Die Schweiz und der Silberfluch

Nicola Berger
Nicola Berger

Die Schweiz begeistert an der Heim-WM Fans und Zuschauer. Doch nach der Niederlage gegen Finnland rückt der Goldtraum in weite Ferne.

eishockey wm
Im dritten Jahr in Folge erreichten die Schweizer den Final. Aber wieder gelang ihnen kein Treffer. - imago

16 Tage läuft die Heim-WM für die Schweiz nahezu perfekt. Die Stadien sind voll, die Fan-Zonen und Zeitungen auch; das Team begeistert die Massen. Dann crasht Finnland die Party. Zurück bleibt die bange Frage, ob das Schweizer Eishockey den Goldtraum vorerst begraben muss.

Am 1. Juni feierten 80’000 Menschen in Helsinki den fünften Weltmeistertitel Finnlands. Aus den Boxen dröhnte «Richi», der Tor-Song der Schweizer Nationalmannschaft, welche die Finnen am Abend zuvor in Zürich mit 1:0 bezwungen hatten.

Konsta Helenius traf in der Verlängerung in der 71. Minute mitten in die Schweizer Herzen und stürzte seine auf der Tribüne sitzende Mutter in solch eine Ekstase, dass diese kurz das Bewusstsein verlor.

Der Song-Klau hat in Finnland Tradition, 1995 feierten die Goldpioniere Petteri Nummelin, Ari Sulander und Antti Törmänen zu «De Glider In», dem Pop-Hit der Schweden. Auch der EHC Kloten nutzt den Hit seit Jahren als Torsong.

Knapp 1800 Kilometer Luftlinie entfernt wurden im Schweizer Lager derweil die Wunden geleckt. Im dritten Jahr in Folge erreichten die Schweizer den Final. Aber wieder gelang ihnen kein Treffer. So wie schon 2024 in Prag (0:2 gegen Tschechien) und 2025 in Stockholm (0:1 nach Verlängerung gegen die USA).

Die Schweizer stemmen sich in der Defensive mit aller Kraft gegen ein Gegentor. Gleiches gilt auf der anderen Seite.
Die Schweizer stemmen sich in der Defensive mit aller Kraft gegen ein Gegentor. Gleiches gilt auf der anderen Seite. - keystone

Dabei hatte einmal mehr alles so verheissungsvoll ausgesehen. Die Turbulenzen um die Entlassung des Trainers Patrick Fischer vier Wochen vor dem Turnierstart wurden mit einem souveränen 3:1-Auftaktsieg über die USA weggewischt.

In der Gruppenphase jagte ein Gala-Auftritt den nächsten. Die Schweizer gewannen ihre Partien mit ansteckender Leichtigkeit, jeder Auftritt in der Swiss Life Arena glich einem Volksfest.

Spätestens ab dem Moment, als auf Wunsch des Ausnahmestürmers Nico Hischier nach jedem Sieg der Patent-Ochsner-Evergreen «W. Nuss vo Bümpliz» von den Spielern und Zuschauern gemeinsam intoniert wurde, wirkte das Team wie auf einer Mission.

Beseelt von einer speziellen Energie, die auch daher rührte, dass es pandemiebedingt seit 2009 nie mehr eine WM in der Schweiz gegeben hatte.

Ob Servette mit dem Trainer Sam Hallam glücklich werden wird?

Der erste echte Prüfstein war im Viertelfinal der alte Angstgegner Schweden. Ein Widersacher, den die Schweiz an grossen Turnieren in einem K.o.-Spiel noch nie hatte bezwingen können.

Die Schweden gingen früh in Führung und konnten im ersten Drittel später nach einem Restausschluss gegen Dean Kukan sogar fünf Minuten in Überzahl agieren. Trotzdem blieben sie gegen entfesselte Schweizer chancenlos.

Sam Hallam, ab der neuen Saison der Trainer von Servette, gab kommunikativ eine sehr unglückliche Figur ab. Die Schweizer siegten hochverdient mit 3:1. Im Halbfinal wurde Norwegen 6:0 deklassiert, der Klassenunterschied war augenfällig.

Sam Hallam SC Bern
Sam Hallam ist neuer Trainer von Servette. (Archivbild) - Växjö Lakers

Der Coach Jan Cadieux und seine Assistenten Rikard Franzén und Marcel Jenni liessen mitreissendes und effizientes Tempohockey spielen. Vor dem ersten Bully am 31. Mai gegen Finnland war die Schweiz bei den Buchmachern Favorit auf Gold. Das hatte es zuvor noch nie gegeben.

Trotz der Erfahrung von vier Finalteilnahmen seit 2013 wirkten die Schweizer am Sonntagabend plötzlich nervös. Das erste Drittel misslang völlig, es waren die schlechtesten 20 Minuten des ganzen Turniers. Doch das Kollektiv fing sich.

Es kam zu Chancen. Und beklagte mehrfach grosses Pech. Der Goalie Justus Annunen, in der NHL bei den Nashville Predators der Teamkollege von Roman Josi, war nicht zu überwinden.

Auf der Gegenseite fand Helenius einen Weg, den Puck an Leonardo Genoni vorbei zu manövrieren. Jede Finalniederlage war schmerzhaft. Aber sie haben kontinuierlich mehr weh getan. 2013 war die Schweiz gegen Schweden chancenlos.

Josi
Besonders Captain Roman Josi zieht immer wieder ab, die Finnen gestehen ihm aber kaum Raum zu. - keystone

2018 scheiterte sie gegen den gleichen Gegner erst im Penaltyschiessen, so unwürdig das auch ist, im Eishockey einen Weltmeister mittels dieser Lotterie zu küren. 2024 fehlte wenig, aber Tschechien war das bessere Team und mit David Pastrnak sorgte ein Weltstar für den Unterschied.

2025 hielt Genoni die Schweiz gegen junge, starke, unerschrockene Amerikaner so lange im Spiel, wie er nur konnte. Immer wieder vermochten sich die Schweizer auch daran aufzurichten, dass die nächste Gelegenheit schon kommen würde. Und das stimmte ja, 2026 hat das gezeigt.

Aber es herrscht auch Konsens darüber, dass die Sterne so schnell kaum noch einmal so günstig stehen werden wie an dieser Heim-WM. Russland war weiterhin ausgeschlossen.

Es war ein Olympiajahr, was traditionell zur Folge hat, dass es bei den Nicht-Gastgeber-Nationen Absagen hagelt. Mit Ausnahme des Torhüters Akira Schmid überstand kein Schweizer Spieler die Startrunde der NHL-Playoffs – und er wäre hinter Berra und Genoni ohnehin bestenfalls die Nummer 3 gewesen.

Die Zukunft von Josi bleibt unklar

Dazu kommt: Das Gerüst dieser Mannschaft ist in die Jahre gekommen. Das Schweizer Ensemble wies an der WM das höchste Durchschnittsalter aller 16 Teilnehmer auf. Genoni wird im August 39, Josi ist am Tag nach dem Final 36 geworden.

Rücktritte aus dem Nationalteam sind nicht auszuschliessen. Irgendwann neigt sich jeder Zyklus dem Ende entgegen. Prioritäten verschieben sich. Josi beispielsweise ist ein mehrfacher Familienvater mit abgeschlossener Vermögensbildung, dessen Lebensmittelpunkt sich in den USA befindet.

Traust du der Schweizer Nati im nächsten Jahr den WM-Titel zu?

Er hat sich zehn Mal an einer WM in den Dienst der Schweiz gestellt, was für einen Spieler seines Formats keineswegs selbstverständlich ist. Es wäre nachvollziehbar, wenn er den Mai 2027 anders gestalten möchte – und vielleicht ist er ja in den NHLPlayoffs involviert.

Josi liess seine Zukunft während des Turniers offen. Wenn das das letzte Hurra dieser silbernen Generation gewesen ist, muss man sich vor ihr verneigen. Sie hat die Hockeyschweiz (und 2026 auch sonst weite Teile der Bevölkerung) immer wieder träumen lassen. Sie stolz gemacht.

WM-Silber ist für die kleine, beschauliche Schweiz alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Diese Einsicht mag heute noch nicht verfangen, in der Stunde der Enttäuschung.

Ganz, ganz bitter. Auch an der Heim-WM jubeln am Schluss die Gegner über Gold – der Schweiz bleibt der Silber-Hattrick. - Keystone
Auch an der Heim-WM jubeln am Schluss die Gegner über Gold – der Schweiz bleibt der Silber-Hattrick. - keystone

Aber angesichts der eklatanten Nachschubschwierigkeiten in der Produktion von neuen Weltklassespielern kann es sein, dass sich das Land in nicht allzu ferner Zukunft sehnsüchtig daran erinnern wird, wie schön alles damals war, im milden Frühling 2026. Trotz eines finnischen Dolchs im Herzen.

Mehr zum Thema:

Weiterlesen

Suomipop
1'616 Interaktionen
«Nie gehört»
WM
1'616 Interaktionen
Sieg über Nati
Nati
1'616 Interaktionen
1:0 in Verlängerung
Nico Hischier NHL Devils
Millionen-Vertrag
NHL
1 Interaktionen
NHL-Goalie
a
Spielertausch