zeit des Eishockeys, das Playoff. Da dabei zu sein, die Selektion zu schaffen, sei das Ziel aller.
Er sagt: «Letzte Saison waren wir am Ende sechs Linesmen für die Finalspiele, und wenn man da dabei ist, dann ist es schon grossartig.» Kurzfristig ist es sein Ziel, wieder Finalluft zu schnuppern, «aber das hängt auch davon ab, ob ich einen neuen Job finde und wie dieser aussieht».
Zudem möchte er noch ein paar Jahre in der National League Spiele leiten, wenn es die physische Verfassung und die Rahmenbedingungen zulassen, so Gnemmi, der im Vallée de Joux wohnt, rund 45 Minuten von Lausanne entfernt und nahe der französischen Grenze, was bedeutet, dass die Anreisen vor allem nach Lugano oder Davos sehr lang und zeitintensiv sind.
Nach Lugano dauere die Fahrt für ihn etwa viereinhalb Stunden, aber er rechne aufgrund möglicher Verkehrsprobleme sechs bis sieben Stunden ein. «Inklusive Hin- und Heimreise, der Vorbereitung und dem Match beansprucht ein solches Spiel etwa 14 bis 15 Stunden.» Wer diese Belastung auf sich nimmt, erledigt definitiv nicht nur einen Job, sondern lebt seine Passion.
Was aber, wenn es zum für ihn reisetechnischen GAU-Final zwischen dem HCD und Lugano kommen sollte? «Wenn es so ist, dann ist es so», sagt der Linesman schmunzelnd und mit einem Schulterzucken.





