Michael Tscherrig: «Am Ende sprechen wir alle die Eishockeysprache»

Andy Maschek
Andy Maschek

Schiedsrichter Michael Tscherrig freut sich auf seine vierte A-WM in Zürich und Fribourg. Den Finalplatz würde er aber lieber der Schweizer Nati überlassen.

Schiedsrichter Michael Tscherrig
Schiedsrichter Michael Tscherrig. - freshfocus

Der Walliser Schiedsrichter Michael Tscherrig (39) bestreitet in diesem Jahr seine vierte A-WM. Er freut sich speziell auf das Heim-Turnier in Zürich und Fribourg, würde aber einen Platz im Final gerne der Schweizer Nati überlassen, damit diese die Chance hätte, um Gold zu spielen.

SLAPSHOT: Wie haben Sie die Saison erlebt?

Michael Tscherrig: Ich bin zufrieden und denke, dass wir Schiedsrichter generell nicht zu stark im Fokus waren. Ich hatte meine Einsätze in der Regular Season und in den Playoffs, stand in der Champions Hockey League bis im Halbfinal im Einsatz und war am Spengler Cup.

SLAPSHOT: Sie waren im Viertelfinal zwischen Gottéron und Rapperswil mit dem «Phantom-Tor» dabei. Wie haben Sie das gesehen?

Tscherrig: Es war speziell. Vielleicht hatten meine Kollegen und ich zuerst zu sehr einen Tunnelblick. Wir sahen den Puck im Tor, und ich dachte, dass er vielleicht an den Pfosten, dann an den Rücken des Goalies und schliesslich ins Tor ging.

Der Fokus lag auf diesem Aspekt, zumal sich das Netz ein wenig bewegte. Für uns war es ein gutes Tor. Rappi-Coach Johan Lundskog hat dann reklamiert und unser Linesman Eric Cattaneo hat gefragt, ob der Puck wirklich zwischen den Pfosten und nicht hinten ins Tor ging.

Es war zwar fast unmöglich, dennoch wollten wir das mit dem Video abklären. Da haben wir dann gesehen, dass es nicht möglich war, dass der Puck zwischen den Pfosten ins Tor ging. Der Prozess war nicht super, am Ende war aber der Entscheid richtig. Ich hoffe auch, dass die Netze in Fribourg jetzt anders sind.

Michael Tscherrig
Der Walliser Schiedsrichter Michael Tscherrig (39) bestreitet in diesem Jahr seine vierte A-WM. - imago

SLAPSHOT: Wie meinen Sie das?

Tscherrig: Nach dem Spiel kam Christoph Bertschy und fragte, wie es möglich ist, dass wir zweimal das Video konsultierten. Ich war ehrlich und habe ihm gesagt, dass wir zuerst nicht geschaut haben, ob der Puck gar nicht zwischen den beiden Pfosten ins Tor ging.

Aber am Ende hatten wir richtig entschieden. Er hat mich dann lachend angeschaut und gesagt, ich wisse ja nicht, wie oft in den Trainings der Puck so ins Tor und wieder rausgehe.

SLAPSHOT: Hat sich der Job des Schiris durch den vermehrten Einsatz von Hilfsmitteln wie Video oder auch Mikrofonen zur Kommunikation untereinander stark verändert?

Tscherrig: Es ist schon etwas anders, denn bei IIHF-Anlässen wie der WM haben wir erst seit zwei Jahren Mikrofone, in der Schweiz war das dagegen schon vorher der Fall. Bei der IIHF war somit vermehrter Blickkontakt mit dem Kollegen nötig.

Mit Mikrofonen sagen wir kurz und knapp, was wir machen. So liegt der Fokus noch mehr auf dem Spiel statt auf der Position des Kollegen. Auf der anderen Seite verliert man etwas den visuellen Kontakt.

Ich bin mir nicht sicher, was die bessere Herangehensweise ist, aber ich komme mit dem Mikrofon gut zurecht, auch wenn es mitunter zu einer sehr intensiven Kommunikation führen kann.

SLAPSHOT: Wann, wie und weshalb sind Sie eigentlich Schiedsrichter geworden?

Tscherrig: Ich habe 2002 in der dritten Liga begonnen, war dort drei Jahre, dann drei Jahre in der ersten Liga und drei Jahre in der Sky Swiss League, ehe ich fünf Jahre als Linesman in der National League aktiv war und 2011 als Headschiedsrichter begann. Und nun bin ich seit 2019 Profi.

SLAPSHOT: Wieso sind Sie Schiedsrichter geworden?

Tscherrig: Mein Vater hat mit Sierre in der damaligen NLA und NLB gespielt und so habe ich bereits mit drei Jahren mit dem Eishockey angefangen. Als ich dann in der dritten Liga spielte, hat mir ein Kollege gesagt, ich solle gemeinsam mit ihm ein Spiel leiten, so könne ich ein paar Franken verdienen.

Ich war damals in der dritten Klasse der Sekundarschule – und es war der Anfang meiner Zeit als Schiedsrichter, denn ein Jahr später, 2002, begann ich mit der Schiedsrichterausbildung.

Schweiz Eishockey-WM
Die Schweizer Hockey-Nati ist an der Heim-WM ungeschlagener Gruppensieger. - keystone

SLAPSHOT: Was waren die Höhepunkte in Ihrer bisherigen Karriere?

Tscherrig: Das waren ganz klar die Olympischen Spiele in Peking. Aber wenn ich ein einzelnes Spiel nennen muss, dann war es der Halbfinal an der U20-WM 2023 in Halifax zwischen Kanada und der USA, als auch Connor Bedard auf dem Eis stand.

Es war das beste Spiel, das ich bisher geleitet habe, schnell und intensiv, inklusive zweimal Video Review und Coaches Challenge. Das war unglaublich. Die Olympischen Spiele in Peking waren schön, aber damals fehlten die weltbesten Spieler.

Es war vergleichbar mit unserer Meisterschaft, da auch viele Imports aus der National League in Peking spielten.

SLAPSHOT: Gab es auch Schwierigkeiten oder Herausforderungen auf Ihrem bisherigen Weg als Schiedsrichter?

Tscherrig: Für mich gab es keine grossen Probleme, ich habe alle drei Jahre eine neue Stufe absolviert. Ich war als Schiedsrichter auch auf der «Road to Milano», wurde aber am Ende nicht selektioniert, was meine erste grosse Enttäuschung war.

Sonst ist bislang alles gut gegangen, bin Schritt für Schritt vorwärts gekommen. Ich bin glücklich, wie alles gelaufen ist.

SLAPSHOT: Für Olympia 2026 hat es nicht gereicht. Ist nun 2030 das nächste Ziel?

Tscherrig: Das ist so, aber um ehrlich zu sein, muss ich das zuerst mit unserem Management diskutieren. Ich werde im November 40 Jahre alt, das bedeutet, dass ich an Olympia 44 wäre. Ich weiss nicht, nach welchen Kriterien die IIHF die Selektionen vornimmt, ob ich so nicht schon zu alt wäre.

Diese Diskussion muss ich mit Brent Reiber führen, was der Plan des Weltverbandes ist, ob sie lieber jüngere Leute möchten. Es wäre ganz klar mein Traum, nochmals an Olympischen Spielen dabei zu sein. Ich arbeite für das, aber es liegt nicht in meinen Händen.

SLAPSHOT: Jetzt kommt ja zuerst noch die Heim-WM in Zürich und Fribourg. Wie sehr freuen Sie sich auf dieses Turnier?

Tscherrig: Riesig! Es wird meine vierte A-Weltmeisterschaft, zuvor war ich 2021 in Lettland dabei, als das Turnier aufgrund von Covid speziell war. Die WM 2024 in Prag war sehr schön, Tschechien ist ein richtiges Eishockey-Land.

Schweizer Hockey-Nati
Roman Josi und Nico Hischier mit Schweizer Wappen an der Hockey-WM 2024. - keystone

Letztes Jahr hatten wir Schweden und Dänemark und nun ist die Schweiz an der Reihe, was für mich sehr speziell ist, da auch die Familie und Freunde kommen können. Darauf freue ich mich riesig.

SLAPSHOT: Bereiten Sie sich speziell auf diese WM vor?

Tscherrig: Aufgrund der Playoffs haben wir einen intensiven Rhythmus, wobei man im Final weniger zum Einsatz kommt.

Da hat man vielleicht alle sechs Tage ein Spiel und kann etwas mehr trainieren, auch im Fitnessraum. Meine Philosophie ist, an meinen Gewohnheiten und Routinen festzuhalten.

SLAPSHOT: Muss man etwas ändern oder anpassen, wenn man statt in der National League an einer WM ein Spiel leitet?

Tscherrig: Man kennt die anderen Leute weniger, aber wir treffen uns ein paar Tage vor der WM, um Gruppenarbeiten zu machen und einander kennenzulernen.

Am Ende sprechen wir jedoch sowieso alle die Eishockeysprache und haben auf dem Eis dieselben Prozesse. Das erfordert nur kleine Anpassungen.

Bist du an der Eishockey-WM im Stadion?

SLAPSHOT: Das heisst auch, dass Sie noch genügend Energie im Tank haben und körperlich und mental bereit sind für die WM?

Tscherrig: Ganz sicher! Vor dem WM-Beginn haben wir ja noch fast zwei Wochen Pause, da kann ich trainieren und regenerieren. Letztes Jahr war ich nach der Meisterschaft noch in der European Hockey Tour in Tschechien im Einsatz und reiste direkt weiter an die WM, das war dann schwieriger.

SLAPSHOT: Ist es der grosse Traum, den WM-Final zu leiten?

Tscherrig: Definitiv!

SLAPSHOT: Das würde aber heissen, dass die Schweiz nicht im Final steht …

Tscherrig: Ja, klar, aber wenn die Schweiz die Gelegenheit bekommt, die Goldmedaille zu gewinnen, überlasse ich ihr meinen Platz gerne.

SLAPSHOT: Und nach der WM folgen die Ferien?

Tscherrig: Die WM dauert bis zum 31. Mai, am Tag danach gehen wir Schweizer Schiedsrichter für eine Woche ins Trainingslager. Ab Mitte Juni kann ich dann Ferien machen, bevor das Sommertraining beginnt. Es ist eine lange Saison.

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