Reica Staiger: «Ich habe das Eishockey neu lieben gelernt»

Reica Staiger hielt den Weg zur Schiedsrichterin einst für verrückt. Heute gehört die 29-Jährige zu den besten Head-Referees der Schweiz.

Eishockey liegt Reica Staiger im Blut, es wurde ihr in die Wiege gelegt. Die heute 29-Jährige eiferte in jungen Jahren ihren älteren Brüdern Willy (36) und Anthony (32) nach, die sich vor ihr von der Faszination für diesen Sport anstecken liessen.
Nach dem Motto «was die können, kann ich schon lange» stand sie dann selber schon mit zwei Jahren auf dem Eis. «Ich konnte besser Schlittschuh fahren als laufen und bestritt als Dreijährige die ersten Bambini-Matches und erzielte mein erstes Tor», sagt sie heute lachend.
Es waren die Anfänge einer erfolgreichen Karriere als Spielerin. Insgesamt gewann sie mit den Frauen der ZSC Lions fünf Meistertitel – den ersten 2011, als sie noch nicht einmal ihren 15. Geburtstag gefeiert hatte.
Dazu kamen Länderspiele auf diversen Stufen und Einsätze an Weltmeisterschaften. Doch plötzlich musste sie ihre Aktivkarriere auf Leistungssport-Niveau aus gesundheitlichen Gründen beenden.

Es war verständlicherweise ein Schock für die junge Sportlerin, die sich in der Folge vom Eishockey distanzierte und nicht einmal mehr die Spiele ihrer Brüder besuchte.
Von Anna Wiegand überredet
Es war aber nur eine Trennung auf Zeit, denn Anna Wiegand, heute Development Manager Women & Prospects bei der Swiss Ice Hockey Federation (SIHF) und einst Teamkollegin von Staiger, riet ihr, es mal als Schiedsrichterin zu probieren.
«Ich bin doch nicht lebensmüde!», reagierte Staiger spontan und mit einem Augenzwinkern. Doch Wiegand insistierte, sagte, dass sie ja aufhören könne, wenn es ihr nicht gefalle.
«Ich habe schliesslich damit angefangen und dann hat es mir den Ärmel reingezogen», erklärt die heutige Schiedsrichterin. Als Spielerin habe sie geglaubt, die Regeln zu kennen. «Aber das war wie bei vielen anderen Spielerinnen und Spielern definitiv nicht der Fall», so Staiger.
«Ich habe das Eishockey noch einmal neu kennen und lieben gelernt.» Nach den ersten Versuchen blieb sie am Puck und arbeitete sich Schritt für Schritt respektive Saison für Saison aufwärts und wurde Head-Schiedsrichterin.
Sie sagt: «Bei mir ist es relativ schnell gegangen, ich konnte das von der 4. Liga bis in die 1. Liga durchziehen.» Auch danach ging es im selben Stil weiter:
In ihrer ersten richtigen Saison in der 1. Liga wurde Reica Staiger im regionalen und im überregionalen Final eingesetzt und schaffte in der Folge den Sprung in den Leistungssport, wo sie neben Mariko Dale, Anneke Orlandini und Karin Williner eine von vier weiblichen Head-Schiedsrichterinnen ist und nun vor ihrer vierten Saison steht.
In ihrem Leistungsausweis sind auch Einsätze in den Finals der My Hockey League und in der Post-Finance Women’s League sowie im Cup und auf internationaler Ebene zu finden.
Und in der letzten Saison bekam sie die Möglichkeit, sich in der Sky Swiss League zu beweisen – als zweite Frau nach ihrer Förderin Anna Wiegand, die als aktive Schiedsrichterin aber zurückgetreten ist.
Geplatzter Olympiatraum
Bei ihren Einsätzen in der Sky Swiss League kam es aber nie, auch wenn es theoretisch möglich gewesen wäre, zum Aufeinandertreffen mit ihrem Bruder Anthony, der bis zum Ende der letzten Saison für Winterthur stürmte und nun sein Glück in Japan versucht.
«Unsere Mutter ist Japanerin und unser Vater Schweizer», erklärt die 29-Jährige, die auf den ersten Blick ungewöhnliche Entscheidung ihres Bruders.
Sie selber hätte ein Wechsel nach Japan nie gereizt, sagt sie, «aber ich hätte eigentlich die Möglichkeit gehabt, in den USA mit einem Vollzeitstipendium das College zu besuchen und Eishockey zu spielen, doch dann kamen die gesundheitlichen Probleme».
Das Ende des Spitzensports und der geplatzte Traum von den Olympischen Spielen 2018 waren schmerzhaft. Aber nun verfolgt sie diesen Traum als Schiedsrichterin.
«Ich wurde in den Olympiazyklus für 2030 aufgenommen und darauf arbeiten der Verband und ich nun hin», erklärt Reica Staiger. Die Tätigkeit als Referee hat der 29-Jährigen geholfen, den Schicksalsschlag zu verarbeiten.

Staiger geniesst es, «den besten Platz im Stadion» zu haben, wie sie sagt. Näher am Spiel könne man nicht sein und man lerne Spiele auf verschiedenen Ebenen kennen. Es gebe die emotionale Ebene, die sie als Spielerin natürlich sehr gut nachvollziehen könne.
Zudem habe man eine Vermittlungsfunktion mit dem Auftrag «keep the game fair and safe». «Und dann gibt es auch noch die Regeln, die eingehalten werden müssen», so Staiger.
Die Olympischen Spiele 2030 sind wie erwähnt ihr grosser Traum, andere Ziele sind internationale Einsätze in der Champions Hockey League und sich in der Sky Swiss League festzusetzen.
Und wie sieht es mit einer professionellen Referee-Karriere aus?
«Ich wurde dies schon zwei- oder dreimal gefragt und denke, dass das absolut ein Thema sein kann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen», erklärt Staiger, die in einem Kleinunternehmen in den Bereichen Finanzen und Human Resources in einem 70-Prozent-Pensum arbeitet und dies als guten Ausgleich zum Sport sieht, in dem sie pro Jahr auf etwa 90 Spiele kommt.
Keine Frauenfeindlichkeit
Sie ist im Beruf wie im Sport in einer Leaderfunktion tätig und sagt, dass für sie als Frau auch in der Männerdomäne Eishockey die Akzeptanz gross ist. «Das Frauenfeindliche, das man vielleicht vereinzelt erwarten könnte, gibt es nicht, das habe ich noch nie erlebt. Im Gegenteil: Ich habe stets grossen Respekt, Offenheit und Wertschätzung erfahren», sagt sie.
«Und je länger man in einer Liga ist, desto besser kennt man die Spieler, Trainer und Funktionäre, das macht es einfacher.» Natürlich gebe es manchmal auch Kritik, «doch die war bislang immer konstruktiv».
Die Aufgaben, die sie einst mit dem Adjektiv «lebensmüde» in Verbindung brachte, sind ihr definitiv ans Herz gewachsen. Sie sagt: «Das Schiedsrichterwesen ist für mich je zur Hälfte Hobby und Beruf – und definitiv eine Passion.»





