Samuel Asselin: From Québec with Love

Samuel Asselin ist heute Liga-Topskorer in Sierre. Als Kind träumte der Kanadier allerdings nicht von der NHL, sondern von der Juniorenliga QMJHL.

Im August 2024 landet Samuel Asselin in Sierre. Mario Pouliot hatte ihn angerufen, sein einstiger Juniorentrainer. Und Chris McSorley hatte das getan, was er am besten kann: Einem Gegenüber das Gefühl geben, er sei die wichtigste Person auf dieser Welt.
Die Jahre zuvor hat Asselin in der American Hockey League (AHL) verbracht, er ist sich von dort einen gewissen Standard gewohnt, moderne Arenen, opulente Krafträume, fein abgestimmte Ernährungsoptionen. Nun steht Asselin vor der Grabenhalle und kämpft mit dem Instinkt, seine Mutter anzurufen und ihr zu sagen: «Mom, das kann nicht sein, ich komme wieder nach Hause.»
Die Grabenhalle ist die letzte echte Trutzburg in den obersten zwei Ligen im Schweizer Eishockey. Voller Charme, aber eben auch ein Relikt aus längst vergangenen Tagen. Und für jemanden wie Asselin: ein Kulturschock.

Doch Asselin, 27, lässt das Handy stecken. «Das Stadion ist eine alte Scheune. Jedes Mal, wenn ein Zug durchfährt, spüren wir das, weil alles zittert. Aber in solchen Hallen habe ich diesen Sport lieben und selber spielen gelernt», sagt der Québecois. Alte Scheunen und der eigene Hinterhof, wo der Vater und Grossvater im Winter jeweils eine Eisfläche kreierten:
Das war Asselins Kindheit. Er sagt: «Es gibt dieses Klischee, dass die Kinder in Québec zuerst Schlittschuhlaufen lernen, bevor sie gehen können. Bei mir war das tatsächlich der Fall.»
Kovalev in Visp? «Das ist ja unglaublich»
Er wächst auf einer Tabakfarm knapp 40 Autominuten ausserhalb von Montreal auf. Wann immer möglich fährt die Familie zu den Heimspielen der Montreal Canadiens. Asselins Lieblingsspieler ist Alexei Kovalev, dessen Tipps und Trainingsmethoden er sich auf einer vom russischen Starstürmer vertriebenen DVD abzuschauen versucht.
Wenn man Asselin heute darauf hinweist, dass Kovalev die letzten Spiele seiner Karriere für den EHC Visp absolvierte, zwischen 2014 und 2017, glaubt er einem das nicht. Kurz ist es still in der Leitung, ehe die Bestätigung des Internets vorliegt. «Das wusste ich nicht, das ist ja unglaublich», sagt Asselin.
Zuvor hat er von der Stimmung in der Grabenhalle geschwärmt, besonders in den Derbies gegen Visp. Ganz generell ist er längst in Sierre angekommen, er mag das Wallis, die kurzen Wege, die vielen Sonnenstunden. Und den kurzen Weg zum Genfer Flughafen, was die Visiten seiner Verlobten erleichtert. Er ist glücklich darüber, sein Hobby zum Beruf machen zu können.
Es ist ein Traum, den Asselin sich hier verwirklicht. Als Knirps hatte er davon geträumt, es in die Québec Major Junior Hockey League zu schaffen, so wie seine Vorbilder Nathan MacKinnon und Jonathan Drouin. Und tatsächlich wird er 2014 von den Shawinigan Cataracts in der vierten Runde gedraftet.

Es gibt in der QMJHL kaum Geld zu verdienen; Asselin erhielt 60 Dollar pro Woche plus 50 Dollar Spritgeld. Immerhin kommen die Klubs via Gastfamilien für Kost und Logis auf. Der finanzielle Aspekt ist aber auch nicht der Punkt, Asselin sagt: «Ich hatte dort eine fantastische Zeit. Es ist in jeder Hinsicht eine Lebensschule, ich habe es geliebt. Ab und zu konnte mich meine Familie sogar am TV sehen, auf RDS, es war wunderbar.»
Es dauert, bis Asselin in der «Q» richtig zur Entfaltung findet. Doch 2017 machen ihn die Cataracts erst zum Captain und tauschen ihn dann zu Acadie-Bathurst, wo Asselin beim Gewinn des Memorial Cup eine Schlüsselrolle einnimmt. 2018/19 wird er als «Overager» bei Halifax Torschützenkönig. Kurz danach nimmt ihn Boston unter Vertrag und platziert ihn erst in der AHL und dann in der drittklassigen East Coast Hockey League (ECHL) bei den Atlanta Gladiators.
Die ECHL ist eine harte, physische Liga, in der viel geprügelt wird und das Geld knapp ist – diesen Herbst streikten die Spieler kurz für bessere Arbeitsbedingungen. Auch Asselin prügelt sich ein paar Mal, heute sagt er: «Das war ein hartes, aber lehrreiches Jahr. Es war das erste Mal, dass ich alleine gelebt habe. Der Spielplan ist verrückt, wir hatten manchmal drei Spiele in vier Tagen inklusive 35 Stunden Fahrzeit im Bus. Aber die Liga ist besser als ihr Ruf. Und ich wurde dort sehr warmherzig empfangen.»
Nach dem Abenteuer in Atlanta absolvierte Asselin vier Spielzeiten in der AHL. Aber er erhielt wenig Verantwortung und realisierte, dass das schwierig werden wird mit dem Aufstieg in die NHL. Der Anruf des im Herbst 2025 entlassenen Trainers Pouliot kam da gerade recht, obwohl sein Vertrag bei den Bridgeport Islanders noch ein Jahr gültig gewesen wäre.
Den Wechsel nach Sierre hat er nicht bereut. In seiner zweiten Saison im Unterwallis ist er mit 26 Toren und 60 Assists in 50 Partien souverän Liga-Topskorer geworden. Offiziell heisst der Titel seit kurzem «Scorer King» – Burger King ist als Sponsor eingestiegen.
Eine Ausstiegsklausel für die National League
Es sind Werte, die aufhorchen lassen. Immer wieder entsandten Teams Späher nach Sierre, auch aus der National League. Zwar hat Asselin seinen Vertrag bis 2028 verlängert, aber wie in der Sky Swiss League üblich, enthält die Übereinkunft eine Ausstiegsklausel. Asselin sagt:
«Mein Ziel ist die National League. Und am liebsten wäre mir, wenn ich das mit Sierre schaffe. Mir gefällt es hier sehr. Wir spielen sehr offensiv, das kommt mir entgegen. Man trifft nicht oft auf Trainer, die lieber 6:5 statt 2:1 gewinnen. Aber Chris ist so einer.»
Samuel Asselin
Nationalität: CAN
Geboren: 1. Juli 1998
Grösse: 180 cm
Gewicht: 83 kg
Stock: links
Bei HC Sierre seit: 2024
Vertrag bis: 2029
Bisherige Klubs: Bridgeport Islanders (AHL), Providence Bruins (AHL), Atalanta Gladiators (ECHL), Halifax Mooseheads (QMJHL), Acadie-Bathurst Titan (QMJHL), Shawinigan Cataractes (QMJHL)
Sierre spielte letztmals 1990/91 in der NLA (der Trainer damals: Juhani Tamminen, der Topskorer: Kelly Glowa) und noch wird das Comback auf sich warten lassen: Die «Valais Arena» soll 2030 bezugsfertig sein, vorher wird sich Sierre mit der «alten Scheune» begnügen müssen, die beim besten Willen nicht mehr NLA-tauglich ist.
2025 hätte sich Asselin eigentlich eine andere Gelegenheit geboten, in der NL aufzulaufen: Lausanne hatte sich seine B-Lizenz gesichert. Aber weil er unter den Ausländern nominell nur die Nummer neun gewesen wäre, kehrte er in Absprache mit dem Team vorzeitig nach Kanada zurück.
Für sein Heimatland wäre er ebenfalls beinahe aufgelaufen: Vor dem Spengler Cup fiel er dem letzten Kaderschnitt zum Opfer. «Das wäre cool gewesen», sagt Asselin. Schiesst er weiter nach Lust und Laune die Sky Swiss League klein, dürfte das Team Canada nicht mehr lange um seine Nomination herumkommen.





