Fischer sagt Adieu

Patrick Fischer war der richtige Nationaltrainer zum richtigen Zeitpunkt. Auf seinen Nachfolger Jan Cadieux wartet eine sehr knifflige Herausforderung.

Als Patrick Fischer am 3. Dezember 2015 zunächst ad interim als Nachfolger für den eilig entlassenen Glen Hanlon vorgestellt wurde, war der Zuger: eine Verlegenheitslösung.
Die damalige Führung um den CEO Florian Kohler und den Sportdirektor Raeto Raffainer wollte unbedingt eine Schweizer Lösung präsentieren. Eigentlich hätte sie Kevin Schläpfer heissen sollen, doch der heutige Sportchef des EHC Basel erhielt von Biel keine Freigabe.

Fischer war gerade verfügbar, weil er kurz zuvor in Lugano entlassen worden war; ein Starensemble um Damien Brunner, Elvis Merzlikins und Linus Klasen war unter Fischer auf dem letzten Rang klassiert.
Fischer schlug einiges an Gegenwind entgegen. Aber ihn stützte sein unerschütterlicher Positivismus. Und kluge Hilfestellungen seines Jugendfreundes und Agenten Daniel Giger, der den Schweden Tommy Albelin als Assistenten installierte, der für taktische Ordnung sorgte.
Fischers grösste Qualität war, dass er die Sprache der Spieler redete. Er schaffte ein Klima, in dem die wichtigsten Akteure gerne ins Nationalteam einrückten.
Vielleicht braucht es dafür gar kein allzu grosses Zutun – der NHL-Verteidiger Jonas Siegenthaler sagte das vor einiger Zeit in einem SLAPSHOT-Interview: Es ist eine Spielergeneration, die sich schätzt und gerne ein paar Wochen miteinander verbringt.

Und natürlich will jeder dabei sein, wenn die Schweiz endlich erstmals Weltmeister wird. Man darf davon ausgehen, dass nach diesem möglichen Coup längst nicht mehr jeder Nomination Folge geleistet wird.
Aber Fischer hat verstanden, wie er diesen Groove aufrechterhält. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Hanlon, beispielsweise, der sich mit Wankelmütigkeit unmöglich machte.
Leonardo Genoni versprach er einmal, dass er im Viertelfinal die Nummer eins sein werde. Am Spieltag sass Genoni auf der Bank.
Ein «Player’s Coach», der die Fesseln löste
Solche Fauxpas leistete sich Fischer nicht, er war ein kumpelhafter Trainer, ein «Player’s Coach». Dessen mutige Spielidee durchaus Anklang fand.
Es ist sein Verdienst, dass die Schweiz sich längst nicht mehr kleiner macht, als sie ist. Dass sie sich etwas getraut, das Spieldiktat an sich reisst. Unter Ralph Krueger und eigentlich auch Sean Simpson war das anders gewesen.

Was kein Vorwurf sein soll – der Schweiz fehlte damals in der Breite schlicht die Qualität. Die Partien mussten mit anderen Mitteln als spielerischer Leichtigkeit gewonnen werden.
Fischer hat ziemlich früh in seiner Amtszeit ungewohnt offensiv WM-Gold als Ziel ausgegeben. Drei Mal war er sehr nahe dran: 2018 in Kopenhagen, 2024 in Prag und 2025 in Stockholm.
Die Silbermedaille habe die falsche Farbe, sagten einige Spieler nach dem in der Verlängerung gegen die USA verlorenen Final von Ende Mai. Sie soll sich ändern, 2026 an der WM in Zürich und Fribourg.
Noch ist nicht abzusehen, wie die Kader dann aussehen. Wer in den NHL-Playoffs engagiert ist, wer verletzt fehlt.

Aber drei Monate nach den Olympischen Spielen wird die Motivation der Top-Spieler bei keiner anderen Nation mit halbwegs ernstzunehmenden Titelchancen so gross sein wie bei der Schweiz: die erste Heim-WM seit 16 Jahren. Noch einmal die Chance auf Gold.
Gelingt das Unterfangen, wäre es ein fast kitschiger Abschluss für das Wirken Fischers.
Cadieux muss neue Helden finden
Denn am 3. Dezember, auf den Tag genau zehn Jahre nach seiner Ernennung, gab Fischer bekannt, nach der Heim-WM nicht mehr weiterzumachen.
Es ist ein vernünftiger, ein nachvollziehbarer Entscheid. Nach einem Jahrzehnt ist es für beide Seiten Zeit für etwas Neues.
Es ehrt Fischer, dass er im Alter von 50 Jahren zu neuen Ufern aufbrechen will, obwohl er mühelos einen neuen Vertrag hätte unterschreiben können – man verdient komfortabel als Nationalcoach, es war ein gemachtes Bett.
Der Entscheid sei über längere Zeit in ihm gereift, sagte er. Möglich ist, dass seine Zukunft dereinst nach Übersee führen wird.

Sein Nachfolger Jan Cadieux, ein 45-jähriger Romand, der 2023 Meistertrainer von Servette war, unterschrieb einen Vertrag bis 2028. Ihn erwartet ein schwieriges Erbe.
Nicht nur weil Fischer ein gutes, telegenes Aushängeschild für das Schweizer Eishockey war und die erfolgreichste Ära in der Geschichte der Nationalmannschaft begründete. Sondern weil es berechtigte Sorgen gibt, dass der Schweiz mittelfristig trübe Jahre bevorstehen könnten.
Der Erfolgsgarant Roman Josi wird im Juni 36 und kämpfte zuletzt wiederholt mit gesundheitlichen Problemen. Die Identifikationsfigur Nino Niederreiter ist 33, Leonardo Genoni 38.
Eher früher als später wird das Team neue Individualisten benötigen, die es stützen können. Und da hilft es nicht, dass die Schweiz seit 2017 exakt zwei Erstrunden-Draftpicks hatte: Nico Hischier und Lian Bichsel.

Eine Posse wie jetzt mit der temporären Verbannung Bichsels dürfte schon in sehr naher Zukunft undenkbar sein. Weil die Schweiz es sich nicht leisten kann, auf die wenigen Topshots zu verzichten.
Gewiss: Es gibt auch verheissungsvolle Spieler, die im NHL-Draft übergangen wurden, Théo Rochette etwa. Aber die Gefahr eines Statusverlusts beim Nationalteam ist real. Es ist unklar, ob diese Aspekte in Fischers Überlegungen eine Rolle spielten.
Sicher ist nur: Nach dem Hockey-Fest im Mai beginnt bei Swiss Ice Hockey eine neue Ära.





