Mr. Corona Daniel Koch: «Verständnis für Patrick Fischer!»

«Der Medienrummel um Patrick Fischer bewegt mich, die Situation der Corona-Impfungen an den Winterspielen in Peking darzulegen», schreibt Daniel Koch.
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Das Wichtigste in Kürze
- Daniel Koch war zwischen 2008 und 2020 BAG-Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten.
- Koch schreibt regelmässig Kolumnen, diesmal über Ex-Hockey-Nati-Trainer Patrick Fischer.
- Er habe viel Verständnis für das Handeln von Fischer, schreibt Koch.
Die Einschränkungen, welche China bei den Olympischen Winterspielen im Februar 2022 den Athleten und den Begleitern aufbürdete, waren für mich absolut inakzeptabel.
Das Festhalten an der «Covid-0-Strategie» entbehrte schon damals jeglicher wissenschaftlicher Grundlage. Diese Strategie musste dann einige Monate später unter den Protesten der Bevölkerung auch in China aufgegeben werden.
Das IOC unter dem deutschen Präsidenten Thomas Bach hätte sich schon vor den Olympischen Winterspielen für einen vernünftigen Umgang mit der Problematik einsetzen können.

Lange Isolation in Quarantäne-Hotels
Störend waren vor allem die Quarantänemassnahmen für Athleten oder Betreuer, bei denen ein positiver PCR-Test festgestellt wurde.
Die Isolation in Quarantänehotels glich einer Einzelhaft. Und demonstrierte das unmenschliche Vorgehen des totalitären chinesischen Regimes.
Das sage ich nicht jetzt Patrick Fischer zuliebe. Das steht so wortwörtlich in meinem Buch «Im Auge der Krisen», das vor mehr als einem Jahr veröffentlicht wurde.
Impfzertifikat war keine Garantie
In Bezug auf die Covid-19-Impfung und das geforderte Zertifikat muss man den Zeitpunkt der Olympischen Winterspiele mitberücksichtigen.
Bereits ab dem Sommer 2021 war klar, dass die Impfung einen guten Schutz vor schweren Verläufen durch die Infektion bot. Sie hatte jedoch kaum einen Einfluss auf die Übertragung des Virus, da sie die Ansteckung nur sehr kurzfristig – oder gar nicht verhindern konnte.
Auch Geimpfte konnten also wieder angesteckt werden und das Virus verbreiten. Das Impfzertifikat war also keine Garantie, dass jemand das Virus nicht einschleppen und verbreiten konnte.

Patrick Fischer hat niemanden gefährdet
Deshalb wird laut der Eidgenössischen Impfkommission (Ekif) und dem BAG die Covid-19-Impfung seit dem Ende der Pandemie nur noch für Personen mit erhöhtem Risiko empfohlen. Sie kann vor einer allfälligen schweren Covid-19-Erkrankung schützen.
Es geht also um den Selbstschutz und nicht darum, andere auch zu schützen, wie zum Beispiel bei der Masernimpfung.
Der gestern entlassene Hockey-Nationaltrainer Patrick Fischer hat durch seinen Entscheid, sich nicht impfen zu lassen, niemanden in China gefährdet.

Fälschung ist ein Delikt
Patrick Fischer hat aber ein Zertifikat gefälscht. Und das ist ein Delikt. Dafür wurde er bereits 2023 hart bestraft.
Fischer hat auch gelogen. Dazu hat er sich auch öffentlich entschuldigt und erklärt, wie sehr er sich in einem Dilemma befand.
Dieses Dilemma entstand aber nur, weil China, das bereits vorher durch unmenschliche Massnahmen zur Bekämpfung der Covid-19-Pandemie Schlagzeilen machte, unsinnige Einreisebedingungen aufgestellt hatte.
Sportler mussten sich vorbereiten
Die Möglichkeit, durch eine dreiwöchige Quarantäne auf die Impfung verzichten zu können, war ja kaum eine echte Alternative.
In diesem Zeitraum mussten sich die Sportler ja vorbereiten, unsere Skirennfahrer beispielsweise auf dem Schnee. Und Patrick Fischer musste als damaliger Nati-Trainer die Mannschaft betreuen und auf das Turnier vorbereiten.
Es stellen sich Fragen
Ist es also gerecht, nur Patrick Fischer einen Vorwurf zu machen, einen Ausweg gesucht zu haben?
Müsste das SRF, das den ganzen Fall jetzt ins Rollen gebracht hat, nicht auch recherchiert haben, ob die Einreisevorschriften gerechtfertigt und wissenschaftlich begründbar waren?
War es richtig, dass das IOC und der Internationale Eishockeyverband diese Bestimmungen einfach so akzeptiert haben, obwohl sie ja eigentlich die Interessen der Sportler (und nicht das Interesse von China) hätten priorisieren müssen?
Sehr viel Verständnis für Fischer
Da ich mich an die damalige Situation gut erinnern kann, habe ich sehr viel Verständnis für das Handeln von Patrick Fischer.
Klar, er hat einen Fehler begangen. Denn: Ein Zertifikat darf man nicht fälschen. Und Vorschriften muss man einhalten, auch wenn sie unsinnig sind.
Ich plädiere nicht für einen Freispruch, aber man muss die mildernden Umstände mitberücksichtigen.
Für die Eishockey-WM in unserem Land und den ganzen Sport wünsche ich mir jetzt, dass die ganze Covid-19-Krise dort belassen wird, wo sie ist, nämlich in der Vergangenheit.
Und in der Zukunft sollten wir uns – trotz der gestrigen Entlassung – an Patrick Fischer als ausserordentlichen Nationalcoach einer unglaublich erfolgreichen Schweizer Nationalmannschaft erinnern.
In diesem Sinn wünsche ich der Hockey-Nati auch an dieser WM viel Erfolg.

Zur Person
Daniel Koch war zwischen 2008 und 2020 Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). Er ist der Öffentlichkeit als «Mister Corona» bekannt und schreibt regelmässig Kolumnen auf Nau.ch. Koch lebt im Kanton Bern. Mehr zur «Ingeborg Brudermann Stiftung» gibts unter ukraine-tiere-im-krieg.ch.





