Martin Baumann: «Wir müssen den Mut haben, etwas zu riskieren»
Der Zuger Martin Baumann ist seit etwas mehr als einem Jahr als CEO der Swiss Ice Hockey Federation tätig. Er stellt sich dabei vielen Herausforderungen.

Als Martin Baumann Anfang Oktober 2024 nach zehn Jahren als CEO bei der Champions Hockey League dieselbe Position bei der SIHF antrat, machte der Verband turbulente Zeiten durch.
Intensiv und spannend sei es seither gewesen, so Baumann, der betont, dass die politische Dimension des Verbands keinesfalls zu unterschätzen sei und sich im Gespräch mit SLAPSHOT auch zu anderen Stichworten und Bereichen äussert.
Der Verband
«Wir wollen nicht einen anderen Verband oder die National League kopieren, sondern unsere eigene Identität prägen. Werte wie Authentizität und Swissness wollen wir behalten und stärken, wir wollen aber auch moderner sein, schneller, innovativer und mutig.
Wir müssen den Mut haben, etwas zu riskieren und in der Vermarktung auch unkonventionell zu sein. In Zukunft reichen reine Bandenwerbung und die Vermarktung der Bullykreise nicht mehr aus.
Wir müssen gemeinsam mit unseren Sponsoren neue Wege gehen. Die digitale Transformation ist enorm wichtig.
Wir arbeiten daran, ein CRM-System aufzubauen, um künftig besser zu verstehen, wer unsere Fans sind und woher sie kommen. Das ist eminent wichtig. Wir sehen da grosse Synergien mit dem Organisationskomitee der WM 2026.

So können wir künftig besser nachvollziehen, wer sich für unsere Nationalmannschaft interessiert, das Fan-Verhalten kennenlernen und diese Personen gezielter begleiten.
Wir stehen auch vor der Aufgabe, den Sponsoren neue Leistungen anzubieten, und da ist die Digitalisierung zentral. Es handelt sich um ein umfangreiches Vorhaben, das Ideen und Investitionen erfordert, die sich langfristig auszahlen.
Der Verband hat die Transformation vor meiner Zeit initiiert, nun gilt es, sie konsequent umzusetzen.»
Der erste Entscheid
«Kurz nach meinem Start verschlechterte sich die Situation im Bereich Officiating durch den Abgang von Nicolas Fluri, sodass ich interimistisch die Führung übernehmen musste. Es war eines meiner ersten Ziele, diesen Bereich zu stabilisieren.
Während der Gespräche wurde mir schnell klar, dass ich das Officiating breiter abstützen möchte. Ich wollte Erfahrung und unterschiedliche Profile einbringen.
Mit Alexander Jäger übernahm ein Sport-Manager mit breiter Erfahrung im Eishockey und mit betriebswirtschaftlichem Hintergrund die Führung der Abteilung.

Ihm zur Seite gelang die Verpflichtung von Rückkehrer Brent Reiber, mit seinem grossen Eishockeyrucksack und seinen zusätzlichen Erfahrungen, die er im Fussball gemacht hatte, als Referee-in-Chief ein Glückstreffer.
Und die Verpflichtung von Joel Hansson von der IIHF als Senior Manager Officiating Education & Development war schliesslich ein Lucky Punch. Er ist in Europa betreffend Schiedsrichter-Ausbildung und -Entwicklung führend und denkt neuzeitlich.
Dieses Konstrukt hilft, den Bereich Officiating für eine künftige Vorreiterrolle im internationalen Schiedsrichterwesen zu rüsten. Es ist ein neuer Weg, ein neuer Spirit.»
Der Nationaltrainer
«Patrick Fischer hat hervorragende Arbeit geleistet, die Schweizer Nationalmannschaft in diesen Jahren kontinuierlich weiterentwickelt und zu zahlreichen Erfolgen geführt.
Zum Glück haben wir unsere Hausaufgaben betreffend Zukunft frühzeitig gemacht, so dass wir uns mit der nötigen Ruhe und Kontinuität auf die kommenden Grossanlässe vorbereiten können.

Es ging bei der Nachfolgelösung nicht nur um die Position des Headcoaches des A-Nationalteams, sondern auch um den Unterbau, um die U-Mannschaften.
Unser Sportdirektor Lars Weibel hat in dieser Thematik mit treffsicherem Gespür die Chancen frühzeitig erkannt, und ich habe seine Expertise im Entscheidungsweg durch alle notwendigen Gremien enorm geschätzt.
Mit Jan Cadieux haben wir nun den idealen Nachfolger gefunden. Er kennt unsere Werte und das Team und verkörpert die uns wichtige Swissness.»
Olympia und Heim-WM 2026
«Es stehen zwei absolute Highlights an, das ist fantastisch. Die Olympischen Spiele sind für alle eine Blackbox, da weiss man nicht genau, was einen erwartet.
Aber für Patrick Fischer und die Mannschaft ist es einzigartig. Die Heim-Weltmeisterschaft beinhaltet für uns auch eine Legacy.
Wir bekommen vom Bundesamt für Sport und Swiss Olympic viel Geld, mit dem es das Schweizer Eishockey nachhaltig weiterzuentwickeln gilt.

Mit diesen Fördergeldern werden wir einen sinnvollen Baum pflanzen, beispielsweise durch den Girls-Entwicklungs-Fonds, das Coach-Development-Programm sowie im Bereich Officiating.
Bei der WM 2026 bin ich Verwaltungsrat im OK, wo wir ein Joint Venture mit Infront haben und eine sehr gute Zusammenarbeit pflegen. Es ist eine riesige Chance, die wir mit einem gesunden Respekt angehen.
Für mich als Betriebswirt muss es unser Ziel sein, mit einem Gewinn abzuschliessen, der dem Schweizer Eishockey zugutekommt. Die WM ist finanziell eine Chance und ein Risiko zugleich.»
Sky Swiss League
«Die Sky Swiss League ist ein spannendes Thema und äusserst wichtig. Die damit verbundenen Herausforderungen bestehen schon längere Zeit, und wir sind entschlossen, Lösungen zu finden.
Die Optimalvariante ist nur dann möglich, wenn alle involvierten Parteien mitziehen, was aktuell aber nicht realisierbar ist.
Uns war immer klar, dass der Sieben-Punkte-Plan, den wir konzeptionell erarbeitet haben, schwierig und herausfordernd ist. Es wäre sinnvoll, alle Massnahmen gleichzeitig umzusetzen.

Wenn das vorerst nicht möglich ist, muss man auf die Punkte fokussieren, die im Rahmen des Umsetzbaren sind – und dabei hat die Sky Swiss League ihre eigenen Hausaufgaben zu lösen.
Ein Fokus liegt zum Beispiel auf der TV-Produktion. Sportlich gesehen ist die Sky Swiss League sehr gut – und das soll auch dem Zuschauer, der Zuschauerin am Bildschirm wertig vermittelt werden. Das TV-Produkt sollte in Zukunft ähnlich gut daherkommen wie die National League.
Mit einer guten Produktion können wir die Liga attraktiv und professionell darstellen, um so auch ansprechend für Sponsoren zu sein.»
Frauen-Eishockey
«Wir engagieren uns aus Überzeugung und mit Leidenschaft für das Frauen-Eishockey und sehen es nicht nur als kurzfristigen Trend.
Wir müssen alles daransetzen, dass wir mindestens die Werkzeuge zur Verfügung stellen, dass es erfolgreich wird. Denn im Frauen-Hockey steckt viel Potenzial, und da wollen wir unsere Aufgaben richtig erledigen.

Aber es braucht Zeit. Rom wurde nicht in einem Tag erbaut und für das Frauen-Eishockey werden zwei Tage nicht reichen.
Aber auch hier gilt: Entweder man macht es und dann richtig – oder überhaupt nicht. Es werden nun verschiedene Massnahmen folgen.
Beispielsweise führen wir auf die kommende Saison hin eine U16-Juniorinnenliga ein oder stellen den bereits erwähnten Girls-Entwicklungs-Fonds zur Verfügung, mit welchem Klubs finanziellen Unterstützung beantragen können, wenn sie Schnupperangebote oder eigene Hockeyschulen für Mädchen schaffen, um das Mädchen- und Fraueneishockey nachhaltig zu stärken.»














