Dominik Altmann: Von der Leidenschaft getrieben

    Andy Maschek
    Andy Maschek

    Dominik Altmann ist seit zehn Jahren Linienrichter in der National League. Er erzählt, warum jeder Entscheid zur Herausforderung werden kann.

    Dominik Altmann
    Dominik Altmann ist seit zehn Jahren als Linienrichter in der National League tätig. - imago

    Der Berner Dominik Altmann ist seit zehn Jahren als Linienrichter in der National League tätig und investiert viel für diese Aufgabe. Für ihn ist dabei die grösste Faszination auch die grösste Herausforderung. Er sagt: «Man muss sich bewusst sein, dass jeder Entscheid einen Einfluss aufs Spiel hat.»

    SLAPSHOT: Wie gross ist die Vorfreude auf die neue Saison?

    Dominik Altmann: Sie steigt stetig. Es ist wie bei den Spielern. In den Vorbereitungsspielen geht es zuerst darum, die nicht mehr ans Eis gewohnten Gelenke zu ölen, um dann beim Saisonstart bereit zu sein. Die Season Opener-Spiele, die erste Runde – das macht immer wieder Spass.

    SLAPSHOT: Wie haben Sie den Sommer verbracht?

    Altmann: Nachdem ich den Playoff-Final pfeifen durfte, war die Sommerpause etwas kürzer. Aber das ist ja ein schöner Grund. Ich war drei Monate weg vom Hockey, drei Wochen in den Ferien und habe sonst gearbeitet. So ist die mentale Ablenkung automatisch gegeben. Die Kombination aus körperlicher Erholung und Gedankenwechsel tut gut.

    Verfolgst du Schweizer Eishockey regelmässig?

    SLAPSHOT: Was arbeiten Sie?

    Altmann: Ich bin bei der Schweizerischen Post als Produktmanager der Sendungsdaten angestellt. Jeder Barcode-Scan eines Pöstlers, eines Sortierzentrums oder einer Filiale enthält Informationen.

    Und ich arbeite im Team, das dafür verantwortlich ist, dass die Informationen richtig berechnet werden und allen nötigen Systemen zur Verfügung stehen. Es ist eine sehr kopflastige Arbeit.

    SLAPSHOT: Wie bringen Sie alles unter einen Hut?

    Altmann: Ich bin zu 100 Prozent angestellt und habe eine Jahresarbeitszeit. So habe ich im Winter die Möglichkeit, alles zu kombinieren. Es ist alles eine Sache der Organisation.

    SLAPSHOT: Und der Leidenschaft.

    Altmann: Das ist so. Wenn das Eishockey nicht so grossen Spass machen würde, hätte ich damit längst aufgehört.

    Dominik Altmann (Mitte).
    Dominik Altmann (Mitte). - imago

    SLAPSHOT: Sie haben den Playoff-Final angesprochen. War das ein Höhepunkt in Ihrer Karriere?

    Altmann: Es war eine super Serie, ein hochstehender Final – ein Teil davon sein zu dürfen, ist ein Highlight. Aber es war nicht mein erster Final, nachdem ich 2023 in der Serie zwischen Servette und Biel zum Einsatz gekommen bin.

    Jeder Final ist ein Höhepunkt – und zusammen mit dem Spengler Cup, für den ich schon dreimal nominiert war, etwas ganz Spezielles.

    SLAPSHOT: Ist auch eine WM-Teilnahme ein Ziel oder ein Traum?

    Altmann: Das ist definitiv ein Traum. In den letzten vier Jahren hatte ich die dafür nötige Lizenz, sodass ein Aufgebot theoretisch möglich gewesen wäre. An einer WM dabei zu sein, wäre eine riesige Sache.

    SLAPSHOT: Im Playoff-Final 2026 kam es einmal mehr zum Wiedersehen mit Brendan Lemieux, der Sie im Halbfinal 2025 zwischen den ZSC Lions und dem HCD mit einem Kinnhaken niedergestreckt hat. Sind das mit ihm immer noch spezielle Spiele?

    Altmann: Nein, das ist vorbei und gegessen. Ich denke nicht mehr daran. Das ist damals passiert und für mich und wohl auch für ihn abgehakt. Es ist eine Geschichte, die man gut fürs Entertainment brauchen konnte.

    Zudem wurde die Suppe heisser gekocht als gegessen. Die eine oder andere Schlagzeile habe ich aber schon mit einem Schmunzeln zur Kenntnis genommen.

    SLAPSHOT: Lemieux wurde für ein paar Spiele gesperrt, und Sie konnten den Vorfall also gut verarbeiten.

    Altmann: Ganz klar, zumal ich ihm überhaupt keine Absicht unterstelle. Zudem haben wir Schiedsrichter mit Sperren nichts zu tun, das macht die Liga-Justiz und erfolgt unabhängig. Und nach dem Spiel hat er sich auch in der Garderobe bei mir entschuldigt.

    Ich bekam damals vom Ärztestab eine super Betreuung. Sie haben mir geraten, in diesem Spiel aufzuhören, weil meine Augen etwas flimmerten. Es war zum Glück nicht schlimm, eine Woche später durfte ich bereits wieder aufs Eis.

    SLAPSHOT: Im Jahr zuvor wurden Sie vom Stock von Klotens David Reinbacher im Gesicht getroffen …

    Altmann: Solche Situationen sind für Linienrichter die grösste Gefahr. Bei Zweikämpfen sind Ausschwingbewegungen eines Stockes oder eines Armes schwierig zu lesen. Das passiert unglaublich schnell, und auch ein Spieler kann nichts dafür. Ich wurde vom Stock am Mund und an den Zähnen getroffen, hatte aber auch da Glück.

    Eishockey Symbol
    Eishockey (Symbolbild) - keystone

    SLAPSHOT: Das tönt nach Berufsrisiko.

    Altmann: Ein bisschen gehört es wohl dazu. Aber mit Erfahrung, dem Lesen des Spiels, der Fitness und einer guten Positionierung kann man viel Gegensteuer geben und das Risiko verkleinern.

    Manchmal kommt es aber dennoch anders als erwartet, sodass man mittendrin ist. Doch ich muss Holz anfassen – ich gehe in die 18. Saison und blieb vor schweren Verletzungen verschont.

    SLAPSHOT: Wann und wie sind Sie zum Schiedsrichterwesen gekommen?

    Altmann: Ich bin in Wichtrach aufgewachsen, habe dort das Schlittschuhlaufen gelernt und später bei Wiki-Münsingen und Dragon Thun gespielt. Ich war ein guter Durchschnittsspieler, aber zum Profi hätte es nie gereicht.

    Mit 16 Jahren hatte ich dennoch schon viel Eishockey-Erfahrung und besuchte einen Info-Abend, an dem der damalige, auch international aktive Linienrichter Roger Arm erzählte, was man als Schiedsrichter erreichen kann. Ich fand das cool und meldete mich für den Grundkurs an.

    SLAPSHOT: Und dann?

    Altmann: Im Jahr darauf habe ich die ersten Matches gepfiffen und gemerkt, dass es mir liegt und Spass bereitet. Eine Saison lang habe ich dann beides gemacht und mich danach fürs Schiedsrichterwesen entschieden.

    Ich hatte das Glück, dass ich gefördert wurde, gleichzeitig habe ich viel Zeit in die Lektüre der Regeln investiert und versucht, deren Interpretationen zu verstehen. Ich kam Liga um Liga höher und war in der 1. Liga wohl schon weiter, als ich als Spieler je gekommen wäre.

    SLAPSHOT: Wann sind Sie in die National League gekommen?

    Altmann: Ich gab mein Debüt am 21. Oktober 2016, also vor fast zehn Jahren. Das war in derdamaligen NLA.

    SLAPSHOT: Sie bereuen es nicht?

    Altmann: Absolut nicht, es macht immer noch genauso viel Spass wie am Anfang. Die Leidenschaft ist einfach vorhanden, sonst würde ich nicht so viel dem Eishockey unterordnen. In diesen zehn Jahren sind rund 700 Spiele zusammengekommen.

    Es sind 700 Abende – neben dem Job und allem anderen. Das ist definitiv von der Leidenschaft getrieben. Aber klar, ohne meine verständnisvolle Freundin oder mittlerweile Verlobte wäre das nicht so einfach möglich, wie es jetzt zum Glück ist.

    SLAPSHOT: Was fasziniert Sie am meisten an dieser Aufgabe?

    Altmann: Einem Spiel zu dienen und die Herausforderung zu haben, dass jeder noch so kleine Entscheid, den man notabene in Echtzeit treffen muss, Einfluss aufs Spiel hat. Entsprechend gibt es keine ruhigen oder einfachen Spiele. Wenn es aber so wirkt, haben wir sehr viel richtig gemacht. Und das ist bei jedem Match eine Challenge.

    Findest du die Arbeit der Linienrichter ausreichend gewürdigt?

    SLAPSHOT: Ist die grosse Faszination also gleichzeitig die grösste Herausforderung?

    Altmann: Absolut. Wenn man in einem Playoff-Final auf dem Eis steht, prasseln enorm viele verschiedene Drucksituationen auf einen ein. Diese zu handeln, ist die Herausforderung, die Spass macht. Die Minuten auf dem Eis, nur schon das Einlaufen in ein volles Stadion, geben alles für den betriebenen Aufwand zurück.

    Zudem ist es eine Lebensschule und dient der Persönlichkeitsentwicklung. Wenn man in einem ausverkauften Stadion ruhig bleiben kann, hilft die Erfahrung auch, wenn man bei der Arbeit mal das Gefühl hat, dass das Büro brenne.

    SLAPSHOT: Ist es Ihr Ziel, irgendwann Head oder Profi zu werden?

    Altmann: Die Frage habe ich mir vor drei, vier Jahren gestellt, und Stand heute lautet die Antwort Nein. Als Head müsste ich irgendwo in der 1. Liga oder U21-Elit beginnen, gleichzeitig ist es nicht sicher, dass ich es als Head wieder in die National League schaffen würde.

    Zudem habe ich mit meiner Erfahrung und meinem Leistungsausweis die Chance auf Playoffs und den Spengler Cup. Bei einem Wechsel zum Head würde mein Name auf dieser Kandidatenliste fehlen. Und ich bin im Job stark engagiert und möchte dieses Standbein nicht aufgeben.

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