Soll das Märchen weitergehen, muss Schweizer Hockey aufwachen

Die WM hat der Schweiz trotz dem schmerzhaften Ende wohlige Gefühle beschert. Nicola Berger sagt: Soll das auch künftig der Fall sein, braucht es ein Umdenken.

Das Wichtigste in Kürze
- Hockey-Experte Nicola Berger fordert in seiner Kolumne «Overtime» ein Umdenken.
- Das Eishockey-Land brauche neue Helden – und der Sport Reformen.
Ungefähr 2036 wird wieder eine Eishockey-WM in der Schweiz stattfinden. Genau lässt sich der Turnus noch nicht bestimmen – es ist ja möglich, dass der nächste IIHF-Präsident irgendwann wieder ein Turnier in Nordamerika austragen lässt. Seit 2008 in Québec war das nie mehr der Fall.

Zehn Jahre: Das ist ein weiter Horizont, gerade im Sport, wo fast alles auf das Hier und Jetzt ausgelegt ist. Wer weiss, wie die Welt dann aussehen wird. Und was im Schweizer Eishockey bis dann geschehen ist.
Spielt Sierre in der National League? Findet der SC Bern wieder in die Spur? Wird in Bern und Genf endlich in neuen Stadien gespielt?
«Das Land braucht neue Helden»
Wir wissen es nicht. Sicher ist aber: Heute müssen die Weichen für morgen gestellt werden. Die goldene Generation um Roman Josi, Leonardo Genoni und Nino Niederreiter reitet langsam in Richtung Sonnenuntergang.

Das Land wird neue Helden brauchen, für die sich die breite Masse begeistern kann. Viele der Silbermedaillengewinner von 2026 waren bei der letzten Heim-WM von 2009 als Knirpse oder Teenager im Stadion.
Die Hoffnung muss sein, dass dieses Turnier den gleichen Effekt hat: Dass die Stars von morgen 2036 dem letzten Journalisten und einer Armada an KI-Bots erzählen, wie sehr Josi und Co. sie 2026 inspiriert haben.

Damit neue Karrieren gedeihen können, braucht es die richtigen Rahmenbedingungen. Und da liegt derzeit einiges an Potenzial brach.
«Der Sport braucht Reformen – vor allem im Nachwuchsbereich»
Der Rücktritt des von Intrigen zermürbten Verbandspräsidenten Urs Kessler vom Montag war nur die Spitze des Eisbergs: Hinter den Kulissen gleicht das Schweizer Eishockey derzeit einem Intrigantenstadl, einem Jahrmarkt der Eitelkeiten.

Das universelle Problem: Jeder ist nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Der Blick fürs grosse Ganze ist fast der ganzen Branche abhandengekommen. Das muss sich schleunigst ändern, sonst droht ein böses Erwachen. Das ist mindestens gleich wichtig wie Hatz nach Gold.
Der Sport braucht Reformen, vor allem im Nachwuchsbereich. Es ist kein Zufall, dass die Schweiz mit dem Verteidiger Lian Bichsel (22, Dallas Stars) in den letzten acht Jahren nur noch einen NHL-Erstrundendraft produziert hat.

Auch 2026 wird keiner hinzukommen: Der Bündner Stürmer Lars Steiner (18, Rouyn-Noranda/QMJHL) gilt für den Draft von Ende Juni in Buffalo immerhin als potenzielle Zweitrundenselektion.
Es droht ein Statusverlust
Was den hiesigen Junioren auch nicht hilft, ist ein Umstand, der an der WM im allgemeinen Trubel unterging: Wegen der Wiedereingliederung von Belarus ab 2027 muss die U18-Nationalmannschaft trotz sportlich bewerkstelligtem Aufstieg in der B-Gruppe verharren. Und sich mit Slowenien und der Ukraine messen.

In einem Jahr droht das gleiche Schicksal aufs Neue, sollte der Weltverband IIHF auch Russland begnadigen.
Umso wichtiger wäre es, dass der Nachwuchs in den Klubs und Ligen besser gefördert wird. Die Funktionäre stehen in der Pflicht. Sonst droht ein Statusverlust, der zur Konsequenz hätte, dass der Nationalmannschaft die Qualität fehlen wird, um das Zugpferd dieser Sportart zu sein.
Zum Autor
Nicola Berger berichtet seit über einem Jahrzehnt über das Geschehen rund um das Eishockey. Seit dieser Saison schreibt er im Format «Overtime» über die National League und die Hockey-Nati.





