Gottéron und das Jahrhundertfest

Fribourg-Gottéron ist Schweizer Meister, von Klub und Kanton fällt eine zentnerschwere Jahrhundertlast ab. Was bleibt von dieser Saison für die Ewigkeit?

Ein ums andere Mal erklang vertrautes Gejohle aus Tausenden Kehlen: «Lioba! Lio-o-ba!», der Extrakt aus dem traditionellen Hirtenlied «Ranz des Vaches», der dann gesungen wird, wenn Gottéron gewinnt – eine Art Fribourger Antwort auf die Montanara, die unwiderruflich zum Kulturgut des HC Ambrì-Piotta gehört.
Gottéron hat oft gewonnen in der Saison 2025/26: 37 Partien in der Qualifikation und weitere zwölf in den Playoffs. Der letzte Sieg wurde am 30. April bewerkstelligt: 3:2 in der Belle in Davos, dank eines Treffers in der Verlängerung durch Lucas Wallmark.
Es ist bemerkenswert, was ein platzierter Schuss auslösen kann, welche Wellenbewegung. Weniger als 48 Stunden später jubelten dem Team in der Fribourger Innenstadt mehr als 80'000 Menschen zu. Es war eine Meisterfeier, wie die Schweiz sie noch nie gesehen hat.
Ultimativ zeigte sich, welch verbindende Kraft im Konstrukt Gottéron steckt. Der Präsident Hubert Waeber sagt: «Deutsch, Französisch, katholisch, reformiert, jung, alt, Arbeiter und Patrons, ganz egal, alle haben mitgefiebert und allen gehört dieser Titel.»

89 Jahre hatte sich Gottéron gedulden müssen. Der Klub hatte so viele Nackenschläge und Enttäuschungen wegstecken müssen, dass der Verein irgendwann als Synonym für den Begriff «sympathischer Verlierer» galt. «Ihr werdet nie Schweizer Meister», pflegte der gegnerische Anhang vielerorts höhnisch zu skandieren.
Gottéron steckte alle Rückschläge weg
Damit ist es nun vorbei, nach einem sehr erstaunlichen Frühjahr, welches nicht viele Exponenten kommen sahen. Eine Ausnahme war der Trainer Roger Rönnberg, der seine Stelle im Sommer antrat. Und von dessen fast überbordenden Selbstvertrauen sich in und um den Klub zwar nicht alle anstecken liessen, aber doch viele.
Rönnberg hatte schon vor dem Stellenantritt grossspurig verkündet, dass er auf Google Maps einen Platz für die Meisterfeier herausgesucht habe. Er wurde belächelt und teilweise kritisiert, weil solche Aussagen das Gegenteil davon sind, was in den PR-Handbüchern steht.
Aber er behielt recht – und vielleicht war es genau diese Unerschrockenheit, die Gottéron in den entscheidenden Momenten die Selbstsicherheit schenkte. Dabei standen die Sterne lange schlecht: Im Viertelfinal gegen Rapperswil mühte sich Gottéron über sieben Spiele ab – und stand in der Belle kurz vor dem Aus:
Sechseinhalb Minuten vor Schluss lag das Team noch in Rückstand. Mit Sandro Schmid fehlte der wichtigste Schweizer Stürmer verletzt, mit Andrea Glauser der beste Verteidiger. Dazu war der Topskorer Marcus Sörensen angeschlagen. Es sind Umstände, die nicht viele Teams verkraftet hätten.
Doch Gottéron spielte sich in eine Art Rausch. Und zog Kraft daraus, dass ein ganzes Kader es sich in den Kopf setzte, Reto Berra und Julien Sprunger den perfekten Abschied zu schenken. Berra, 39, wechselt nach Kloten.
Und Sprunger, 40, der drittälteste Spieler in der National League in dieser Saison, beendet die Karriere. Die Schicksale der beiden waren medial und intern ein Dauerthema. Das Duo überzeugte als Leistungsträger und Führungsfiguren: Sprunger, der die Zeit zurückdrehte.
Und Berra, der mit überragenden Leistungen zur Symbolfigur aufstieg. Die beiden mussten sich immer wieder eine Rapperkette mit dem Aufdruck «MVP» und einen alten Jofa-Helm aus der Gretzky-Ära überstreifen: Mit den Utensilien wurde teamintern der wertvollste Spieler der Partie geehrt.
Sprunger wartete 24 Jahre lang auf diesen Titel, und Berra auch immerhin deren acht. In seinem Fall wurde eine alte Prophezeiung des Präsidenten Waeber wahr.

«Als ich mit Berra verhandelte, sagte ich ihm, dass er selbstverständlich auch nach Zürich wechseln könne. Aber dort werde er einer von vielen Meistergoalies sein. Da solle er doch lieber nach Fribourg kommen. Denn wenn er hier Meister wird, macht er sich unsterblich. Und so ist es gekommen», sagt Waeber.
Zenhäuserns Sieg auf der ganzen Linie
Auch der Präsident tritt ab, bei der ordentlichen Generalversammlung wird er sich nicht mehr zur Wiederwahl stellen. Waeber, ein hemdsärmliger Autohändler aus dem Sensebezirk, hat dem Klub in acht Amtsjahren Konturen gegeben, eine Linie auch.
Unter seiner Führung hat sich der Umsatz in der umgebauten FKB-Arena von 17 auf 34 Millionen Franken verdoppelt. Es ist das Giletmünz, welches Gottérons Aufstieg in die Elite ermöglicht hat. Der Verein gibt weniger Geld als Lausanne oder Zürich aus.
Aber er bewegt sich inzwischen auf Schlagdistanz und kann sich teure Spieler leisten. «Gottéron ist eine Adresse geworden. Das war nicht immer so», sagt auch Berra.
Insgesamt aber war das ein Triumph des Kollektivs, der Zusammenhalt hatte etwas Einzigartiges, fast wie einst bei den Copains, die 1980 in der legendären Patinoire des Augustins den Aufstieg in die Nationalliga A bewerkstelligt hatten.
Der Sportchef Gerd Zenhäusern, der 2024 gegen grosse Widerstände die überfällige Entlassung von Christian Dubé durchdrückte, darf für sich beanspruchen, fast alles richtig gemacht zu haben – die Charaktere in diesem Kollektiv passen perfekt zusammen.

Der Trainer Rönnberg sagt, die Copains hätten ihn inspiriert. Und der Zauber rund um den Klub – die mehr als 100 ausverkauften Heimspiele in Serie, die campenden Menschen vor den Ticketschaltern, die fast grenzenlose Euphorie mit einer Warteliste sogar für Sponsoren – tat das übrige.
Es war fast unmöglich, sich diesem Elan zu entziehen. Selbst für die Protagonisten in der Herzkammer des Vereins. An Rönnberg schienen sich lange die Geister zu scheiden. Immer wieder gab es Gerüchte darüber, dass seine Art, seine Ideen, seine Vision nicht bei allen verfängt.
Wallmark ist das beste Beispiel dafür: Er verabschiedet sich ein Jahr vor Vertragsende zurück nach Schweden, weil er mit der Methodik Rönnbergs wenig anfangen konnte. Doch er riss sich am Riemen. Und am Ende katapultierte sich die Zweckgemeinschaft in den siebenten Hockeyhimmel.
Rönnberg sagte am Tag nach dem Titelgewinn, er sei nicht zu Gottéron gestossen, um Freunde zu finden. Sein Auftrag laute, ein guter Trainer zu sein. Womöglich hat es diese Schärfe gebraucht.
Bald kommt das Gottéron-Museum
Der schwedische Cheftrainer profitierte in der täglichen Arbeit auch davon, dass Gottéron über den vermutlich fähigsten (und teuersten …) Trainerstaff der Liga verfügte.
Der für die Abwehr verantwortliche (und nun als eine Art verspäteter Ersatz für Tommy Albelin zu Swiss Ice Hockey wechselnde) Schwede Rikard Franzén verfügt ebenso über Erfahrung als Cheftrainer wie Lars Leuenberger, der mit dem SCB bekanntlich 2016 Meister wurde.
Leuenberger, 51, schwang das taktische Zepter, es ist zu grossen Teilen auch sein Verdienst, dass die Davoser Stars um Matej Stransky im Final kaum zur Geltung fanden.
Komplettiert wird der Staff durch David Aebischer, die Torhüterlegende legende, welcher im ersten Finalspiel der Helm und die Kette überreicht wurden, nachdem dieser von der Tribüne aus eine erfolgreiche Coach’s Challenge initiiert hatte.
Gottéron wird 2026/27 anders aussehen. Berra wird durch Ludovic Waeber ersetzt, Wallmark durch den Kanadier Anthony Richard. Sprunger wird dem Verein in einer neuen, noch zu definierenden Rolle erhalten bleiben.
Der Präsident Waeber hat in seiner Amtszeit schon früh davor gewarnt, dass das Jahr nach dem Titel «sehr schwierig» werde. Und sagte aber auch, dass er hoffe, dass die Erfolgsgeschichte Gottéron gerade erst beginne. Dass es jetzt darum gehe, den zweiten, dritten, vierten Titel anzuvisieren.

Kurz: Das «Lioba» soll nicht zum letzten Mal in einem Entscheidungsspiel einer Playoff-Finalserie inthronisiert worden sein. «Wir dürfen nicht überheblich werden, wir müssen weiter ‹chrampfe›. Aber mit Rönnberg habe ich eigentlich nicht so grosse Angst, dass sich Genügsamkeit einstellen könnte», sagt Waeber.
Er übernimmt das Präsidium der «Fondation Gottéron», die sich der Nachwuchsförderung verschrieben hat. Und daneben zwei neue Projekte anschieben wird: die Gründung eines Klubarchivs und bis in knapp drei Jahren auch die Eröffnung eines Museums in der FKB-Arena.
Genug zu erzählen gibt es über Gottéron ja längst. Und nun endlich auch Objekte für die so lange verwaiste Trophäenvitrine.





