«Blueliner Berger»: Propheten in der Zwangsjacke

Die Saison 2025/26 war voller Überraschungen. Nun richtet sich der Blick auf die Heim-WM und ihren möglichen Schlusspunkt.

Die Saison 2025/26 hat uns einmal mehr vor Augen geführt, dass es unmöglich ist, die Launen der Eishockey-Götter vorhersehen zu wollen. Welchen Schlusspunkt hält die Heim-WM für uns bereit?
«Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, dass das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch grössere Illusion ist». Salvador Dalí, der grosse spanische Künstler und Schnauzgott, hat das einmal geschrieben.
Die SLAPSHOT-Redaktion beschäftigt sich das ganze Jahr über mit dem Eishockey, diesem wundersamen, wunderlichen Sport. Jeden Herbst erscheint der Hockey-Guide mit Einschätzungen und Prognosen, 210 nach bestem Wissen und Gewissen verfassten Seiten.

Die Saison 2025/26 hat abermals gezeigt, dass es unmöglich ist, schon nur erahnen zu wollen, welche Überraschungen und Wendungen ein Winter bereithält.
Hätten wir im September 2025 prophezeit, dass … im Oktober Luca Cereda und Paolo Duca in Ambrì Geschichte sind und Patrick Fischer die Heim-WM nicht mehr als Cheftrainer erleben wird, wir wären für verrückt erklärt worden; man möge bitte einmal die Zwangsjacke reichen.
Aber so ist es gekommen. Cereda und Duca wurden von ihrem Präsidenten Filippo Lombardi verraten und legten das Amt nieder.
Fischer stolperte einen Monat vor dem Turnierauftakt darüber, dass er einem SRF-Journalisten erzählte, dass er 2021 ein gefälschtes Covid-Zertifikat erstanden hatte und mit diesem 2022 an die Olympischen Spiele nach Peking gereist war.
Der Fall beschäftigte die Schweiz wochenlang, er wurde hochemotional diskutiert, riss alte Gräben auf und hatte zur Konsequenz, dass Jan Cadieux früher als geplant zum Nationalcoach aufstieg.
Es war durchaus die Hoffnung von Swiss Ice Hockey gewesen, dass das Eishockey im Frühjahr 2026 quer durch alle Bevölkerungsschichten hindurch interessiert.
Die National League mag boomen, aber der Sport braucht frisches Blut. Auf dem Eis, wo die Generation um Genoni/Josi/Niederreiter, welche das Nationalteam so lange getragen hat, in die Jahre gekommen ist.
Bei den Trainern, Funktionären, Fans. Dass die U18 in diesem Frühjahr die B-WM bestreiten musste, sollte allen in der Branche ein Warnschuss sein. Noch ist es nicht zu spät für flächendeckende Eishockey-Euphorie zwischen Genf und dem Val Müstair.

Wenn am 15. Mai mit den Partien Finnland – Deutschland und Kanada – Schweden die WM beginnt, kann das Schweizer Kollektiv den leidigen «Fall Fischer» schnell vergessen machen.
Mit mitreissenden Darbietungen wie an den Turnieren 2024 und 2025, als das Team jeweils schon in der Gruppenphase brillierte und bis in den Final stürmte.
Denn es stimmt schon, was ein langjähriger Weggefährte Fischers, der seinen Namen lieber nicht im SLAPSHOT lesen möchte, sagt: «Es ist nicht die WM von Patrick Fischer. Es ist die WM der Spieler, der Fans, der ganzen Eishockey-Schweiz.»
Zum Autor
Nicola Berger schreibt seit mehr als 15 Jahren über das Schweizer Eishockey – er tat das lange für die «Luzerner Zeitung». Und auch für Produkte, die es betrüblicherweise längst nicht mehr gibt: «The Hockeyweek», «Eishockey-Stars», «Top Hockey».
Seit 2013 ist er Reporter bei der NZZ und hat eine ausgeprägte Schwäche für Aussenseiter sowie aus der Zeit gefallene Stadien und Persönlichkeiten. Ein Königreich für ein Comeback von Claudio Neff.





