«Blueliner Berger»: Der ewige Traum vom Ritt in den Sonnenuntergang

Den wenigsten Athleten ist es vergönnt, sich mit einem Titel in den Ruhestand verabschieden zu können. Nun trifft es auch SCB-Captain Simon Moser.

«Jeder macht den gleichen Fehler und bleibt zu lange. Bei mir war es genauso», sagt Arno Del Curto, der legendäre Coach, und bringt es präzis auf den Punkt: Kaum jemand schafft den perfekten Abgang. Nicht die Trainer, nicht die Manager, nicht die Spieler.
Sportartenübergreifend geht das so, seit Jahrzehnten. Scott Niedermayer wäre beinahe eine Ausnahme gewesen: 2007 gewann er mit seinem Bruder Rob mit den Mighty Ducks of Anaheim den Stanley Cup.

34 war er da schon – und sinnierte lange darüber, ob er sich mit diesem perfekten Schlusspunkt in den Sonnenuntergang verabschieden sollte.
Im Dezember wurde er doch schwach und schloss sich den Ducks ein weiteres Mal an. 2010 beendete er die Karriere definitiv – mit ihm als Captain (und mit Jonas Hiller und Luca Sbisa) verpasste Anaheim die Playoffs deutlich.

Es ist nicht immer einfach, loszulassen. Man sieht das immer wieder, sportartenübergreifend.
Michael Jordan erklärte einst den Rücktritt vom Rücktritt. Mario Lemieux, Tom Brady und Floyd Mayweather ebenfalls. Manche brauchen den Kick des Wettkampfs, andere das Geld und/oder das Rampenlicht.

Im Fall von Niedermayer hatte das Adieu etwas Versöhnliches. Denn auch wenn er vielleicht zu lange blieb, konnte er immerhin selbst entscheiden, wann er abtritt.
Bei seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Rob war das anders: Er schloss sich 2011 auf Anraten seines Cousins Jason Strudwick dem HC Lugano an – Strudwick hatte 2006/07 ein Jahr im Sottoceneri verbracht.
14 Partien absolvierte Niedermayer, dann zog er sich einen Knorpelschaden im Knie zu. Aus dem zunächst erhofften Comeback für die Playoffs wurde nichts, seine Karriere endete im Stillen. Es ist ein Schicksal, das viele Hockey-Profis ereilt – es gibt in diesem Sport nun mal ein erhebliches Verletzungsrisiko.
Anfang 2025 musste sich der ehemalige Liga-Topskorer Damien Brunner mit 38 mitten in der Saison verabschieden, weil der Körper nicht mehr mitmachte.

Nun traf es den langjährigen SCB-Captain Simon Moser, der sich im Dezember nach anhaltenden Hüft- und Rückenproblemen einer Operation unterziehen musste, die seine Saison und damit auch die Laufbahn vorzeitig beendete, mit 36.
Manchmal fehlt zum Abschluss nach kitschigem Hollywood-Drehbuch wenig, ein einziges Tor: Bei Andres Ambühl war das so, der sich nach dem 0:1 im WM-Final gegen die USA in den Ruhestand verabschiedete.
Einer, der im Konfettiregen gehen konnte, war Mathias Seger, die ZSC-Ikone. Bei der man lange eher das Gefühl hatte, dass sie sich aufgrund eines latenten Statusverlusts keinen Gefallen damit tat, die Saison 2017/18 noch zu spielen. Und der dann aber als Meister abtreten konnte.

Wieder andere scheinen das wohlige Gefühl eines letzten Triumphs gar nicht zu benötigen. Jonas Hiller, der langjährige Nationalgoalie, wurde 2020 unfreiwillig von der Pandemie ins Dasein als Hockey-Pensionär verfrachtet.
Zu «SLAPSHOT» sagt er heute: «Es ist gut so, wie es ist. Immerhin habe ich das letzte Spiel gewonnen. Wer kann das schon von sich sagen?» Die Antwort lautet: die wenigsten. Die überwältigende Mehrheit der Athleten muss ihren Seelenfrieden auf andere Art und Weise finden.
Über den Autor
Nicola Berger schreibt seit mehr als 15 Jahren über das Schweizer Eishockey – er tat das lange für die «Luzerner Zeitung». Und auch für Produkte, die es betrüblicherweise längst nicht mehr gibt: «The Hockeyweek», «Eishockey-Stars», «Top Hockey».
Seit 2013 ist er Reporter bei der NZZ und hat eine ausgeprägte Schwäche für Aussenseiter sowie aus der Zeit gefallene Stadien und Persönlichkeiten. Ein Königreich für ein Comeback von Claudio Neff.





