National League: Wieso Davos und Servette Playoff-Final erreichen

Am Samstag beginnen in der National League die Playoff-Halbfinals. Hockey-Experte Nicola Berger schaut vor beiden Serien im Format «Overtime» in die Glaskugel.

Das Wichtigste in Kürze
- Ab heute kämpfen die vier verbliebenen Teams um den Einzug in den Playoff-Final.
- Hockey-Experte Nicola Berger tippt in der «Overtime» die beiden Halbfinal-Paarungen.
Die besten vier Teams der regular Season stehen im Halbfinal der National League. Wer setzt sich durch und darf weiter vom Meistertitel träumen?
Ein Blick in die Glaskugel von Hockey-Experte Nicola Berger.
Davos (1.) – ZSC Lions (4.)
Elfmal gab es dieses Duell in den Playoffs schon, es ist das vielleicht legendärste, weil geschichtsträchtigste Duell der Schweizer Playoff-Geschichte. Es gibt Stimmen, die von einem «vorgezogenen Final» sprechen – und man kann sie verstehen.
Hier der souveräne Qualifikationssieger, der nach schwierigen Jahren unmittelbar nach dem Ende der 22-jährigen Ära des Trainers Arno Del Curto von 2018 zu neuem Leben erwacht ist. Und dort der Meister von 2024 und 2025, der im Viertelfinal dem aufstrebenden Lugano nicht einen Sieg zugestand.
Bevor diese Playoffs begannen, sagte der ZSC-Coach Marco Bayer, der Antrieb seines Teams bestehe nicht zuletzt darin, das «fast Unmögliche zu schaffen». Und meinte damit einen dritten Titelgewinn in Serie. Seit dem EHC Kloten zwischen 1992 und 1996 hat sich nie mehr eine Equipe als Dynastie mit mehr als zwei Meistertiteln am Stück verewigen können.

Der ZSC hat alle Ingredienzen, um Geschichte zu schreiben. Aber er wirkte in diesem Winter oft verwundbar. Und man darf schon davon ausgehen, dass der HCD den Zürchern nicht den Gefallen tun wird, ihnen taktisch so naiv ins Messer zu laufen, wie Lugano das tat.
Die Davoser schmerzt die Absenz der verletzten Stürmer Enzo Corvi und Valentin Nussbaumer. Aber sie haben das Mojo. Der Coach Josh Holden hat in seinem dritten Jahr in Davos eine Atmosphäre erzeugt, die an die magischen Spielzeiten des EV Zug von 2021 und 2022 erinnert, als es schien, das Zuger Kollektiv könne über das Wasser wandeln.
Holden war daran als Assistent beteiligt, es scheint, als hätte er der Cheftrainer Dan Tangnes (der in Schweden mit Rögle gerade vor einem erneuten «Reverse Sweep» steht, so wie im Playoff-Final 2022 mit dem EVZ) ihn in alle Geheimnisse der Eishockey-Alchemie eingeweiht.

Jedenfalls hat in diesem Winter niemand ein Rezept gegen diesen HCD gefunden. Davos mag nicht immer brillieren, aber in der Summe genügen die Darbietungen praktisch immer für den Sieg – einer aus dem Duo Matej Stransky (Torschützenkönig) und Filip Zadina (sechs Game-Winning-Goals, Liga-Bestwert) macht regelmässig den Unterschied aus.
Tipp: 4:2 für Davos.
Gottéron (2.) – Servette (3.)
Servette hat sich 2023/24 und 2024/25 allergrösste Mühe gegeben, das eigene Potenzial zu verschleiern.
Zwei Mal verpasste der Champion von 2023 trotz einem sündhaft teuren Luxuskader die Playoffs; ein bisschen war es so, als hätte sich ein lange verschollener französischer Cousin einen schlechten Inspector-Clouseau-Schnurrbart aufgeklebt und sich für das echte Servette ausgegeben.
Die Saison begann mit beschämenden Kanterniederlagen gegen Lausanne (0:11) und Biel (0:8) besorgniserregend, aber der Trainerwechsel von Yorick Treille zu Ville Peltonen (52, möglicherweise bald der neue Coach des SC Bern) hat die überfällige Renaissance eingeleitet.

Der Servette-Sportchef Marc Gautschi mag in der Frage befangen sein, aber er liegt nicht falsch, wenn er die Paradelinie um den Liga-Topskorer Markus Granlund und dessen finnische Nationalmannschaftskollegen Sakari Manninen und Jesse Puljujärvi als «beste Linie Europas» bezeichnet.
Servette hat alles: Das Talent, die Breite, die taktische Reife. Und offenkundig auch wieder das kompetitive Feuer in der Garderobe. Die Buchmacher quotieren dieses Team als grössten Aussenseiter im Titelkampf – es fällt schwer, dieser Einschätzung beizupflichten.
Denn ist Gottéron in dieser Verfassung wirklich stärker einzustufen? Nach einer sehr zähen Viertelfinalserie gegen den klaren Aussenseiter Rapperswil muss man das zumindest bezweifeln.
Der letztjährige Liga-Topskorer Marcus Sörensen fehlt seit Januar verletzt, die Saison des wichtigsten Schweizer Stürmers Sandro Schmid endete mit einer Unterkörperverletzung vorzeitig.

Erschwerend hinzu kommen die Misstöne der letzten Wochen und Monate, die nicht leiser geworden sind. Der «Blick» berichtete, der Erstliniencenter Lucas Wallmark wolle den Klub zum Saisonende verlassen, weil er mit dem streitbaren Cheftrainer und Entertainer Roger Rönnberg und dessen «My Way or the Highway»-Art nicht klarkomme.
Der scheidende Athletiktrainer Simon Holdener kritisierte Rönnberg öffentlich. Aus dem Klubinnern ist zu vernehmen, dass sich auch andere Exponenten am schwedischen Coach reiben; das Schlagwort «Beratungsresistenz» fällt.
Es ist normal, dass es intern knistert, wenn eine starke Persönlichkeit wie Rönnberg sie ist, einen Klub innert kurzer Zeit radikal verändert. Aber unter den gegebenen Vorzeichen dürfte es für Gottéron ein sehr steiler Weg in den ersten Playoff-Final seit 2013 werden.
Tipp: 4:2 für Servette.
Zum Autor
Nicola Berger berichtet seit über einem Jahrzehnt über das Geschehen rund um das Eishockey. Seit dieser Saison schreibt er im Format «Overtime» über die National League und die Hockey-Nati.





