Muller: «Hört den Frauen doch einfach zu, es ist nicht schwierig»

Er prägte das Schweizer Eishockey über Jahrzehnte und führte das Frauenteam zu Olympia-Bronze. Im Interview zieht Colin Muller Bilanz.

Colin Muller hat das das Schweizer Eishockey während Jahrzehnten geprägt – zuletzt als Nationaltrainer des Frauenteams, welches in Mailand Olympia-Bronze gewann. Was bleibt aus bisher 44 Jahren in diesem Land?
SLAPSHOT: Colin Muller, Sie führten die Schweiz im Februar zur erst zweiten Olympia-Medaille der Geschichte und gaben kurz darauf aber bekannt, dass Sie den Vertrag nicht mehr verlängern. Weshalb? Soll man gehen, wenn es am Schönsten ist?
Colin Muller: Ich habe den Job geliebt. Es war ein sehr emotionaler Moment, in Mailand dabei zuzusehen, wie die Schweizer Fahne hochgezogen wird. Ich überlegte mir, wo wir vor sieben Jahren standen und welche Entwicklung dieses Team genommen hat.
Es war eines der schönsten Erlebnisse meines Lebens. Aber sieben Jahre sind eine lange Zeit. Ich spürte, dass es eine neue Stimme braucht.
SLAPSHOT: Sie rutschten sehr zufällig ins Frauen-Eishockey. Die Geschichte ist so schön, mögen Sie sie noch einmal erzählen?
Muller: Ich lebte mit meiner Freundin zusammen mit Paul DiPietro und seiner damaligen Frau Cyndy Kenyon in einer WG. Meine eigene Wohnung war gerade untervermietet. Nachdem Sean Simpson und ich in Mannheim entlassen wurden, musste ich irgendwo unterkommen.

Cyndy kennt Daniela Diaz gut, die damalige Nationaltrainerin. Daniela hat sie dann gefragt, ob sie nicht als Assistentin für die WM einspringen könne. Sie konnte terminlich nicht, hat Daniela aber gesagt, sie solle doch mich fragen. Und ich hatte ja Zeit.
Das war eine sehr glückliche Fügung, die mich stark bereichert hat. Cyndy war an den Olympischen Spielen meine Assistentin. Der Kreis hat sich so geschlossen.
SLAPSHOT: Sie stammen aus einer Generation, in der nicht alle Exponenten dem Frauen-Eishockey gegenüber allzu aufgeschlossen gegenüberstehen, teils machen sich die Herren nicht einmal die Mühe, ihren Chauvinismus zu verbergen. Wieso war das bei Ihnen anders?
Muller: Vielleicht haben mich meine zwei älteren Schwestern geprägt, für die ich viel Respekt empfinde. Aber grundsätzlich bin ich ein offener Mensch und habe wenig übrig für bornierte, überhebliche Leute. Ich hatte bei meinem Stellenantritt wenig Ahnung vom Frauen-Eishockey. Aber Hockey ist Hockey.
Und ich war von den Frauen sehr schnell begeistert. Sie leisten unglaublich viel, für sie ist dieser Sport pure Leidenschaft. Es gibt Spielerinnen, die arbeiten von 8 bis 17 Uhr, dann fahren sie eine Stunde ins Training, trainieren zwei Stunden, sind kurz vor Mitternacht zu Hause und am nächsten Tag machen sie das Gleiche erneut. Praktisch ohne Bezahlung.
Und die meisten müssen fast alle ihre Ferientage opfern, um an die WM und die anderen Länderspiele reisen zu können. Man kann mich ziemlich wütend machen, wenn man diesen Effort kleinredet oder belächelt. Es ist eine andere Atmosphäre als im Männer-Hockey, sie ist ehrlicher. Und die Spielerinnen waren sehr lernbegierig und dankbar, das ist auch ein Unterschied. Bei den Männern musst du als Trainer fast um Aufmerksamkeit betteln.
SLAPSHOT: Sie sagten einmal, es sei eine Herausforderung, als Mann ein Frauenteam zu coachen, weil man sich nur sehr partiell in der Garderobe aufhalten kann.
Muller: Ja, das stimmt, daran musste ich mich erst gewöhnen. Man braucht eine Assistentin, die signalisiert: Jetzt sind alle an- oder umgezogen, jetzt geht es. Aber eigentlich ist es kein Problem, im Gegenteil: Die Ansprachen sind prägnanter, wenn man weniger Zeit hat.

SLAPSHOT: Und sie enthielten weniger Fluchwörter als Sie bei den Männern verwendeten.
Muller: Definitiv. Man muss nicht hundert Mal «Fuck» sagen und ständig herumbrüllen. Für die Frauen wäre das zu plump, es würde nicht ankommen. Es lohnt sich also, die Wortwahl zwei Mal zu überdenken.
Der Groove ist ein anderer. Manchmal wurde in der Garderobe getanzt und gesungen. Die Frauen lachen viel. Es ist kein Vergleich mit den Männern, wo alles manchmal fast roboterhaft wirkt.
SLAPSHOT: Hatten Sie das Gefühl, dass es im Schweizer Frauen-Eishockey schnell genug vorwärts geht?
Muller: Ja und Nein. Es war teilweise absurd, um was für Dinge wir kämpfen mussten. Eigene Helme und Handschuhe ohne Löcher sollten eine Selbstverständlichkeit sein und sind es das auch bei den Nachwuchs-Nationalteams der Männer.
Aber bei den Frauen war es anders, das war respektlos. Ich hatte schon den Eindruck, dass sich manche der Verantwortlichen in erster Linie für die Männer-Nationalmannschaft interessierten, weil das Prestige dort halt grösser ist. Teilweise wurde ich ziemlich wütend. Hoffentlich konnte ich meinen Beitrag dazu leisten, dass sich Dinge verbessert haben.
Es hilft, wenn jemand mit einer gewissen Erfahrung aus dem Männer- Hockey sagt: So geht das nicht. Aber nötig sein sollte es nicht. Hört den Frauen doch einfach zu, es ist nicht so schwierig. Ich glaube schon, dass der Weg in der Schweiz noch weit ist.

SLAPSHOT: Inwiefern?
Muller: Schauen wir nach Nordamerika. Die PWHL boomt, die WNBA ebenfalls, Frauenteams füllen die grossen Hallen. Davon sind wir hier im Alltag weit entfernt, auch wenn die Zahlen aus Zug Mut machen.
Aber wenn wir mit dem Nationalteam in Kloten unser Heimturnier absolvierten, kamen jeweils 200 bis 300 Zuschauer. Man müsste mehr Werbung machen, es braucht mehr mediale Aufmerksamkeit. Wir haben mit Alina Müller eine der besten Eishockeyspielerinnen der Welt in unseren Reihen, wieso wird sie nicht vermarktet?
Hoffentlich schaffen wir es, im Hinblick auf die WM 2028 im eigenen Land etwas in Bewegung zu bringen. Die Spielerinnen haben es verdient, Wertschätzung zu erfahren. Es wäre schade, sollten wir es nicht schaffen, uns von der aktuellen Welle im Frauensport mitreissen zu lassen.So zufällig wie Sie ins Fraueneishockey
SLAPSHOT: So zufällig wie Sie ins Fraueneishockey rutschten, landeten Sie einst auch in der Schweiz.
Muller: Meine Grosseltern flüchteten aus der Schweiz nach Kanada, sie verkauften dort Seide aus Horgen und Wädenswil. Sie konnten kaum Englisch, getrauten sich aber auch nicht, Deutsch zu reden.
Sie waren offenherzige Menschen, die manchmal ganze Familien bei sich aufnahmen, obwohl sie selbst kaum etwas besassen. Ich hatte mit der Schweiz eigentlich nichts zu tun. Aber mein Vater las immer das «Swiss Journal» und fand darin eine Annonce, in der ein Spielervermittler kanadische Eishockeyspieler mit Schweizer Vorfahren suchte.
Ich und mein Bruder gingen zu einem Probetraining. Und so landete ich 1982 in Lugano, ohne zuvor je in Europa gewesen zu sein. Unter John Slettvoll trainierte ich fünf Stunden am Tag.
Ich war 18, konnte kein Italienisch und wollte eigentlich möglichst schnell wieder nach Hause. Ich fühlte mich einsam. Es ist nicht so einfach, in der Schweiz Freunde zu finden. Das ist bis heute so geblieben.
SLAPSHOT: Was hat Sie in der Schweiz gehalten?
Muller: Das ist eine gute Frage. Ich liebe die Schweiz, die Lebensqualität ist sensationell. Es gibt Menschen, die mir viel bedeuten. Ich habe eine Nachbarin, für die ich seit 15 Jahren regelmässig den Rasen mähe. Aber es ist schon möglich, dass wir irgendwann nach Kanada zurückkehren, wir haben uns noch nicht entschieden.
Jetzt, wo sich meine Karriere dem Ende neigt, stellt sich diese Frage eigentlich zum ersten Mal. Vorher gab es immer einen neuen Vertrag. Zunächst waren es 7000 Franken und ein Töffli zur Benutzung für eine Saison. Irgendwann dann 50’000 Franken.
Und in der Nationalliga A in Zug mehr. Das Eishockey hat mir ein komfortables Leben ermöglicht. Ich habe die Familie und Freunde in Kanada schon vermisst. Aber mit Mitte 30 nach der Karriere war ich selbst zweifacher Vater. Da läuft man nicht einfach davon. Und ich habe den Schweizer Pass, seit ich 18 bin.
SLAPSHOT: Fanden Sie im Eishockey wahre Freunde?
Muller: Wir waren in den 80ern viele Kanada-Schweizer, da ist schon eine Gemeinschaft entstanden. Aber es ist auch nicht so, dass wir uns jeden Tag sehen.

SLAPSHOT: Sie wurden von «4 Sports» vertreten, der Zuger Agentur, für die auch Claude Lemieux arbeitete. Wie haben Sie seinen Tod verarbeitet?
Muller: Es war ein Schock. Claude hat 2003/04 beim EVZ gespielt, ich war damals Assistenzcoach. Wir waren erst kürzlich zusammen in Norditalien golfen. Für mich kam sein Suizid aus heiterem Himmel. Vermutlich war er ja an CTE erkrankt, eine Spätfolge seiner Gehirnerschütterungen. Für seine Familie tut mir das alles so furchtbar leid.
Ich hatte in meiner Karriere auch diverse Gehirnerschütterungen. Das hat mich sehr nachdenklich gemacht, ich denke, es geht vielen ehemaligen Eishockey-Profis so.
SLAPSHOT: Zu Ihren Weggefährten gehörte auch Sean Simpson, der jahrelang einer Ihrer engsten Vertrauten war. Sie wirkten in Zug, beim ZSC, in der Nationalmannschaft, in Ruslan, in Kloten und auch in Mannheim als sein Assistenztrainer.
Muller: Ja, ich verdanke Sean viel. Er hat mir viel Vertrauen geschenkt und mir immer wieder die Chance gegeben, die Ansprachen ans Team zu halten. Wir haben gut harmoniert und einiges zusammen erlebt.
Die zwanzig Tage mit der Nationalmannschaft an der WM 2013 waren magisch. Der Champions League-Sieg mit dem ZSC war unglaublich, ich habe heute noch Hühnerhaut, wenn ich das Spiel auf Video schaue.
Oft verbrachte ich mehr Zeit mit ihm als mit meiner damaligen Frau, wahrscheinlich hat die Ehe deshalb nicht gehalten (lacht). Heute spielen Sean und ich regelmässig Golf zusammen.
SLAPSHOT: Wie waren die gemeinsamen zwei Monate in Yaroslavl?
Muller: Eine verrückte Erfahrung, es ist in kurzer Zeit so viel passiert. Im Juli 2014, wenige Tage vorunserem Amtsantritt, wurde über der Ukraine MH-17 abgeschossen (298 Todesopfer, die Red.), eine schreckliche Tragödie, die uns sehr beschäftigt hat. Auch, weil wir wussten, dass wir ständig fliegen werden, die Distanzen sind ja gewaltig. Da wird dir schon mulmig.
SLAPSHOT: Nach nur neun Runden war Schluss.
Muller: Das hat mich nicht überrascht. Wir erhielten nicht einmal einen Dolmetscher zur Verfügung gestellt. Es war schnell klar, dass der Präsident am liebsten Dave King zurückholen möchte. Das hat er dann auch getan. Wir befanden uns mit dem Privatjet auf der Rückreise von einem Auswärtsspiel in Ufa.
Am nächsten Tag hätten uns unsere Frauen besuchen sollen. Da erhielt Sean eine SMS, in der stand, dass die Frauen ihre Reise streichen sollten. Ich klappte meinen Laptop zu, weil ich wusste: Das wars.
SLAPSHOT: In der öffentlichen Wahrnehmung standen Sie meist im Schatten von Simpson. Hätten Sie sich im Rückblick gewünscht, selber länger als Cheftrainer zu wirken?
Muller: Gar nicht. Ich bin sehr zufrieden mit meiner Karriere. Und bin auch nicht der Typ Mensch, der immer im Mittelpunkt stehen muss.
SLAPSHOT: Was lief in Zürich schief, dass Sie schon nach einem Drittel der Qualifikation entlassen wurden?
Muller: Da kamen viele Faktoren zusammen. Es ist schwierig, vom Assistenten plötzlich zum Cheftrainer aufzusteigen. Die Mannschaft hatte gewichtige Abgänge zu verzeichnen, etwa Jan Alston und Ryan Gardner. Ich glaube, wir unterschätzten alle den Substanzverlust.
Ich machte Fehler, der Klub hatte keine Geduld. Nach der Entlassung führte ich Selbstgespräche, da merkst du, wie viel Druck auf dir lastet. Danach wurde es schwierig, den Ruf des «ewigen Co-Trainers» loszuwerden.
SLAPSHOT: In Rapperswil teilten Sie sich als «Co- Cheftrainer» die Verantwortung mit Yevgeni Popischin.
Muller: Das gabs damals auf der Welt sonst nirgends, glaube ich. Und wissen Sie was: Es hat lange erstaunlich gut funktioniert. Ich war für das Spielsystem zuständig, er für technische Belange, wir haben uns gut ergänzt.
Aber im zweiten Jahr wurden wir nur Elfter und mussten in die Playouts. Da kam Bruno Hug und sagte: «Jetzt ist Krieg, das geht nicht mit zwei Generälen». Das war das Ende des Experiments.
Colin Muller
Geboren: 1. Dezember 1963
Nationalität: Kanada/Schweiz
Stationen als Trainer: Swiss Ice Hockey (Frauen, Herren, Junioren), Adler Mannheim (DEL), Kloten Flyers, Lokomotiv Yaroslavl (KHL), EHC Olten (NLB), ZSC Lions, EV Zug, HC Fribourg-Gottéron, SC Rapperswil-Jona Grösste Erfolge als Trainer: 2026 Olympia-Bronze mit dem Frauen-Nationalteam, 2013 WM-Silbermedaille mit dem Männer-Nationalteam, 2009 Champions Hockey League-Sieger mit den ZSC Lions Stationen als Spieler: EHC Seewen- Herti (1. Liga), HC Fribourg-Gottéron, EV Zug, EHC Basel (NLB), HC Lugano (Junioren)
Grösste Erfolge als Spieler: 1998 Schweizer Meister mit dem EV Zug
Familie: Sein Sohn Devin (34) hat über 500 Partien in der Swiss League bestritten und stürmt inzwischen in der MyHockey League für Dübendorf
SLAPSHOT: Wie sieht es heute aus, würden Sie noch einmal ein Team übernehmen?
Muller: Wenn ein Anruf kommt, dann werde ich mir das anhören, klar. Aber ich sitze nicht den ganzen Tag vor dem Handy und warte, dass es endlich klingelt. Es ist stressig, Trainer zu sein. Als Klub-Coach stehst du jeden Morgen auf und weisst nicht, ob du deinen Job noch hast.
Du bist von anderen Menschen abhängig, davon, ob die Spieler das Tor treffen. Das habe ich bei den Frauen ebenfalls sehr geschätzt: Dass es die ganzen Verrücktheiten neben dem Eis kaum gab.
SLAPSHOT: Gäbe es einen anderen Job, der Sie interessiert?
Muller: Hundeerzieher! Ich liebe Hunde. Mich den ganzen Tag um ein Rudel von zehn Hunden kümmern, das wäre schön, ich denke, das ist ein Traumjob.
SLAPSHOT: Noch einmal zurück zum Eishockey: Sie waren sich nicht zu schade, auf freiwilliger Basis auch Junioreninnenteams zu trainieren, etwa beim «Victoria Cup» in Lausanne, und dürften nun praktisch jede Spielerin im Land kennen. Hier und dort werden Befürchtungen geäussert, dass die Schweiz mittelfristig den Anschluss an die Weltspitze verlieren könnte. Teilen Sie die Bedenken?
Muller: Ja, wir müssen aufpassen. Es gibt schon spannende Talente, die nachrücken, Ivana Wey zum Beispiel. Aber halt auch viele Baustellen. Man darf nicht vergessen, dass bei den anderen Top-Nationen fast nur Profispielerinnen im Nationalteam dabei sind.
Davon sind wir weit entfernt. Und auch im Nachwuchs gibt es Probleme. Für meinen Geschmack müssen die Mädchen viel zu lange mit den Jungs spielen. Das bringt nichts, weil sie viel zu wenig Verantwortung kriegen.

Wie soll man so besser werden und Selbstvertrauen entwickeln? Es gibt viele Länder, in denen die Entwicklung des Frauenhockeys stark vorangetrieben wird. Solange das bei uns nicht so ist, droht ein Statusverlust. Keine Frage, es kann schnell abwärts gehen.
SLAPSHOT: Mit Shannon Miller hat Sie eine Frau an der Bande des Nationalteams beerbt. Begrüssen Sie das?
Muller: Klar. Das sollte der nächste Schritt sein: Dass der Staff aus Frauen besteht, vom Arzt über den Materialwart bis zum Trainer. Wir brauchen mehr Frauen im Eishockey – und zwar nicht nur auf dem Eis.





