SC Bern: Loeffels Lektionen

Romain Loeffel wechselte noch 2022 nach Bern. Nachdem ihn eine Hirnerschütterung monatelang ausser Gefecht setzte, greift der Offensivverteidiger jetzt wieder an.

Als ob die schmähliche SCB-Niederlage in der Belle des Playoff-Viertelfinals nicht schon schmerzhaft genug gewesen wäre: 1:4 unterlag der SCB im März dem Erzrivalen Gottéron nach einer Darbietung, die man nur als Totalausfall bezeichnen kann. Aber für Romain Loeffel war es nur ein Vorbote dessen, was kommen sollte.
In den dunkelsten Tagen fragte er sich ernsthaft, ob es das vielleicht gewesen sei. Monatelang kämpfte er mit den Folgen einer in jener Partie erlittenen Hirnerschütterung. Er besuchte verschiedene Ärzte und Zentren, in Lausanne, in Genf, in Zürich, in Frankreich.
Die Therapien brachten Fortschritte. Er hatte insofern Glück im Unglück, als dass er zu Hause kaum Beschwerden hatte, auch dann nicht, wenn er mit den Kindern spielte. Irgendwann konnte er sich auch auf den Schlittschuhen fast wieder wie gewohnt bewegen. Doch es gab diese Einschränkung: Loeffel konnte nur dann ohne Beschwerden übers Eis gleiten, wenn er scheibenführend war.
Im Spiel ohne Puck kehrten die Schwindelgefühle zurück, immer wieder. Er sagt: «Es ist halt so: Wenn du die Scheibe hast, hast du die Kontrolle. Und ohne denkst du immer: Wo sind die Gegenspieler?»
Das Comeback verzögerte sich immer wieder, erst Ende Oktober konnte Loeffel zurückkehren. Er sagt: «Es war nicht meine erste Hirnerschütterung, vielleicht dauerte es auch deshalb länger. Der Körper vergisst nicht.»

Zum Zeitpunkt seiner Rückkehr war sein alter Chef schon Geschichte: Jussi Tapola wurde im Oktober entlassen. Der Nachfolger Heinz Ehlers ist bereits Loeffels vierter Coach, seit er 2022 nach Bern wechselte. Eigentlich hatte er sich dem SCB nicht zuletzt deshalb angeschlossen, weil er glaubte, hier Meister werden zu können.
Loeffel, 34, hat in seiner Karriere einiges erreicht: Er holte 2024 WM-Silber, war 2025 der NL-Torschützenkönig der Abwehrspieler und gehört seit Jahren zum Stamm des Nationalteams. Aber Schweizer Meister war er nie. 2013 verlor er mit Gottéron den Final gegen … Bern.
Das schien ihm ein gutes Omen zu sein. Und nach vier Jahren in Lugano wollte die Familie zurück in die Heimat – seine Frau stammt aus Sugiez.
Zu viele Wechsel, zu wenig Stabilität
Doch von einem Titelgewinn war der SCB seit Loeffels Ankunft meilenweit entfernt, der Klub hat seit 2019 keine Playoff-Serie mehr gewonnen. Woran liegts?
«In Bern kommen an praktisch jedem Heimspiel 16'000 Zuschauer ins Stadion. Schon nur darum war der Verein für viele Spieler jahrelang die Traumdestination schlechthin. Aber andere Klubs haben aufgeholt, die Liga ist heute sehr ausgeglichen. Es gab beim SCB viele Wechsel und Richtungsänderungen, vielleicht hat etwas die Stabilität gefehlt. Ich fühle mich in Bern aber sehr wohl. Und ich glaube auch immer noch daran, dass wir einen Titel holen können. Mein Vertrag läuft noch bis 2027, mindestens so viel Zeit bleibt mir», sagt Loeffel.
Es sind mutige Worte gemessen daran, dass der SCB bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe Platz neun belegt. Und in diesem trüben Winter selten den Eindruck erweckte, ein ernsthafter Titelanwärter zu sein. Die Frage ist auch, ob der Zeithorizont mit den anderthalb Jahren tatsächlich stimmt. Gewiss, sein Vertrag hat sich im Sommer per Option automatisch verlängert.
Aber seit längerem halten sich hartnäckige Transfergerüchte um ihn. Sie sind auch Loeffel zu Ohren gekommen – er erkundigte sich in dieser Sache schon beim Management und erhielt die Replik, dass man voll mit ihm plane.

Loeffel ist in seiner Karriere schon einmal Teil eines Tauschgeschäfts gewesen. Trades sind in der Schweiz nach wie vor sehr selten, aber in der Moderne war Loeffel unfreiwillig so etwas wie ein Pionier. Gottéron schickte ihn im Januar 2013 ohne Vorwarnung im Tausch mit Jérémie Kamerzin und John Fritsche zu Servette.
Es ist bis heute nicht ganz klar, was Hans Kossmann, damals bei Gottéron der starke Mann, damals geritten hat, diesem absurd einseitigen Trade zuzustimmen. Sicher ist jedoch, dass die Art und Weise denkwürdig war.
Loeffel sagt: «Wir spielten am 31. Januar in Zug. Es war der letzte Tag vor dem Transferschluss. Nach dem Spiel sagte mir Kossmann, dass er mich zu Servette tauschen wolle. Ich fragte, ob ich ein bisschen Bedenkzeit haben könne, ich müsse das doch erst mal mit meiner Familie und meinem Agenten anschauen. Hans sagte: Ja klar, erledige deine Anrufe in Ruhe. Ich tat das und sagte ihm dann im Car, dass ich das nicht möchte. Darauf antwortete er: Sorry Romain, das war keine Frage, es ist schon entschieden.»
Loeffel und sein Agent überlegen sich in jenen Tagen, juristisch gegen den Transfer vorzugehen, entscheiden sich aber dagegen. Sportlich entpuppte sich der Wechsel für Loeffel als Segen: Chris McSorley setzte ihn als Powerplay-Dirigent ein und gab ihm reichlich Verantwortung. Es war so etwas wie die Geburtsstunde des Romain Loeffel, wie wir ihn heute kennen:
Er schloss die Metamorphose zu einem der besten, verlässlichsten Schweizer Offensivverteidiger der letzten Dekade ab. Er sagt: «Zunächst war es ein Schock. Aber ich bin als Spieler und Mensch in Genf sehr gewachsen und inzwischen dankbar dafür, dass ich dort gelandet bin.»
Romain Loeffel
Geboren: 10. März 1991
Grösse: 178 cm
Gewicht: 85 kg
Stock: rechts
Beim SC Bern seit: 2022
Vertrag bis: 2027
Bisherige Klubs: HC Lugano (NL), Genève-Servette HC (NL), HC Fribourg-Gottéron (NL), SC Langenthal (NLB), Young Sprinters HC (NLB)
Und heute? Im März wird Loeffel 35. Er sagt, er wolle nach Möglichkeit noch ein paar Jahre auf dem höchsten Niveau weiterspielen, auch wenn er vorgesorgt hat: Kürzlich nahm er den eidgenössischen Fachausweis in Wirtschaftsmanagement in Empfang.
Um die Gesundheit fürchtet er sich nicht, auch wenn er sagt: «Es ist eine Risikosportart und natürlich kann jederzeit die nächste Hirnerschütterung kommen. Aber Eishockey ist für mich nicht einfach nur ein Job, es ist meine Passion. Deshalb bin ich bereit, dieses Risiko zu tragen.»
Die Anfänge in La Chaux-de-Fonds
Loeffel wurde einst in La Chaux-de-Fonds gross und wuchs nur einen Steinwurf von der Trutzburg Les Mélèzes auf. Mit dem Vater und seinem jüngeren Bruder Colin besucht er auf den Stehplätzen die Spiele des HCC, zu seinen Idolen gehören die Klubgrössen Michael Neininger, Steve Pochon und Daniel Nakaoka. Ist das ein Gedanke im Hinterkopf: Die Karriere irgendwann dort ausklingen zu lassen, wo alles begann?
Möglicherweise sogar an der Seite des Bruders, der heute für Franches Montangnes in der MyHockey League spielt? Loeffel lacht und sagt: «Vielleicht schon, wer weiss. Mit dem neuen Stadionprojekt könnte das irgendwann interessant sein. Aber für meinen Bruder ist es wahrscheinlich zu spät. Er ist 31 und arbeitet in einem 100-Prozent-Pensum für Ochsner Hockey. Ich weiss nicht, ob die Swiss League für ihn noch einmal infrage kommt …»
Es ist ohnehin Zukunftsmusik. Vorerst geht es für Loeffel darum, dem SCB zu helfen, wieder in die Spur zu kommen. Und selbstredend ist auch ein Aufgebot für die Heim-WM im Mai eines seiner erklärten Ziele. Es wäre sein bereits siebtes WM-Turnier.
Ans Letzte hat er beste Erinnerungen trotz der Finalniederlage gegen Tschechien in Prag: «Meine Familie ist zum Finalwochenende angereist. Es war so schön, meine Frau und meine Kinder bei diesem Höhepunkt um mich herum zu haben.»
Nach Zürich wäre es nicht ganz so weit. Und auch ein würdiger potenzieller Schlusspunkt einer grossen Nationalmannschaftskarriere. Loeffel sagt: «Ich mache mir keine Illusionen. Ich bin bald 35 und weiss, dass der Tag kommen wird, an dem die Mannschaft verjüngt werden wird.» Einen Frühling kann die Blutauffrischung ja noch warten.





