Die Geburtsstunde des «Mythos Ralph Krueger»

Die WM 1998 in Zürich und Basel ist mehr als ein Titelturnier. Sie ist ein Wendepunkt der Schweizer Hockeygeschichte.

1998 beginnt nach turbulenten Zeiten der Aufstieg der Schweiz an die Weltspitze. 1998 ist für unser Eishockey, was 1968 im richtigen Leben: das Jahr, in dem die Dinge in unserem Hockey in Bewegung geraten sind. Mit der WM als Höhepunkt.
Seit der letzten WM in der Schweiz (1990 in Bern und Fribourg) ist unser Hockey heftig erschüttert worden. 1992 gelingt der Vorstoss ins WM-Halbfinale. Aber nur ein Jahr später folgt der Abstieg und 1995 werden die Schweizer erneut in die Zweitklassigkeit relegiert.
Werner Kohler hat derweilen den HC Davos aus der 1. Liga zurück in die NLA geführt und das Verbandspräsidium übernommen. Die Schweiz hat 1996 zwar den Wiederaufstieg nicht geschafft. Aber die A-WM wird 1998 von 12 auf 16 Teams aufgestockt und der Gastgeber ist automatisch qualifiziert. Damit steht fest, dass wir, anders als 1990, dabei sein werden.

Soll diese WM ein kommerzieller Erfolg werden, muss unsere Nationalmannschaft aber unbedingt konkurrenzfähig sein. Diese Ausgangslage kostet dem Nationaltrainer Simon Schenk den Job. Er will die Mannschaft langfristig aufbauen.
Weil die Schweiz als Gastgeber ja automatisch qualifiziert ist, plant er die B-WM 1997 in Polen als Aufbauturnier mit vielen jungen Spielern. Das Resultat ist ja unerheblich.
Doch kurzfristig wird die Zielsetzung «verschärft»: Um sportlich Werbung zu machen, sei die eigentlich bedeutungslose B-WM doch wichtig. Weil es hinter Weissrussland und Kasachstan nur zum dritten Platz reicht, wird Simon Schenk abgesetzt.
Der Weg ist frei für Ralph Krueger. Er bleibt in seiner ersten Saison 1997/1998 nach wie vor Cheftrainer in Feldkirch und ist nur im Nebenamt Nationaltrainer. Die Amtsenthebung von Simon Schenk ist derweilen das Glück der 1997 aus der Fusion zwischen dem ZSC und GC hervorgegangenen ZSC Lions:
Der Langnauer wird im Januar 1998 Sportchef und führt das neue Hockeyunternehmen bereits 2000 und 2001 zum Titelgewinn. 1990 hätte die WM tiefrote Zahlen gebracht, wenn der damalige Verbandspräsident René Fasel nicht seinen Künstlerfreund Jean Tinguely zu einer Plakataktion überredet hätte, die mehr als eine Million einbrachte. Auf ein solches Abenteuer darf sich Werner Kohler nicht einlassen. Die WM muss Geld einbringen.
Es gelingt ihm, die Rechte an der WM für 1,5 Millionen an eine Marketingagentur zu verkaufen. Ein entsprechender Gewinn ist damit garantiert. Ohne diesen Schachzug hätte es kein Geld in die Verbandskasse gegeben: nur 231 748 Tickets werden verkauft, weniger als 1990 (236 150). Ralph Krueger rockt das Turnier.
Die Schweizer verlieren die ersten Gruppenspiele gegen Schweden (2:4) und die USA (1:5). Um die nächste Runde zu erreichen, brauchen sie gegen Frankreich einen Sieg mit vier Toren Differenz. Es wird eines unserer verrücktesten WM-Spiele. 193 Sekunden vor Schluss trifft Marcel Jenni zum 4:1.
Nun müssen die Franzosen noch ein Tor erzielen, um die Abstiegsrunde zu vermeiden. Sie ersetzen ihren Torhüter durch einen sechsten Feldspieler und Marcel Jenni erzielt ins leere Gehäuse den Treffer, der uns weiterbringt. Zwei Tage darauf gelingt im ersten Finalrundenspiel der erste Sieg gegen Russland an einem Titelturnier.
Die Schweizer: David Aebischer, Reto Pavoni – Patrick Sutter, Mark Streit, Dino Kessler, Martin Steinegger, Martin Rauch, Olivier Keller, Mathias Seger, Edgar Salis – Reto von Arx, Marcel Jenni, Gian-Marco Crameri, Michel Zeiter, Patrick Fischer, Peter Jaks, Misko Antisin, Claudio Micheli, Ivo Rüthemann, Michel Riesen, Martin Plüss, Sandy Jeannin, Mattia Baldi, Franz Steffen. Gruppenspiele: Schweiz – Schweden 2:4, Schweiz – USA 1:5, Schweiz – Frankreich 5:1. Zwischenrunde: Schweiz – Russland 4:2, Schweiz – Slowakei 1:1, Schweiz – Tschechien 1:3. Halbfinals: Schweiz – Schweden 1:4 und 2:7. – Spiel um Platz 3: Schweiz – Tschechien 0:4. Schlussklassement: 1. Schweden. 2. Finnland. 3. Tschechien. 4. Schweiz. 5. Russland. 6. Kanada. 7. Slowakei. 8. Weissrussland. 9. Lettland. 10 Italien. 11. Deutschland. 12. USA. 13. Frankeich. 14. Japan. 15. Austria. 16. Kasachstan. – Zuschauerbilanz: 49 Spiele, 231 748 Z Ralph Krueger uschauer (5903/Spiel).
Jenni, Gian-Marco Crameri, Patrick Fischer und Michel Zeiter erzielen in Basel die vier Treffer zum historischen 4:2. Torhüter David Aebischer, aus der drittklassigen East Coast Hockey League für die WM heimgekehrt, vollbringt im Tor Wunder. Mit einem 1:1 gegen die Slowakei wird der Einzug ins WM-Halbfinale Tatsache.
Nie vorher und nie nachher ist eine Mannschaft mit bloss zwei Siegen bis ins Halbfinale vorgerückt. Der «Mythos Ralph Krueger» ist geboren. In einem seltsamen Modus werden dann die Halbfinals und der Final in je zwei Partien ausgetragen. Gegen Schweden sind wir zweimal chancenlos (1:4 und 2:7). Die Batterien sind leer und so geht auch das Bronze-Spiel gegen Tschechien geht verloren (0:4).
In den beiden Finalpartien zwischen Schweden und Finnland fällt bloss ein einziges Tor: Schweden (mit WM-Topskorer Peter Forsberg) gewinnt den ersten Final 1:0 und bringt im zweiten ein 0:0 über die Zeit. Im Tor der Finnen steht Ari Sulander. Er wird zum besten Goalie der WM gewählt und bleibt gleich in Zürich: Er wird hier als Torhüter der ZSC Lions Kultstatus erlangen.





