SC Bern: Austin Czarnik – Mit Gottes Gnaden nach ganz oben

Nicola Berger
Nicola Berger

Austin Czarnik wurde auf Anhieb Liga-Topskorer in der National League. Ein Gespräch über den Flammenhelm, die Schweizer Lebensqualität und Mentaltrainings.

Austin Czarnik
In seiner ersten Saison in der National League wurde Austin Czarnik auf Anhieb Liga-Topskorer. Ein Gespräch über den Flammenhelm, die Lebensqualität in der Schweiz und die Macht des Mentaltrainings. - POSTFINANCE / KEYSTONE / PETER KLAUNZER

20 Tore und 36 Assists produzierte Austin Czarnik. Die Darbietungen des Amerikaners waren einer der Hauptgründe dafür, dass der SC Bern die beste Qualifikation seit sechs Jahren spielte und Rang 3 erreichte.

Czarnik, 32, war im Juli nur deshalb in Bern gelandet, weil der finnische Stürmer Kalle Kossila durch den Medizintest fiel. Kossila, 31, unterschrieb im Oktober bei Örebro und skorte dort fleissig, aber für den SCB hätte die Wendung glückhafter nicht sein können.

Czarnik überzeugte als überragender Erstliniencenter, er setzte diverse Linienkollegen bestens in Szene. Mit 36 Vorlagen wurde er Assist-König der Liga und als erster SCB-Profi seit Mark Arcobello 2016/17 Liga-Topskorer.

Im SCB hat seit Christian Dubé 2008/09 (41) nie mehr ein Akteur so viele Tore vorbereitet.

Czarniks Lebensgeschichte hat etwas Faszinierendes. Er ist der Sohn eines Pastors, seine Eltern sind tiefreligiös. Er wurde nie gedraftet, absolvierte aber mehr als 200 NHL-Partien.

Austin Czarnik
Austin Czarnik konnte beim SC Bern voll überzeugen, spielt aber in der kommenden Saison für Lausanne. - JustPictures.ch/Kjetil Waber

Sein Weg führte übers College, wo er Kinesiologie studierte. Auch eine Asthma-Erkrankung konnte ihn nicht stoppen – bis heute nimmt er deswegen Medikamente ein.

Da er sich mit dem SCB nicht über eine Vertragsverlängerung einigen konnte, wird Czarnik ab der Saison 2025/26 zu erhöhten Bezü­gen für Lausanne stürmen.

Sein Abgang provozierte das kernige Zitat des SCB-Chefs Marc Lüthi, wonach der Pfarrersohn Czarnik unter den Abgängen «der einzige Spieler» sei, den der Klub gerne gehalten hätte.

SLAPSHOT: Austin Czarnik, als Sie im Sommer 2024 in Bern unterschrieben, hatten Sie die Wahl zwischen einem Ein- und Zweijahresvertrag. Es scheint sich gelohnt zu haben, dass Sie auf sich selbst gewettet haben.

Austin Czarnik: was auf mich zukommt, weil ich noch nie in Europa gespielt hatte. Und es hätte wirklich nicht besser laufen können. Sportlich, aber auch sonst. Die Schweiz ist für unsere Familie ein Glücksfall.

SLAPSHOT: Wie erstaunt waren Sie, als Sie das Topskorer-Gewand sahen?

Czarnik: Ich habe so etwas noch nie gesehen, das fand ich schon ein bisschen crazy. Ich habe in meinem Leben noch nie einen Flammenhelm getragen, in den USA gab es schon ein paar Sprüche (lacht).

Ich musste mich erst daran gewöhnen. Und es hat einen Einfluss. Auch bei den Gegenspielern. Man wird härter angegangen, es gibt mehr Trashtalk, mehr Stockschlä­ge.

Austin Czarnik
Austin Czarnik (l.) in Aktion gegen Andreas Wingerli vom EV Zug. - PostFinance/KEYSTONE/Philipp Schmidli

Aber es hat auch seine Vorteile: Meine Eltern waren im Januar hier zu Besuch. Und fanden es sehr gut, dass sie immer wussten, wo auf dem Eis ich mich gerade befinde.

SLAPSHOT: Man hatte den Eindruck, dass Sie relativ wenig Angewöhnungszeit benötigten.

Czarnik: Ein paar Wochen vielleicht. Ich sass im zweiten Spiel der Meisterschaft überzählig auf der Tribüne und kämpfte mit den Nachwehen von gebrochenen Rippen.

Ein bisschen war das ein Weckruf. Ich befürchtete, dass ein schlechter Start dazu führen könnte, dass die Leute denken: «Wieso haben die den geholt?».

Ich tauschte mich danach mit meinem Mentaltrainer aus und drückte den Neustart-Knopf. Ab da habe ich den Rhythmus ziemlich schnell gefunden.

SLAPSHOT: Seit wann arbeiten Sie mit einem Mentalcoach?

Czarnik: Seit fünf Jahren, seit der Pandemie. Ich absolvierte 2020/21 nur vier Einsätze, es war eine Zeit grosser Ungewissheit. Meine Frau hat dann einen Mentalcoach gefunden, der in der Nähe unseres Zuhauses in Michigan lebt.

Austin Czarnik
Austin Czarnik (Mitte) setzt sich gegen Torhüter Simon Hrubec und Verteidiger Christian Marti von den ZSC Lions durch. - Keystone/Christian Beutler

Ich war zunächst skeptisch, weil es mir nicht leicht fällt, über meine Gefühle zu reden. Aber die Sitzungen haben mir sehr geholfen, er hat einen gesunden Blick auf das Leben. Im Moment unterhalten wir uns vier bis fünf Mal pro Saison.

SLAPSHOT: Hat er eine ähnliche Funktion wie ein Psychotherapeut?

Czarnik: Ja, das kann man schon sagen. Mir helfen die Sitzungen dabei, Unwichtiges rauszufiltern und den Fokus zu schärfen.

SLAPSHOT: Was war die wichtigste Umstellung beim Wechsel nach Europa?

Czarnik: Schon das grössere Eisfeld. Du hast mehr Platz, die Laufwege verändern sich. Aber mir kommt das entgegen, deshalb ging das mit der Akklimatisierung ziemlich schnell.

SLAPSHOT: Waren Sie vom Tempo der Liga überrascht?

Czarnik: Ja. Es haben mir zwar im Vorfeld alle gesagt, wie schnell die Spieler hier sind. Aber dann bist du da und denkst irgendwann: Verdammt, das ist wirklich hohes ein Tempo.

Wenn du in dieser Liga nicht skaten kannst, hast du ein Problem. Ich bin ohnehin ziemlich begeistert von der National League.

Es gibt viel Qualität und kaum Kantersiege – die Ausgeglichenheit ist hoch. Und die Stimmung überall gut. Ich habe ein paar Mal darüber gestaunt, wie laut es ist.

SLAPSHOT: Hatten Sie Zeit, das Land zu erkunden?

Czarnik: Oh ja, wir haben viele Touristenattraktionen besucht. Zermatt. Das Jungfraujoch. Die Leute zu Hause waren eifersüchtig ob dieser Postkartenkulisse. Es gibt hier viele Meisterschaftsunterbrüche, das hilft.

Austin Czarnik
Auf mehr als 200 Spiele in der NHL kann Austin Czarnik zurückblicken. - PostFinance/KEYSTONE/Til Buergy

Auch mir als Spieler, so kann man die Batterien wieder aufladen. Ganz allgemein ist die Lebensqualität hier extrem hoch. Die Schweiz ist das Beste, was mir und meiner Familie hätte passieren können.

SLAPSHOT: Inwiefern?

Czarnik: In Nordamerika lebte ich in ständiger Ungewissheit. Mal war ich in der NHL, dann wieder in der AHL. Die Distanzen sind gross, man ist viel auf Achse.

Meine Tochter hat oft geweint, weil sie nicht verstand, weshalb ich schon wieder aufbrechen musste. Hier schlafe ich jede Nacht zu Hause. Ich kann hier jener Vater sein, der ich sein will. Und auch der Ehemann, der ich sein muss.

SLAPSHOT: Ihre Kinder sollen schon Ski-Lektionen genommen haben.

Czarnik: Stimmt! Ich selbst bin in meinem Leben noch nie Ski gefahren. Rund um Michigan gibt es nicht viele Optionen.

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Austin Czarnik brachte es in der Saison 2024/25 auf 56 Scorerpunkte und wurde damit Liga-Topskorer. - PostFinance/KEYSTONE/Cyril Zingaro

Und heute steht es ja in meinem Vertrag, dass das nicht erlaubt ist. Aber nach der Karriere möchte ich das schon mal versuchen. Es kann ja nicht schwieriger sein als Eishockey zu spielen, oder?

SLAPSHOT: Sie verlassen Bern, bleiben aber in der Schweiz. War die Rückkehr in die NHL kein Thema, zumal mit dem Titel des Liga-Topskorers im Palmarès?

Czarnik: Klar ist das im Hinterkopf. Aber ich bin lieber hier ein Leader, ein Spieler, der Verantwortung übernimmt und auf den gesetzt wird.

In einer NHL-Organisation wäre ich nur ein Lückenbüsser, so realistisch muss man sein.

SLAPSHOT: Gibt es Dinge, die Sie an den USA vermissen?

Czarnik: Die Freunde und die Familie natürlich. Unseren Hund, der das Jahr bei meinen Eltern lebt, weil wir nicht genug Zeit hatten, seine Reise zu organisieren. Er ist ziemlich laut, da wollten wir keine Risiken eingehen.

Austin Czarnik
Austin Czarnik feiert nach einem Tor mit seinen Teamkameraden. - PostFinance/KEYSTONE/Anthony Anex

Aber sonst gibt es nicht viel, die Schweiz bietet ja alles. Auch das Essen hier ist überragend. Wobei ich manchmal schon einen echten Cheeseburger vermisse (lacht).

SLAPSHOT: Gibt es hier Spieler, bei denen es Sie überrascht, dass Sie nicht in der NHL engagiert sind?

Czarnik: Absolut. Ich habe erst gerade zu meinem Teamkollegen Waltteri Merelä gesagt: «Was machst du eigentlich hier?»

Er hat so viel Qualität, dass ich davon überzeugt bin, dass er den Durchbruch in der NHL schaffen würde. Aber wir können froh sein, dass er bei uns ist. Und in Zürich ist es mit Denis Malgin und Sven Andrighetto das Gleiche.

SLAPSHOT: Der SCB ist auch dank Ihnen und Merelä wiedererstarkt und hegt erstmals seit Jahren wieder ernsthafte Titelambitionen. Was ist möglich mit dieser Mannschaft?

Czarnik: Ich sehe ein Team, das zusammengewachsen ist. Jungs, die verdammt hart arbeiten und hungrig sind. Die Playoffs haben ihre eigenen Gesetze, aber ich traue uns viel zu.

Über Austin Czarnik

Geboren: 12. Dezember 1998. Grösse: 174 cm. Gewicht: 74 kg. Vertrag: bis 2025.

Stationen: 2011 bis 2016: Providence (AHL), Miami Univ. (NCAA). 2016 bis 2018: Boston (NHL), Providence. 2018 bis 2020: Calgary (NHL), Stockton (AHL). 2020 bis 2022: NY Islanders (NHL), Seattle (NHL), Bridgeport (AHL). 2022 bis 2024: Detroit (NHL), Grand Rapid (AHL). 2024: SC Bern. Ab 2025: Lausanne HC.

Erfolge: diverse persönliche Auszeichnungen.

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