Anna Wiegand: «Viel Zeit zum Durchschnaufen blieb nicht»

Andy Maschek
Andy Maschek

Die Swiss Ice Hockey Federation war an den Olympischen Spielen auch durch Officiating Coach Anna Wiegand vertreten. Ein Slapshot-Interview.

Anna Wiegand
Ex-Schiedsrichterin Anna Wiegand. - Andrea Cardin/IIHF

Die Swiss Ice Hockey Federation war an den Olympischen Spielen nicht nur mit den beiden Nationalteams vertreten, sondern auch durch Officiating Coach Anna Wiegand. Im Interview spricht die ehemalige Schiedsrichterin über ihre Aufgaben und Eindrücke.

Slapshot: Wie haben Sie diese Olympischen Spiele erlebt?

Anna Wiegand: Es war für mich intensiver als «on ice». Als Schiedsrichterin empfand ich es als wesentlich entspannter als in meiner neuen Rolle. Es war gleichzeitig sehr lehrreich, spannend und eine andere Erfahrung als eine WM oder ein sonstiges Turnier.

Slapshot: Was heisst Officiating Coach genau?

Wiegand: Wir haben die Schiedsrichterinnen vier Jahre lang begleitet und waren Teil des Programms «Road to Milano». Zu Beginn waren wir im Coaching-Pool acht Personen, dann erfolgte wie bei den Schiedsrichterinnen ein Auswahlverfahren.

Vor Ort waren wir noch vier Coaches. So hatten wir die Möglichkeit, während mehrerer Jahre mit den Frauen auf diese Spiele hinzuarbeiten. Das war anders, als an ein Turnier zu fliegen und dort mit den Schiedsrichterinnen zu arbeiten.

Slapshot: Was waren die Aufgaben in Italien?

Wiegand: Den Referees als Unterstützung zur Seite stehen, aber auch sie zu beurteilen und zu entscheiden, wer am Ende in welcher Kombination welches Spiel leitet.

Olympia
Coaches bei Olympia 2026. - Andrea Cardin/IIHF

Slapshot: Das tönt verantwortungsvoll …

Wiegand: Das war es auch und ging nicht spurlos an einem vorbei. Man baut zu jeder Schiedsrichterin eine Beziehung auf und wünscht jeder das Beste.

Aber von den 22 Frauen konnten im Olympia-Final nur vier auf dem Eis stehen, und wir mussten 18 Personen mitteilen, dass es nicht gereicht hat. Das war eine emotionale Herausforderung.

Slapshot: Waren es lange Tage?

Wiegand: Wir sind spätestens um sieben Uhr aufgestanden und sind nach dem Frühstück in die Halle gegangen. Wir hatten bei den Frauen viele Tage mit vier Spielen, wobei das erste um den Mittag und das letzte um 21.10 Uhr begann.

Vor zwei Uhr morgens war ich nicht oft im Bett. Man weiss jedoch, dass dies an Turnieren so ist und kann sich darauf einstellen. Viel Zeit zum Durchschnaufen blieb aber nicht.

Slapshot: Es war das Turnier der grossen Stars bei den Männern. Konnten Sie auch mal ein Spiel oder ein Training verfolgen?

Wiegand: Prinzipiell wäre das möglich gewesen, mit unseren Akkreditierungen hatten wir Zugang zu allen Männer-Spielen und zu den Trainings. Aber die Zeit fehlte. Ich habe während den Spielen insgesamt vier Drittel der Männer im Stadion geschaut. Denn wenn man jeden Tag mehrere Spiele live miterlebt, ist es in Ordnung, mal nicht dort zu sein.

Da auch die weltbesten Spielerinnen dabei waren, sind wir eishockeytechnisch schon auf unsere Kosten gekommen. Zudem war unser Hotel etwa eineinhalb ÖV-Stunden von der Männer-Halle entfernt. Aber wir hatten die Luxussituation, zur Halle, wo die meisten Frauenspiele stattfanden, laufen zu können.

Hast du Olympia 2026 verfolgt?

Im Gegensatz zu anderen Olympischen Spielen waren wir nicht im selben Hotel wie die Männer-Schiedsrichter. Wir hatten so unsere eigene Insel.

Slapshot: Haben Sie einen Olympia-Groove gespürt?

Wiegand: Bei uns in der Nähe war die Speedskating-Halle, so erlebten wir das Olympia-Feeling einer anderen Sportart. Auch in der Stadt Mailand bekamen wir an unseren wenigen freien Tagen diese Stimmung mit. Aber es war anders als beispielsweise in Sotschi, wo alles in diesem kleinen Cluster am Meer stattfand.

Das spürten wir vor allem an der Eröffnungsfeier, als bei einigen Ländern ein Volunteer mit der Flagge einmarschierte, während die Athleten an anderen Orten waren. Das war schade.

Slapshot: Konnten Sie mit den Schweizerinnen mitfiebern?

Wiegand: Ich habe mich riesig mit ihnen gefreut, es ist toll, dass es mit der Medaille geklappt hat. Aber in meiner Funktion muss man natürlich neutral bleiben. Mir erging es nicht anders als meinen drei Coach-Kolleginnen, von denen zwei aus den USA und eine aus Kanada stammten.

Ich kann mir nur vorstellen, dass sie im Final innerlich auch zu kämpfen hatten. Beim Bronzespiel war ich als Coach im Einsatz, das war auch für neutrale Zuschauer ein spezieller Moment.

Slapshot: Sie waren 2014 und 2022 als Schiedsrichterin und nun erstmals als Coach an Olympia. Aber nicht zum letzten Mal?

Wiegand: Das kann ich nicht sagen und liegt ausserhalb meiner Zuständigkeit. Vielleicht testen sie für den nächsten olympischen Zyklus ein neues Quartett, vielleicht darf ich nochmals dabei sein. Ich würde mich sehr freuen, es hängt aber von der Leistung, Verfügbarkeit und weiteren Dingen ab.

Slapshot: War es ein Höhepunkt Ihrer Karriere?

Wiegand: Es war ein spezieller Moment, als ich vor etwa einem Jahr den Anruf bekam, dass sie mich gerne sehen würden. Ich hatte immer im Hinterkopf, dass es noch nicht lange her ist, dass ich selber Spiele leitete.

So fragte ich mich, ob ich die Coach-Erfahrung habe, die sie suchen. Im Endeffekt sahen sie meine Nähe zum Spiel und dass ich mit vielen Schiedsrichterinnen, die nun pfiffen, noch auf dem Eis gestanden bin, als Stärke.

Anna Wiegand
Die ehemalige Schiedsrichterin Anna Wiegand. - keystone

Es war ganz sicher ein Highlight. Ich durfte in unserem schönen Sport viel erleben, habe selber gespielt, war Coach von Junioren, bin nun Officiating Coach – jede Rolle hatte ihre Höhepunkte.

Slapshot: An Olympia 2026 war die Schweiz weder bei den Frauen noch bei den Männern mit einem Referee vertreten. Was ist der Grund?

Wiegand: Bei den Männern war es speziell, weil die NHL die Hälfte der Schiedsrichterplätze belegte. So wurden die Plätze für IIHF-lizenzierte Referees massiv reduziert, nachdem wir in Peking noch mit zwei Männern vertreten waren.

Bei diesen Nominationen spielen viele Dinge mit, die man als Eishockeyfan nicht einfach so verstehen kann. Qualitativ sind unsere Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter kein bisschen schlechter als andere, ich bin überzeugt, dass sie weltweit sehr gut mithalten können.

Bei den Frauen begann das Programm «Road to Milano» vor fast vier Jahren und damals hatten wir niemanden in der absoluten Top-Gruppe. Nun haben wir aber ein paar sehr gute Schiedsrichterinnen, die die Qualität für diese Spiele gehabt hätten.

Ich bin fast zu 100 Prozent sicher, dass an den Spielen 2030 bei den Frauen jemand dabei sein wird. Bei den Männern hängt dies auch von der NHL ab.

Slapshot: Beim Schweizer Verband SIHF sind Sie Officiating Development Manager Women & Prospects. Was heisst das?

Wiegand: Ich bin zuständig für das Frauenprogramm, von den Beginnern bis zu Schiedsrichterinnen im Leistungssport. Und bei den Männern bin ich vor allem in der MyHockey League und der 1. Liga unterwegs und versuche, Talente zu entdecken und mit ihnen zu arbeiten, dass dann der Schritt in den Leistungssport möglich ist.

Anna Wiegand
Anna Wiegand ist «zuständig für das Frauenprogramm, von den Beginnern bis zu Schiedsrichterinnen im Leistungssport». - keystone

Slapshot: Was reizt Sie an dieser Aufgabe?

Wiegand: Das Schiedsrichterwesen ist meine Passion, ich fühle mich irgendwie verantwortlich, etwas zurückzugeben, da ich im Eishockey so viele schöne Momente erleben durfte, vor allem auch als Schiedsrichterin.

Der Sport hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin, und ich möchte mithelfen dafür zu sorgen, dass auch andere Menschen solche Dinge erleben können.

Slapshot: Sie haben wohl einen ziemlich ausgeprägten Gerechtigkeitssinn …

Wiegand: … das ist so.

Slapshot: Und Ihr Mann als Schiedsrichter ebenfalls?

Wiegand: Wir sind beide Alphatiere und möchten immer Recht haben. So sind gewisse Diskussionen in unserem Haushalt ziemlich intensiv. (lacht) Es ist aber nicht so, dass Schiedsrichter Polizisten sein möchten. Wir haben Ecken und Kanten, sind nicht fehlerfrei und auch nur Menschen.

Schaust du Eishockey?

Schön ist aber, wie einen das Schiedsrichterwesen als Person weiterbringen kann. Ich habe keine grosse Mühe mehr, irgendwo hinzustehen und etwas zu präsentieren oder meine Meinung zu vertreten.

Slapshot: Sie würden also allen jungen Männern oder Frauen mit einem Flair für diese Aufgabe raten, als Referee zu beginnen?

Wiegand: Als Spielerin hätte ich nie gedacht, dass ich mal Schiedsrichterin werde. Aber heute kann ich, im Wissen, dass es nicht jedermanns Sache ist, sagen: Probiert es mal, join the club! Denn es ist eine gute Lebensschule.

Anna Wiegand
Anna Wiegand und ihr Mann Marc Wiegand, Profi-Schiedsrichter. - keystone

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