Wird die Schweiz Weltmeister? – Pro & Contra

In dieser Ausgabe von «Pro und Contra» gehen Andy Maschek und Nicola Berger der Frage nach, ob die Schweiz Weltmeister werden kann.

Wird die Schweiz Weltmeister?
Nicola Berger, SLAPSHOT-Autor und NZZ-Redaktor sagt Ja:
Viermal erreichte die Schweiz in den letzten 13 Jahren den Final. Dreimal fehlte wahnsinnig wenig: 2018 unterlag das Team in Kopenhagen gegen Schweden erst im Penaltyschiessen. Und 2025 in Stockholm erst in der Verlängerung der USA.
2026 soll, wird, muss die Krönung folgen. Denn man muss sich keine Illusionen machen: Eine so gute Gelegenheit wird sich auf Jahre hinaus nicht mehr bieten, vielleicht gar nie mehr. Noch immer fehlt das Schwergewicht Russland, das seit 2022 wegen des Angriffskriegs auf die Ukraine ausgeschlossen ist.
Die Schweiz wird davon profitieren, dass sie zu Hause spielen kann und dass es ein Olympia-Jahr ist. Weil das bedeuten dürfte, dass es sich bei den übrigen Favoriten etliche NHL-Stars zweimal überlegen werden, ob sie wirklich innert vier Monaten zwei internationale Turniere in Europa bestreiten wollen.
Die Bedeutung der WM nimmt in Nordamerika ohnehin sukzessive ab. Und dann ist da das Bewusstsein der Goldenen Generation um Leonardo Genoni, Roman Josi und Nino Niederreiter, dass das hier ihr letzter grosser Tanz sein dürfte. Genoni wird im August 39, der Captain Josi im Juni 36.

Beide haben dieses Team lange geschultert, ewig werden sie das nicht tun können; der Zahn der Zeit nagt an ihnen. Bei Josi war das zuletzt verstärkt wahrnehmbar, nach etlichen Verletzungssorgen agierte er bei den Nashville Predators und auch bei den Olympischen Spielen weniger dominant als in der Blüte seines Schaffens.
Das soll sein jetziges Leistungsvolumen nicht schmälern – er ist heute einfach nicht mehr ganz so überragend wie noch 2020, als er die Norris Trophy gewann und der beste Verteidiger der Welt war. Aber immer noch verkörpert er Weltklasseformat. Und ist von der grossen Sehnsucht angetrieben, seine einzigartige Karriere zu krönen.
Den Stanley Cup wird er mit Nashville nicht mehr gewinnen. Aber mit der Schweiz kann er Weltmeister werden. Mit Weggefährten, die ihn seit Jahren begleiten und zu Freunden geworden sind. Es ist dieser Teamgeist, aus dem die Schweiz eine Goldmedaille schmieden muss.
Den Irrungen und Wirrungen rund um die Absetzung des Trainers Patrick Fischer sollte man keine allzu grosse Bedeutung beimessen. Jan Cadieux ist ein würdiger Nachfolger, taktisch sogar stärker bewandert als sein Vorgänger. Und dass die Zusammensetzung des Trainerstabs an der WM weniger wichtig ist als im Klub-Eishockey, beweisen Kanada und der Titelhalter USA immer wieder aufs Neue:
Sie bestimmen ihre Coaches kurzfristig – zum Handkuss kommt, wessen NHL-Saison früh genug endet. Cadieux stand als Schweizer Cheftrainer wesentlich früher fest als der WM-Headcoach der Eishockey-Weltmacht Kanada.
Andy Maschek, SLAPSHOT-Redaktor sagt Nein:
In den letzten Jahren galt für die Schweizer Eishockey-Nati leider immer wieder das altbekannte Motto, dass knapp daneben halt auch vorbei ist. Schon fast regelmässig schnupperte die Nati am WM-Titel, am Ende wurde sie aber doch nie mit der Goldmedaille belohnt.
Nun soll das anders werden. Das Jahr 2026 ist dazu auserkoren, diesen Traum zu erfüllen. Die Möglichkeit besteht, dass das von den NHL-Stars Roman Josi, Nico Hischier und Nino Niederreiter angeführte Team tatsächlich an der Endstation Sehnsucht ankommt. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass der Titeltraum alles andere als utopisch oder vermessen ist.

Die Nati hat die Qualität dazu. Definitiv. Und für Hoffnung sorgt auch, dass diese Titelkämpfe in der Schweiz stattfinden. Die Eisgenossen haben längst eine Euphorie entfacht und werden von den Fans getragen. Was dies bewirken kann, haben wir gerade erst bei Gottéron gesehen. Den Freiburgern gelang mit der Unterstützung der Fans ein einzigartiger Gipfelsturm.
Die Perspektiven sind wunderbar. Und doch ist der WM-Titel nicht nur kein Selbstläufer, sondern in meinen Augen ziemlich weit weg. Ich zweifle daran, dass man auch hier am Ende freudetrunken jubilierend sagen kann: «mission completed».
Dabei spielt wohl ein wenig Zweckpessimismus mit, um nicht zu enttäuscht zu sein. Andererseits gibt es doch auch Gründe gegen einen Schweizer Triumph. Einen WM-Titel kann man nicht planen. Jan Cadieux hat zwar fast das beste Team zur Verfügung, dennoch ist es schon fast fahrlässig, freiwillig auf den Abwehrhünen Lian Bichsel zu verzichten.
Und natürlich sind die Gegner an der WM weniger namhaft besetzt als noch an Olympia, doch egal ob USA, Kanada, Schweden oder auch Finnland – sie werden mit starken Spielern und nicht mit Nasenbohrern antreten und ebenfalls den Titel anpeilen. Und der letzte wirklich überraschende Champion war die Slowakei – vor einer gefühlten Ewigkeit, im Jahr 2002.
Zudem wissen auch die Schweizer Spieler, dass die Gelegenheit einzigartig ist, sich diesen Traum zu erfüllen. Sie spüren die Erwartungshaltung der Fans. Und das kann lähmend wirken. Beim FC Bayern München stand in der Champions League der Begriff «Finale dahoam» oder «Titel dahoam» in den letzten Jahren zweimal im Zentrum.
Doch 2012 scheiterten die Bayern in der heimischen Arena im Final an Chelsea und im letzten Jahr platzte der Traum mit der Viertelfinal-Niederlage gegen Inter Mailand. Trotz der «Mia san mia»-Mentalität waren der Druck zu gross und die Gegner zu stark. Das kann auch der Nati passieren, auch wenn sie über einen grandiosen Teamgeist verfügt.





