History: Wie die «Gottéron-Mafia» den Bernern die WM 1990 rettet
1990 gastiert die Weltmeisterschaft in Bern und Fribourg. In dieser Zeit lernt der Sport-Kapitalismus laufen und es geht neben dem Eis drunter und drüber.

«Den Rückblick auf diese legendäre WM möchte ich aus meinen Erinnerungen zusammenstellen. Denn so kann ich all die Irrungen und Wirrungen um dieses Turnier am besten erklären.
Die Verbandsoberen haben einen Manager für den gesamten Ticket-Vorverkauf (ein Kerngeschäft!) engagiert.
Sein Name ist mir inzwischen entfallen. An das Wesen und Wirken dieses Party-Löwen erinnere ich mich hingegen noch sehr lebhaft, und ich weiss, dass er nicht Berndeutsch sprach und nachher nie mehr im helvetischen Sport tätig war.

Wir sitzen in seinem grossen Büro im Allmend-Tempel. Er hat die Beine lässig auf dem Pult (ich auch) und um ihn herum stecken in Stapeln von Kartonschachteln Tausende von Tickets.
Wir amüsieren uns gut, schmauchen dicke Zigarren (ja, damals durfte man noch rauchen!) und er sagt, ich solle mir für die Spiele vom nächsten Tag einfach wiederum so viele Tickets heraussuchen, wie ich brauche. Zu meiner Ehrenrettung sei gesagt: Ich habe alle Tickets verschenkt und nie eines verkauft.
Ab und zu rasselt der Festnetz-Apparat. Es ist die Zeit vor dem Hosentelefon. Mein Kumpel hebt den Hörer ab. «Guten Tag Frau Meier ... Ja, Sie sind hier richtig beim Ticket-Vorverkauf ... Drei Tickets fürs Spiel der Russen gegen die Kanadier? Ja, klar ... Alle drei nebeneinander? Kein Problem ... Ja, Sie können die Tickets an der Vorverkaufskasse abholen und dort bezahlen ... Danke und auf Wiedersehen.» Er notiert nichts.
Auf mein erstauntes Nachfragen sagt er: «Ach, die Mühe sparen wir uns. Das Spiel wird schon nicht ausverkauft sein. Die soll einfach an der Abendkasse drei Tickets kaufen ...». Weil die Anrufe bald lästig werden, legt er den Höher aufs Pult – «tuuut-tuuut-tuuut».
So ist 1990 bei dieser WM gefuhrwerkt worden. Ich bin auf jeden Fall nicht überrascht, als es während der WM immer wieder heftige Kritik an den Organisatoren gibt, weil Tickets an den Vorverkaufskassen nicht parat liegen.

Niemand ahnt, dass es diesen Vorverkauf ja praktisch nicht gibt. Nach der WM bilanziert der «Bund»: «250'970 Zuschauer oder 6274 im Durchschnitt verfolgten die 40 Partien. Eine recht ansehnliche Zahl, die allerdings noch viel höher hätte ausfallen können, wäre der Vorverkauf nicht derart anfängerhaft organisiert gewesen.»
Natürlich hätte ich meiner Pflicht nachkommen und aufs heftigste polemisieren sollen. Aber ich war halt noch jung und naiv. Und anständig. Ich konnte doch nicht gegen den Vorverkaufs-Manager anschreiben, der mir freundlicherweise Zugang zu Tickets und sonstigen Annehmlichkeiten gewährte.
Es war halt eine andere Zeit – und hätte denn jemand meinem wahrhaftigen Bericht über die wahren Zustände rund um den WM-Vorverkauf überhaupt geglaubt? Nein, niemand hätte mir geglaubt. Es war halt eine andere Zeit.
1990 ist eine WM des Pechs und der Pannen. Das Unglück hat schon ein Jahr früher angefangen. Der Gastgeber ist nicht automatisch qualifiziert. Also muss die Schweiz 1989 in Norwegen die B-WM gewinnen und aufsteigen.

Aber es geht alles schief. Die Mannschaft von Simon Schenk ist dem Erwartungsdruck nicht gewachsen. Norwegen gewinnt das B-Turnier, steigt auf und fährt nach Bern zur WM.
Tja, eine WM in Bern und Fribourg ohne Schweiz kann nicht rentieren. Zumal auch noch das Stadion in Bern auf WM-Standard umgebaut werden muss. Was viel Geld kostet. Und doch resultiert am Ende ein schöner Gewinn von rund einer Million für die Verbandskasse.
Es geschieht nämlich ein Wunder, durchaus vergleichbar mit der Speisung der Fünftausend im Buch der Bücher, als Jesus aus einem einzigen Korb 5000 Menschen satt gemacht hat.

In Bern haben nicht göttliche Kräfte gewirkt. Sondern die irdische Schlauheit eines Funktionärs, der später einer der mächtigsten der Welt werden sollte. Verbandspräsident René Fasel.
Er hatte sich zwar bei der Besetzung einer Schlüsselposition in der WM-Organisation grandios geirrt. Aber er hat diesen Fehler mehr als nur korrigiert, den Skandal verhindert und alles zu einem guten Ende gebracht.
René Fasel hat gute Freunde in seiner Vaterstadt Fribourg. Einer davon ist Jean Tinguely. Ein weltberühmter Künstler. Fast so etwas wie eine helvetische Antwort auf Salvador Dalî. Er interessiert sich für Eishockey.
Wie René Fasel ist auch er ein leidenschaftlicher Gottéron-Anhänger. Der Verbandspräsident kann ihn dazu überreden, ein Gemälde zu kreieren, das signiert und nummeriert in einer Serie den WM-Organisatoren zum Verkauf überlassen wird.

Durch den Verkaufserlös wird das drohende hoch sechsstellige Defizit in einen schönen Gewinn umgewandelt. Die «Gottéron-Mafia» rettet den Bernern (Bern ist Hauptspielort) die WM. Weil ich grad dabei bin, zu beichten, muss ich gestehen, dass bei mir zu Hause heute noch eines dieser Tinguely-Kunstwerke an der Wand hängt. Es trägt die Nummer 236.
So kommt alles zu einem Happy-End. Die WM gewinnt die Sowjetunion und Norwegen steigt gleich wieder ab. Aber der Leser wird verstehen, dass mir das Drum und Dran dieser WM besser in Erinnerung geblieben ist als das zeitweilig begeisternde Eishockey auf dem Eis.»














