«Blueliner Berger»: 40 Jahre Playoffs in der Schweiz – welch Segen

Vor 40 Jahren wurde der HC Lugano unter John Slettvoll erster Schweizer Meister im Playoff-Zeitalter. Was ist geblieben aus vier Jahrzehnten mit diesem Modus?

«Stell dir vor, es ist der 10. März und die Meisterschaft endet damit, dass nach dem Ende der Qualifikation der Pokal übergeben wird. Was hätten wir da alles verpasst, wie viele Geschichten, Emotionen und Höhepunkte?»
Der Mann, der diesen Satz sagt, weiss wovon er spricht: Es ist Sean Simpson, der legendäre Coach, der 1998 den EV Zug zum Titel coachte. Natürlich liegt Simpson richtig, aber in der notorisch konservativen Schweiz dauerte es lange, bis die Playoffs eingeführt wurden.
1985 war das, begleitet von reichlich Skepsis. Schweden übernahm den Modus elf Jahre zuvor, Finnland 1975/76, Deutschland 1980/81. Nur Russland (1992/93) widersetzte sich dem Trend aus Nordamerika noch länger. Dort war schon 1894 ein Playoff-Final ausgetragen worden: Die Montreal AAA setzten sich in zwei Spielen gegen die Montreal Victorias durch.

Zu den Rädelsführern für die Playoff-Revolution gehörten Dr. René Fasel, der spätere Präsident des Weltverbands IIHF. Und Peter Bossert, der erst Arosa und dann den EHC Kloten führte. Sie waren die Wegbereiter für allerlei launige Episoden. Für Dramen. Und ein Heldenepos nach dem anderen.
Der erste Playoff-Champion heisst 1986 Lugano, dem Team von John Slettvoll genügen vier Siege: Zwei gegen Sierre, zwei gegen Davos. Längst braucht es zwölf Erfolge, je nachdem errungen in 21 Schlachten, so wie das der HCD 2008/09 in einer geschichtsträchtigen Saison tat.
Die Playoffs lieferten: Dramen. Etwa die ultimative Schmach, eine 3:0-Serienführung noch aus der Hand zu geben. Fünfmal geschah das, zuletzt 2022 im Final zwischen den ZSC Lions und dem EV Zug. In der Geschichte dürfte einzig die verlorene Viertelfinalserie von Ambrì gegen Lugano 2006 ähnlich schmerzhaft gewesen sein: Ambrì führte im vierten Spiel viermal.
Und verliert nach einem Eigentor von Félicien Du Bois in der Verlängerung doch noch. Lugano wird später unter dem heutigen deutschen Nationaltrainer Harold Kreis zum bisher letzten Mal Meister. Sie sorgten für: Herzschmerz. Einige der besten, talentiertesten Spieler, die je auf Schweizer Eis aktiv waren, konnten sich nicht als Meister verewigen.
Beim Duo Bykov/Chomutov war das, bei Damien Brunner, Hnat Domenichelli, Martin Gerber oder Oleg Petrov. Die Playoffs lieferten auch: Skandale. 2001 ist die Stimmung im Final zwischen Lugano und dem ZSC so aufgeheizt, dass in der Resega in der Belle keine Zürcher Anhänger zugelassen sind. In der Verlängerung schiesst Morgan Samuelsson (†) den ZSC zum Titel, es folgen die schwersten Ausschreitungen, die das Schweizer Eishockey im 21. Jahrhundert gesehen hat.

Die Ereignisse beschäftigen Medien und Politik monatelang. 2004 ist das nicht anders, als im SCB-Fanblock während der Viertelfinalserie gegen Zug in der Hertihalle ein Transparent mit der Aufschrift «Danke Leibacher» gezeigt wird. Der Amokläufer hatte 2001 im Zuger Parlamentsgebäude 14 Politiker erschossen. Es hagelte Stadionverbote.
Und um nicht mit so viel Taktlosigkeit zu schliessen: In den Playoffs haben sich Rollenspieler unsterblich gemacht, deren Namen sonst längst in Vergessenheit geraten wären: Robin Leblanc, Marc Weber, Steve McCarthy, David Jobin. Meisterschützen, die ihre Farben in einen Rausch versetzten und Städte Freinächte ausrufen liessen.
Es sind Geschichten, die das Playoff geschrieben hat, die Menschen, die sich diesem Sport verschrieben haben, auf und neben dem Eis. Die Playoffs 2026 werden neuen Stoff liefern, den zu erzählen sich lohnt. Und an den man sich in 20 Jahren in wohliger Nostalgie beseelt erinnern wird.
Zum Autor
Nicola Berger schreibt seit mehr als 15 Jahren über das Schweizer Eishockey – er tat das lange für die «Luzerner Zeitung». Und auch für Produkte, die es betrüblicherweise längst nicht mehr gibt: «The Hockeyweek», «Eishockey-Stars», «Top Hockey».
Seit 2013 ist er Reporter bei der NZZ und hat eine ausgeprägte Schwäche für Aussenseiter sowie aus der Zeit gefallene Stadien und Persönlichkeiten. Ein Königreich für ein Comeback von Claudio Neff.





