Joël Vermin: «Ich habe keine Mühe, ganz unten anzufangen»
Im grossen SLAPSHOT-Interview verrät Joël Vermin vom SC Bern, dass er Respekt vor dem Rücktritt hat und was er von den Bernern als Titelkandidaten hält.

SLAPSHOT: Nach 15 Profi-Saisons als Stürmer wurden Sie zum Verteidiger umfunktioniert. Wie kompliziert ist solch eine Umstellung?
Joël Vermin: Es ist ein bisschen eine andere Welt. Vor allem das Spiel ohne Scheibe ist eine Herausforderung, die Eins-gegen-Eins-Situationen, das Gefühl für eine bestimmte Spielsituation.
Ein Verteidiger darf dem Stürmer nicht zu viel Platz lassen, ihm aber auch nicht zu nahe kommen. Ich lerne jeden Tag dazu.
SLAPSHOT: Waren Sie überrascht, als Sportdirektor Martin Plüss mit diesem Vorschlag auf Sie zukam?
Vermin: Ich war perplex, hatte überhaupt nicht damit gerechnet – zumal ich in meinem Hockey-Leben nie als Verteidiger gespielt habe. Ich hörte mir die Ideen an, schlief dann zwei-, dreimal darüber und tauschte mich mit anderen Spielern aus.

Ich habe das Ganze nie als Degradierung verstanden, sondern als Kompliment. Und ich sehe in meiner neuen Rolle eine Chance.
SLAPSHOT: Welche?
Vermin: Meine Karriere könnte sich dadurch verlängern. Verteidiger können tendenziell etwas länger spielen; ich würde lügen, wenn ich sagen würde, das hätte keinen Einfluss gehabt in den Diskussionen.
Das Niveau in der National League wird immer besser. Für die Offensivspieler wird es im höheren Alter noch schwieriger, zu bestehen.
SLAPSHOT: Bestehen kann auch der SC Bern – die Mannschaft gehört zur Spitzengruppe …
Vermin: … mich überrascht das nicht. Seit drei Jahren geht es kontinuierlich vorwärts. Im Team hat es Spieler von hoher Qualität, die Chemie stimmt, wir verstehen uns gut. Und Trainer Jussi Tapola bringt viel Know-how rein.
SLAPSHOT: Also ist der SCB ein Titelkandidat.
Vermin: Wir sollten nicht schon zu sehr nach den Sternen greifen. Wir tun gut daran, bescheiden zu bleiben, und auch nach den Siegen in den letzten Wochen sollten wir nicht das Gefühl haben, die Besten und Tollsten zu sein.

Aber wir sind eine gute Mannschaft, und mittelfristig muss für einen Klub wie den SCB der Titel wieder das Ziel sein. Ich wurde 2013 Meister und möchte das noch einmal erleben. Auch wenn die Zeit gegen mich läuft (lacht).
SLAPSHOT: Sie wurden Anfang Februar 33 und befinden sich im letzten Viertel Ihrer Karriere. Denken Sie oft daran, was nach dem Eishockey kommen wird?
Vermin: Meine Frau und meine Eltern sind Physiotherapeuten – sie tun alles dafür, dass ich noch möglichst lange spielen kann (lacht).
Im Ernst: Es ist nicht so, dass ich riesige Angst hätte vor dem Aufhören, aber einen sehr gesunden Respekt davor habe ich schon. Deshalb versuche ich, meine Zukunft jetzt aufzugleisen.
SLAPSHOT: Sie arbeiteten zuletzt in einem 10-Prozent-Pensum im Bereich Finanzbuchhaltung. Könnte solch ein Job etwas sein für die Zukunft?
Vermin: Es war eine spannende Erfahrung, in diese Welt reinzuschnuppern. Ich habe Betriebswirtschaft studiert, die Finanzen interessieren mich. Nun aber mache ich ein Praktikum im Immobilienbereich, kann in der Verwaltung und im Verkauf Erfahrungen sammeln.
«Es ist nicht so, dass ich riesige Angst hätte vor dem Aufhören, aber einen sehr gesunden Respekt davor habe ich schon. Deshalb versuche ich, meine Zukunft jetzt aufzugleisen», sagt Joël Vermin.
SLAPSHOT: Auf dem Eis ein Leader, daneben der Praktikant: Wie schwierig fällt Ihnen diese Umstellung?
Vermin: Ich stehe sowieso nicht gerne im Mittelpunkt und habe keine Mühe, ganz unten anzufangen. Wichtig ist mir, eine gewisse Sicherheit zu bekommen.

Dann hätte ich später weniger Stress und weniger Druck, um noch irgendwo und quasi um jeden Preis einen Vertrag zu kriegen.
SLAPSHOT: Machen sich einige Spieler betreffend der zweiten Karriere zu wenige Gedanken?
Vermin: Ich kann das nicht schlüssig beurteilen, aber ich habe den Eindruck, dass viel zu wenig gemacht wird, gerade was Aus- und Weiterbildungen betrifft. Die Zeit dazu wäre jedenfalls vorhanden.
Es geht selten eine Türe von alleine auf. Viele Profis bleiben nach der Karriere gezwungenermassen im Eishockeybusiness, fast ein wenig mangels Alternativen. Für mich ist das kein Thema, der Trainer-Job reizt mich zu wenig.
SLAPSHOT: Hilft Ihnen das Eishockey bei Ihrer Arbeit im Büro?
Vermin: Sicher, vor allem im zwischenmenschlichen Bereich. In der Kabine habe ich mit über 20 Typen zu tun, es sind verschiedene Charaktere, solche Erfahrungen können in einem «normalen» Beruf nützlich sein.
Zudem hilft das Eishockey, wenn es um Teamführung oder ums Motivieren von Mitarbeitern geht. Demgegenüber ist die Arbeit neben dem Eis mental ein guter Ausgleich.

Und es ist sicher besser, etwas zu tun als daheim auf dem Sofa Videospiele zu spielen. Entscheidend ist, dass man bereit ist, die Komfortzone zu verlassen.
SLAPSHOT: Das taten Sie 2014, als Sie den SCB in Richtung Nordamerika verliessen. Wie fühlte sich der Schritt von der Hauptstadt in die AHL nach Syracuse an?
Vermin: Ich war sehr schüchtern. Am Anfang war es happig, ich musste richtig beissen und hatte Mühe, erstmals weit weg zu sein von daheim. Für mich hatte es zuvor nur den SCB gegeben, ich hatte die Hockeyschule besucht, Legenden wie Patrik Juhlin und Derek Armstrong bejubelt.
Aber ich habe das Leben bei den Hörnern gepackt. Es war eine lehrreiche Phase, auch das Pendeln zwischen der NHL und der AHL hat mich gestärkt. In dieser Zeit waren mir auch meine Eltern eine Stütze und eine Art Vorbild.
SLAPSHOT: Inwiefern?
Vermin: Mein Vater ist Holländer, meine Mutter stammt aus Ungarn. Sie kamen beide in die Schweiz und mussten sich eine neue Existenz aufbauen, von ihren Erfahrungen konnte ich profitieren.

Und im Vergleich mit Ihnen hatte ich es ja sehr gut, ich hatte in den USA ja schon einen Job, alles war vorgespurt.
Über Joël Vermin
Geboren: 5. Februar 1992. Grösse: 180 cm. Gewicht: 84 kg. Vertrag: bis 2026.
Stationen: Bis 2014: SCB. 2014 bis 2017: Syracuse Crunch (AHL), Tampa Bay Lightning (NHL). 2017 bis 2020: Lausanne HC. 2020 bis 2022: Servette. Seit 2022: SCB.
Erfolge: Schweizer Meister 2013. Vizeweltmeister 2018.