Olympia 2026: Schmerzhafte 72 Sekunden

Am Ende fehlten den Schweizer Männern gegen Finnland 72 Sekunden für den Einzug in die Olympia-Halbfinals – dann platzte der Medaillentraum in der Overtime.

Der grosse Erfolg war greifbar nahe und auch realistisch. Die Schweiz war gut ins Olympia-Turnier gestartet, liess Frankreich zum Auftakt keine Chance, siegte 4:0. Dann folgte das erste Highlight, die Partie gegen Kanada. Das Starensemble aus der NHL bezwang die Schweiz mit 5:1, was an und für sich noch verkraftbar gewesen wäre.
Viel schwerwiegender war, dass dazu die Verletzungen von Denis Malgin, Andrea Glauser und vor allem auch Kevin Fiala kamen, der noch in Mailand am Unterschenkel operiert werden musste und lange ausfällt.
Den Unterschied machten die Kanadier mit zwei Toren in den ersten elf Minuten, danach spielte die Nati mit, kam durch Pius Suter im Powerplay auch zum Ehrentreffer und erhielt am Ende vom kanadischen Cheftrainer Jon Cooper Lob: «Die Schweizer haben uns gefordert. Das Resultat entspricht sicher nicht den Stärkeverhältnissen.»

Gegen Tschechien folgte ein Ausrufezeichen, als sich die Nati in der Overtime dank eines Treffers von Dean Kukan den 4:3-Sieg sicherte und die Gruppenphase hinter den Kanadiern auf Rang 2 und in der gesamten Setzliste als Nummer 5 beendete.
In der Viertelfinal-Qualifikation wartete damit Gastgeber Italien, der ebenso problem- wie glanzlos mit 3:0 besiegt wurde.
2:0-Führung reichte nicht
Und dann folgte der erwähnte Viertelfinal gegen die Finnen, in deren Kader ZSC-Verteidiger Mikko Lehtonen der einzige Nicht-NHL-Spieler war. 2:0 führte die Schweiz nach 15 Minuten und Toren von Damien Riat und Nino Niederreiter.
Das Team von Patrick Fischer überzeugte mit bemerkenswerter Effizienz, die Spieler opferten sich auf, kämpften mit viel Leidenschaft um jeden Zentimeter und zählten einmal mehr auf einen überragenden Leonardo Genoni als Rückhalt.
Doch die Finnen hatten halt auch ihre Stars, zeigten sich in diesem Spiel dominant und gaben nie auf, auch als das Ausscheiden immer näher rückte.
Sechs Minuten und sechs Sekunden vor dem Ende kam der Gamechanger, als Sebastian Aho das 1:2 erzielte. Und dann, 72 Sekunden vor Schluss, folgte der nächste finnische Treffer, der nicht unverdient, aber sehr glücklich war.

Goalie Juuse Saros hat einem sechsten Feldspieler Platz gemacht und Jonas Siegenthaler lenkte den Puck ins eigene Tor – der Treffer wurde Miro Heiskanen zugeschrieben.
Das viel bemühte Momentum lag nun auf der Seite der Finnen, die nach 3:23 Minuten in der Overtime durch Artturi Lehkonen das 3:2 erzielten, als Dean Kukan für einen Moment die Orientierung verloren hatte.
Und die Schweizer verpassten den erstmaligen Einzug in einen Olympia-Halbfinal. 1928 und 1948 in St. Moritz hatten sie jeweils Bronze gewonnen, doch damals wurden die Medaillen in einer Finalrunde mit vier Teams (1928) beziehungsweise in einer Neunergruppe (1948) vergeben.
«Es ist sehr, sehr bitter. Es war klar, dass sie nach dem 2:0 kommen werden. Wir haben gekämpft, sehr gut verteidigt und Leo war super wie immer. Vielleicht hätten wir bei den Powerplays etwas aggressiver spielen und das dritte Tor mehr suchen können», sagte Captain Roman Josi nach der Niederlage.

«Ich finde aber, dass wir es gut gemacht haben. Bis zum 2:1 hatte Finnland nicht so viele Chancen.» Nach dem Anschlusstreffer verlor die Nati die Kontrolle über das Spiel, geriet unter Dauerdruck, «und am Ende ging es plötzlich schnell», so Josi, der noch anfügte:
«Wir haben einen riesigen Teamspirit. Für mich ist es immer ein grosses Privileg, für diese Mannschaft zu spielen. Alle geben alles für die Schweiz. Gerade deshalb ist es jetzt so bitter.»
«Eine sehr, sehr gute Mannschaft»
Ähnlich tönte es von Goalie Leonardo Genoni: «Wir wollten gewinnen und haben nicht gewonnen. Das schmerzt genug, da müssen wir uns nicht mit Ausreden trösten. Es tut weh.» Sie hätten genau das Spiel gemacht, das sie sich vorgenommen hatten. Lange sei es aufgegangen, doch dann habe es doch nicht geklappt.
Gleichzeitig wies er darauf hin, dass die Schweiz auch mit den Top-Teams mithalten kann, wenn alle NHL-Spieler mit dabei sind. «Wir müssen nicht zu viel Respekt vor den Gegnern haben. Wir haben eine sehr, sehr gute Mannschaft, das müssen alle irgendwann einmal einsehen.»
Der Frust und die Enttäuschung dominierten auch bei Headcoach Fischer: «Ich bin stinksauer. Wir wollten unbedingt gewinnen und haben eigentlich alles richtig gemacht.»
Es seien schwierige Gefühle, ähnlich wie nach einem verlorenen WM-Final. «Wir hatten das Spiel im Griff, geben es am Ende aber aus der Hand. Das ist extrem schade und enttäuschend.
Wir wollten unbedingt eine Medaille gewinnen und wussten, dass wir mit einem Sieg gegen Finnland sehr nah dran wären», so der Headcoach, dem nun noch die Heim-WM als letzter grosser Höhepunkt in seiner Amtszeit bleibt. Und da, so viel ist sicher, wird die Schweiz wieder voller Leidenschaft ihren Traum vom grossen Coup verfolgen.
USA demütigen Kanada
Für die Titelverteidigung reichte es Schweiz-Bezwinger Finnland nicht, aber immerhin zur Bronzemedaille. Im Spiel um Platz 3 besiegten die Finnen die Slowakei 6:1, nachdem sie im Halbfinal Kanada bis zuletzt gefordert und nur 2:3 verloren hatten. So kam es zum Traumfinal zwischen den Starensembles von Kanada und den USA – und zur Überraschung.
Die Amerikaner gewannen 2:1, der Schütze des goldenen Tores war Jack Hughes, Teamkollege von Nico Hischier bei den New Jersey Devils, nach 101 Sekunden in der Overtime, nachdem die Kanadier dominiert (42:28 Torschüsse) und US-Goalie Connor Hellebuyck, dem beim Siegtor der zweite Assist gutgeschrieben wurde, ein herausragendes Spiel gezeigt hatte.
Der Treffer von Hughes war ein tiefer Stich ins kanadische Hockey-Herz und besiegelte eine Demütigung: Denn so gewann die USA bei den Männern und den Frauen Gold im Eishockey, jeweils nach Overtime-Finalsiegen gegen Kanada.






