Lüthi: «Ein kleiner Skandal pro Saison gehörte zum Leitbild»

Nicola Berger
Nicola Berger

Nach 28 Jahren hat sich Marc Lüthi beim SC Bern definitiv verabschiedet. Hier blickt der Baumeister des modernen SCB zurück auf seine bewegte Ära.

Marc Lüthi
Marc Lüthi beim SC Bern verabschiedet. - keystone

In diesem Interview geht es nicht um Swiss Ice Hockey – es war explizit die Bedingung für dieses Gespräch, dass der von der National League als Präsident nominierte Marc Lüthi derzeit nichts zu seiner designierten neuen Funktion sagt.

Es geht um Lüthis 28 Jahre beim SC Bern. Eine lange Zeit, die weiss Gott genug Unterhaltung geliefert hat.

SLAPSHOT: Sie haben den SC Bern fast drei Jahrzehnte lang geprägt und dabei bei den sechs Meistertiteln und all den Erfolgen auch viel Kritik einstecken müssen. Sie haben das nie persönlich genommen. Wie schafft man das?

Marc Lüthi: Der Profisport ist eine Unterhaltungsbranche, das darf man nicht vergessen. Brot und Spiele. Ich hatte beim SCB immer die Maxime: «Alles Schlechte bin ich.» Man muss hinstehen, wenn es schifft.

Und es schifft im Sport ab und zu mal. Ich kann damit umgehen, wenn auf mich eingeprügelt wird. Es interessiert mich wirklich nicht, ich habe eine Teflon-Haut. Und es gibt nichts Älteres als die Zeitung von gestern. Aber das sehen nicht alle so.

Darum war es mir lieber, wenn ich den Blitzableiter spielen konnte. Dazu kommt: Die Medien sehen selten ganz tief rein. Da gilt es, etwas Nachsicht zu haben.

Die Hauptsache war, dass über uns geschrieben wird. Der alte Spruch des Zirkusdirektors PT Barnum, dass es keine schlechte Publicity gebe, stimmt nach wie vor.

Marc Lüthi.
Marc Lüthi. - keystone

SLAPSHOT: War es nicht auch so, dass Sie die Aufmerksamkeit selbst genossen haben?

Lüthi: Ich habe wahrscheinlich schon eine etwas exhibitionistische Ader. So what.

SLAPSHOT: Sie inszenierten den SCB als SC Hollywood. In Erinnerung bleibt unter anderem das medienwirksame Straftraining in der Lockout-Saison 2012/13 als sie Roman Josi, Mark Streit und John Tavares nach einer 0:3-Niederlage in Rapperswil um Mitternacht in der Trainingshalle übers Eis scheuchten.

Lüthi: Es ist doch sehr einfach: Als SCB-Spieler hat man eine Verantwortung gegenüber den Sponsoren und den Zuschauern. Wenn also jemand sich die Mühe macht und Geld und Zeit dafür opfert, das Team in Rapperswil zu unterstützen, dann ist es «gopf für Damewäut» die Pflicht jedes Spielers, sich anzustrengen.

Man kann nicht jedes Spiel gewinnen. Aber Mühe geben kann man sich schon. Es macht mich rasend, wenn das nicht der Fall ist. Also gab es damals dieses Straftraining.

SLAPSHOT: Wie lief das ab?

Lüthi: Drei Runden laufen, dann ein Vortrag darüber, was ein Team ausmacht. Wieder drei Runden laufen, wieder Vortrag. Nach der zweiten Runde waren alle Spieler da, die traditionell viel langsameren Goalies aber nicht.

Das war für mich typisch für den fehlenden Teamgeist. Eine weitere Runde, wieder waren die Torhüter weit abgeschlagen. Irgendwann haben sie die Goalies dann mitgenommen. Da habe ich gesagt: «Offensichtlich habt ihr nun verstanden, was ein Team ausmacht.»

John Tavares machte grosse Augen, der hatte das in der NHL noch nie erlebt. Aber es hat funktioniert. Wir gewannen danach die nächsten sechs Spiele.

Sie sagten einmal, dass es mindestens einen kleinen Skandal pro Saison brauche. Ja, das gehörte zum Leitbild. So bleibt man im Gespräch. In diversen Jahren gab es sogar mehr, aber zum Glück ist nicht alles an die Öffentlichkeit gelangt.

SLAPSHOT: Was denn so?

Lüthi: Wir hatten einmal eine Weihnachtsfeier im Hotel Bern, bei der 15 000 Franken Sachschaden angerichtet wurden. Ein Spieler hatte am Tisch hinter dem Rücken des Präsidenten Sex.

Das war glücklicherweise vor der Smartphone-Zeit. Und den Namen des Spielers habe ich gleich wieder vergessen, Sie brauchen gar nicht erst zu fragen.

SLAPSHOT: Und sonst?

Lüthi: Ach, ich habe so viele launige Erinnerungen. 2004 hat uns Marc Weber in Lugano in der Verlängerung zum Titel geschossen. Die ganze Serie war wahnsinnig nervenaufreibend, ich war emotional ein Wrack. Nach dem Sieg habe ich mir draussen eine Zigarette gegönnt.

Da klopft mir einer auf die Schulter und fragt: «Kann ich auch eine haben?» Es war André Rötheli, damals einer unserer wichtigsten Spieler.

SLAPSHOT: Weniger amüsant war der «Danke Leibacher»-Skandal von Zug als sich der harte Kern der SCB-Fans mit einem Transparent beim Amokläufer «bedankte», der 2001 15 Menschen ermordete.

SCB Fans
Die Fans des SCB zeigen vor jedem Spiel eine riesige Fahne. (Archivbild) - keystone

Lüthi: Das war der schlimmste Moment in all meinen SCB-Jahren. Ich hatte immer ein sehr gutes Verhältnis zu den Hardcore-Fans.

Damals setzte ich ein Ultimatum, dass sich der Verantwortliche innert drei Stunden stellen muss. Was dann auch geschah. Ich fand erst viel später heraus, dass er nicht alleine gehandelt hatte.

SLAPSHOT: Wurden Ihnen gegenüber nie Grenzen überschritten?

Lüthi: Zum Glück nicht, nein. Die Kritik strahlte nie auf meine Familie aus. Darum: Alles okay. In der Schweiz geht es ja eigentlich ohnehin recht gesittet zu. Ich bin meistens in Ruhe gelassen worden.

Eigentlich werde ich erst seit jenem Zeitpunkt regelmässig angesprochen, an dem ich meinen Rückzug verkündete. Da kommen plötzlich wildfremde Leute auf der Strasse zu mir und bedanken sich. Das freut mich sehr.

SLAPSHOT: Haben Sie in über all die Jahre Freunde im Eishockey gefunden?

Lüthi: Ein paar. Und viele Leute, die ich sehr schätze. Ich glaube, es ist wie sonst im Leben: Ein Drittel mag dich, ein Drittel hasst dich und einem Drittel bist du egal. Das ist ungefähr die Quote.

SLAPSHOT: Sie und der SCB waren lange erfolgsverwöhnt, aber nach dem letzten Meistertitel von 2019 hat nicht mehr viel zusammengepasst, das Team hat keine einzige Playoff-Serie mehr gewonnen.

Lüthi: Das ist ungenügend, daran gibt es nichts zu beschönigen. Und ich übernehme die Verantwortung dafür. Ich habe einige Fehler gemacht. Aber es gilt auch zu berücksichtigen, wie sehr die Pandemie uns geschadet hat.

Der Umsatz brach über Nacht von 65 auf 27 Millionen Franken ein. Wir hatten keinen Rappen mehr, um in den Sport zu investieren. Es ging nur noch ums Überleben. Unser Geschäftsmodell ist stark auf die Gastronomie ausgerichtet.

Und dort sind die Einbussen bis heute spürbar. Ich habe keinen Weg gefunden, das zu korrigieren. Auch darum ist es gut, dass jetzt neue Leute das Steuer übernehmen.

SLAPSHOT: Die Zuschauerzahlen waren zuletzt beständig rückläufig, nachdem der Stadionsprecher sich zuvor jahrelang gar nicht mehr die Mühe hätte machen müssen, auf ein ausverkauftes Haus hinzuweisen. So selbstverständlich war das.

Marc Lüthi
1998 hat Marc Lüthi den SCB übernommen. - keystone

Lüthi: Auch da: Die Pandemie hat vieles verändert. Beim Publikum hat ein Generationenwechsel eingesetzt. Es gibt viele ältere Leute, die seit Corona nie mehr im Stadion waren. Also müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie man die Jungen für den SCB und das Eishockey begeistern kann.

Wir installierten einen Fotoautomaten, weil heute ja dauernd alle Selfies machen müssen. Und ich habe immer ein paar Tickets an ein paar Influencer verschenkt und ihnen gesagt, sie sollen ihre Freunde mitnehmen. Aber es ist nicht so einfach.

Dieses Thema beschäftigt nicht nur den SCB. Dazu kommt, dass nach erfolgreichen Jahren eine gewisse Sättigung da ist. Als wir 2019 Meister wurden, waren im Halbfinal nicht mehr alle Heimspiele ausverkauft. Das hätte es früher nie gegeben. Aber heute ist es ein normaler Zyklus.

SLAPSHOT: Sie verabschiedeten sich 2022 schon einmal aus dem operativen Geschäft und installierten Raeto Raffainer als CEO. Nach der Saison wurde er eilig entlassen und Sie kehrten zurück. Es gab in den letzten Jahren einige solcher Kurzschlussreaktionen.

Lüthi: Wie gesagt: Ich habe Fehler gemacht. Die Trennung von Raffainer war ein VR-Entscheid, ich glaube, er wollte zu schnell zu viel an der SCB-DNA verändern. Aber vielleicht hätten wir mehr Geduld haben müssen. Jedenfalls war es nicht klug von mir, zurückzukehren. Nicht für den SCB, nicht für mich.

SLAPSHOT: Ihrem ersten Rücktritt waren gesundheitliche Probleme mit einer Hirnblutung und einer Herzoperation vorausgegangen. Wie geht es Ihnen heute?

Lüthi: Wunderbar, ich habe keine Beschwerden. Aber ich musste schon lernen, dass man zu sich schauen muss. Als wir den SCB 1998 übernahmen, hatte der Klub knapp zehn Millionen Franken Schulden. Wir haben Tag und Nacht gearbeitet, 100 Stunden pro Woche. Als junger Mann ging das. Aber irgendwann sagt der Körper Stopp.

Wirst du Marc Lüthi beim SC Bern vermissen?

SLAPSHOT: Sie übernahmen den Job, weil die IMS, der Herausgeber des SLAPSHOT, zu den SCB-Gläubigern gehörte und kein Geld zu holen war.

Lüthi: Richtig. Erwin Gross und ich entschieden, dass Erwin bei der IMS bleibt. Und ich versuchen würde, den SCB zu führen. Hat beides ganz gut geklappt.

SLAPSHOT: Sie schwärmten immer davon, dass Sie den «geilsten Job der Welt» hätten. Waren Sie 2022/23 schlicht noch nicht bereit, loszulassen?

Lüthi: Vielleicht.

SLAPSHOT: Jetzt ist ihr Abschied definitiv?

Lüthi: Ich bitte Sie. Ich werde im August 65 und habe meine Aktien verkauft. Natürlich ist das definitiv. Aber ich werde immer Eishockey-Fan bleiben.

SLAPSHOT: Das letzte Spiel des Männerteams in Ihrer Ära war eine blamable Niederlage im Play-In in Rapperswil. Sie waren so verärgert, dass Sie das Stadion vorzeitig verliessen.

SCB Rapperswil-Jona Lakers
Die Rapperswil-Jona Lakers jubeln über den Sieg gegen den SCB. (Archivbild) - keystone

Lüthi: Man kann sich nicht aussuchen, wie es endet. Ich kann Niederlagen nicht ausstehen, daran hat sich in 28 Jahren nichts verändert. Aber ich freue mich auf eine Zeit, in der nicht mehr Resultate mein Wohlbefinden bestimmen.

Mehr zum Thema:

Kommentare

Weiterlesen

SCB
7 Interaktionen
Kessler-Nachfolger?
SC Bern
47 Interaktionen
«Peinlich»
Marc Lüthi SCB
42 Interaktionen
«Arbeitete 100 Stunden»
Vauclair
2 Interaktionen
Julien Vauclair
Luca_Fazzini.
Vertrag verlängert
Serge Aubin SC Bern
«Ist ein Prozess»