HC Thurgau: Anders Olsson – «Anders ist anders»

Der Trainer Anders Olsson vollbringt im HC Thurgau Erstaunliches. Hinter dem Erfolg stehen unkonventionelle Ideen und Herangehensweisen.

2003 wird Anders Olsson Trainer im Nachwuchs der Adler Mannheim. Als er sich vorstellt, sagt er: «Hallo, ich bin Anders. Und wenn ihr mich nicht versteht, habe ich hier ein …» Taschenbuch, will Olsson eigentlich sagen.
Aber «Pocket» heisst auf Schwedisch «Ficka» und so sagt Olsson: «Ein Fickabuch». Das Gelächter ist gross, Olsson sagt, es sei einer der peinlichsten Momente seines Lebens gewesen. Wenn er heute nach Mannheim zurückkehrt, erinnern ihn alle daran, auch mehr als 20 Jahre später noch.
In diesen Wochen und Monaten sind auch die Spieler des HC Thurgau angehalten, Malheure ihres Lebens zum Besten zu geben: Jeder Spieler muss sich in einer knapp 15-minütigen Präsentation dem Rest des Teams vorstellen, zu den Vorgaben gehört es, eine unvorteilhafte Anekdote einzubauen. Im Vorjahr mussten die Akteure Podcasts zusammenfassen.
Das Ziel ist klar: Es soll Ängste abbauen, Dinge vor der gesamten Mannschaft anzusprechen. Olsson, 50, ist kein 08/15-Coach. In Weinfelden hat er ein Bücherregal in die Garderobe gestellt. Wer ihn besucht, ist angehalten, etwas Lesenswertes mitzubringen und sich gleichzeitig zu bedienen. Auch die Spieler werden ermuntert, zuzugreifen.
«Die Kabine ist mein zweites Zuhause, da will ich mich wohlfühlen», sagt Olsson.
Ein Autounfall stand am Anfang seiner Trainerkarriere
Seine Trainerkarriere begann einst eher zufällig. Olsson war Tischler, er hatte seine eigene Firma. Doch nachdem er von einem Taxi angefahren und schwer verletzt wurde, musste er umsatteln. «Das war eine dunkle Zeit in meinem Leben. Zum Glück habe ich das Eishockey für mich entdeckt», sagt er.

Mit 25 wird er Cheftrainer bei Bäcken in der dritthöchsten Liga. Wie schaffte er das? Als Greenhorn ohne Namen? «Niemand sonst wollte den Job machen. Es gab kein Geld und wenig Perspektiven. Die Spieler sind mehr oder weniger mit Verpflegung entschädigt worden.» Sensationell gelingt dem Team der Aufstieg.
Olsson zieht weiter: Erst holt ihn Hans Zach nach Mannheim, später Arno Del Curto als Coach der Elite-Junioren nach Davos. 2015 war das. Inzwischen bestreitet Olsson seine neunte Saison im Schweizer Eishockey. Wie kommt das? Zumal nun schon seit drei Jahren in der Swiss League, deren Ruf stark angeschlagen ist?
Olsson sagt: «Viele sehen in dieser Liga nur die Probleme. Aber ich sehe auch enormes Potenzial. Ich mag es, hier zu arbeiten.»
Thurgaus beste Saison seit zwei Jahrzehnten
Die Saison 2024/25 schloss Thurgau unter Olsson auf Rang 3 ab, es war die beste Klassierung seit 21 Jahren. Es war der Lohn dafür, dass der Klub und der Trainer den Mut haben und hatten, Dinge … anders zu machen. Wer die Möglichkeit hat, in die National League zu wechseln, kann sich unkompliziert verändern – egal, ob Bürokraft oder Spieler.
Thurgau gibt seine Akteure auch dann mit einer B-Lizenz frei, wenn in der Swiss League ein eigener Spieltag ansteht. Das ist unkonventionell, aber nur konsequent – eigentlich sollte die Swiss League ja eine Ausbildungsliga sein. Aus Olssons Mannschaften in Martigny und Thurgau haben in den letzten Jahren auffallend viele Spieler bald darauf den Durchbruch in der NL, darunter Gaël Christe, Kevin Pasche, Kevin Nicolet oder Kevin Etter, geschafft.
Die nächsten Beispiele dürften bald folgen, sie könnten Fabio Murer oder Christof von Burg heissen. Letzterer steht beim SC Bern unter Vertrag, wird dort aber hartnäckig übergangen, obwohl er in Thurgau Eishockey von einem anderen Stern spielt. Ende Januar lag seine Fangquote nach 15 Spielen bei aberwitzigen 95,7 Prozent.
«Er ist heute schon weit genug, um bei einem National League-Klub die Nummer 1 zu sein. Aber man muss ihm halt die Chance geben», sagt Olsson. Alle drei regelmässig eingesetzten Torhüter – neben Von Burg auch Mathieu Croce und Ewan Huet – halten hervorragend. Es ist entsprechend kein Wunder, kassiert Thurgau mit Abstand am wenigsten Gegentore.
Bei den Ausländern lobbyierte Olsson dafür, zwei Center zu engagieren. Diese dirigieren logischerweise zwei verschiedene Linien, was die Mannschaft unberechenbarer macht. Und insgesamt vier jungen Spielern die Chance bietet, sich an der Seite starker Führungsspieler zu entwickeln.
Über Jahre war es in der SL Usus, dass die zwei Ausländer Seite an Seite spielten, was legendäre Duos wie Campbell/Kelly, Cormier/Jinman oder Hazen/Devos zu Tage förderte. Aber eben auch nur einen Platz für Schweizer offen liess, die von der Brillanz dieser Individualisten profitieren konnten.
In der Güttingersreuti drängen sich die NHL-Scouts
Inzwischen eilt Olsson der Ruf voraus, einer der besten Ausbildner im Land zu sein – manche NL-Organisationen fragen nun aktiv an, ob sie ihre Spieler platzieren können. Bei Simas Ignatavicius war das nun so, dem litauischen Servette-Stürmer, der im Sommer gedraftet werden wird. Das 19-jährige Talent war der Grund dafür, dass sich im Januar eine Rekordanzahl an NHL-Scouts in der Güttingersreuti drängten – es waren mehr als zehn.
Der Kniff mit den B-Lizenzen ist auch einer finanziellen Not geschuldet. Thurgau kann sich so Spieler leisten, die sonst unerschwinglich wären. Die Leihgaben aus Kloten beispielsweise kosten fast nichts. Es ist selten, dass die SL-Klubs schon nur 15 Prozent des Salärs eines gestandenen NL-Profis übernehmen.
Die Kehrseite der Medaille ist die enorme Fluktuation im Kader: Bis Ende Januar kamen in der Meisterschaft und im Cup mehr als 40 Akteure zum Einsatz. Apropos Cup: Auch in der vorerst finalen Austragung dieses Wettbewerbs wich Olsson von der Norm ab. Seinem Assistenten Mauro Lorenz beschied er, für diese Spiele ins zweite Glied zu rücken: Lorenz, einst bei den HCD-Elitejunioren Olssons Captain, übernahm als Cheftrainer.
Anders Olsson
Nationalität: SWE
Geboren: 16. Mai 1975
Bei HC Thurgau seit: 2024
Bisherige Klubs: EHC Biel-Bienne (NL), HCV Martigny (SL), HC Vita Hästen (Hockey Allsvenskan), Stjernen Hockey (Norway), HC Davos (Elite Jr. A)
«Wir müssen auch Trainer entwickeln», sagt Olsson. Thurgau schaffte es immerhin in den Halbfinal. Die vielen Wechsel machen es umso wichtiger, dass die Kultur im Klub stimmt. Thurgau investiert einiges dafür. Die Spieler und Angestellten in der Administration üben regelmässig gemeinsame Aktivitäten aus, etwa Yoga oder das Backen von Torten.
«Der Zusammenhalt ist wichtig», sagt Olsson. Im Herbst hat er seinen Vertrag bis 2027 verlängert. Man denkt sich, dass er eigentlich eine Chance in der NL erhalten müsste, sowieso viele seiner Schützlinge. Im Januar gab es Interesse aus Biel, der Sportchef Martin Steinegger stellte Olsson schon zwei Mal als Assistenztrainer ein.
Doch Olsson schliesst kategorisch aus, mitten in der Saison den Klub zu wechseln – bei aller Offenheit für abwegige Ideen, hat der Coach klare Prinzipien: «Es entspricht nicht meiner Vorstellung einer Führungsperson, wenn man einfach davonläuft», sagt er.
Im Sommer sähe es anders aus. Auf dem Trainerkarussell bewegen sich durchaus langweiligere Optionen. Und mittelfristig wird ihn womöglich noch einmal der Ruf der Ferne locken, er coachte auch schon in Norwegen: Neben Lesen sind Reisen sein wichtigstes Hobby. Wenn in Thurgau ein paar freie Tage anstehen, setzt er sich ins Auto und erkundet das Land.
In Europa, sagt er, fehlen ihm nur noch drei Länder, alle anderen hat er bereist. «Das Reisen erweitert den Horizont», sagt Olsson. Er ist der lebende Beweis dafür.





