Sean MacFarlane: «Das beste Eishockey Europas»

    Andy Maschek
    Andy Maschek

    Sean MacFarlane ist aus Deutschland in die Schweiz gewechselt. Der 35-jährige Headschiedsrichter schwärmt von seiner neuen Heimat und liebt Cordon bleu.

    Sean MacFarlane.
    Headschiedsrichter Sean MacFarlane. - imago

    Auf diese Saison hin ist Headschiedsrichter Sean MacFarlane (35) von Deutschland in die Schweiz gewechselt. Der Amerikaner schwärmt vom Land, dem Eishockey, der Liga, der Lebensqualität – und liebt Cordon bleu.

    SLAPSHOT: Wie haben Sie sich eingelebt?

    Sean MacFarlane: Sehr gut! Meine Frau ist gerade heute angekommen. Das war sozusagen das letzte Puzzleteil, damit ich mich hier wirklich wohlfühlen kann.

    SLAPSHOT: Was waren Ihre ersten Eindrücke von der Liga?

    MacFarlane: Ich hatte hohe Erwartungen, als ich in die Schweiz kam. Ich war in den vergangenen fünf Saisons in der DEL und habe diese Liga geliebt. Ich fand das Eishockey dort grossartig.

    Aber ich habe die Schweiz immer als die NHL Europas betrachtet. Meine Erwartungen wurden erfüllt. Ich bin überzeugt, dass dies die zweitbeste Liga der Welt ist.

    SLAPSHOT: Man hört immer wieder, dass unser Eishockey sehr schnell sei.

    Sean MacFarlane wechselte von Deutschland in die Schweiz.
    Sean MacFarlane wechselte von Deutschland in die Schweiz. - imago

    MacFarlane: Das ist mir schon in der Vorbereitung aufgefallen. Vor allem in den Umschaltmomenten und Spielauslösungen. Wenn man als Schiedsrichter rückwärts läuft, muss man extrem schnell auf den Beinen sein.

    SLAPSHOT: Nach fünf Jahren in Deutschland treffen Sie auch auf dem Eis auf neue Gesichter.

    MacFarlane: Ich würde sagen, dass 95 Prozent der Spieler in der National League mich vorher noch nie gesehen haben. Das ist deshalb eine der grössten Herausforderungen für mich – und darauf habe ich mich auch gefreut.

    Ich muss mir den Respekt und das Vertrauen der neuen Teams, Spieler und Trainer erarbeiten und eine Beziehung zu ihnen aufbauen.

    SLAPSHOT: Was hat Sie zum Wechsel in die Schweiz bewogen?

    MacFarlane: Ich ging nach Deutschland mit dem Ziel, es an die Olympischen Spiele in Mailand zu schaffen. Meine Frau und ich hatten gerade angefangen, uns zu treffen, als ich nach Deutschland ging.

    Ich sagte ihr: Ich gehe nach Europa bis zu den Olympischen Spielen in Mailand. Danach kannst du mir sagen, wenn du möchtest, dass ich nach Hause komme und meine professionelle Schiedsrichterkarriere beende.

    Eigentlich hatte ich deshalb erwartet, dass meine letzte Saison in Deutschland tatsächlich meine letzte Saison sein würde. Dann bekam ich im Dezember ein Vertragsangebot aus der Schweiz.

    SLAPSHOT: Mussten Sie lange überlegen?

    MacFarlane: Meine Frau und ich haben etwa eineinhalb Wochendarüber gesprochen und kamen zum Schluss, dass wir eine solche Gelegenheit wahrscheinlich nie wieder bekommen würden. Es ist die einzige Liga der Welt, in der ich als Schiedsrichter arbeiten und trotzdem jede Nacht zu Hause sein kann.

    Wir möchten eine Familie gründen. Deshalb ist es für uns enorm wichtig, dass ich jeden Abend nach Hause kommen kann und wir ein stabiles Familienleben haben können.

    Gleichzeitig sagten wir uns: Wir haben ein Angebot, in eines der wohl schönsten Länder der Welt zu ziehen. Wenn wir diese Chance nicht nutzen, werden wir es irgendwann bereuen.

    SLAPSHOT: Ihre Frau war also während Ihrer Zeit in Deutschland nicht bei Ihnen?

    MacFarlane: Sie arbeitet bei USA Hockey im Eventbereich, kennt sich deshalb sehr gut mit Eishockey aus und hat mich immer enorm unterstützt. Sie flog ein paar Mal pro Jahr zu mir, und während einer der Länderspielpausen flog ich jeweils zurück in die USA.

    MacFarlane
    MacFarlane: «Ich ging nach Deutschland mit dem Ziel, es an die Olympischen Spiele in Mailand zu schaffen.» - imago

    Wir sahen uns zwischendurch, aber während des grössten Teils der Saison lebten wir getrennt. Ich glaube, ich bin zwölf Tage nach unserer Hochzeit nach Deutschland gezogen. Sie liess mich gehen, weil sie wusste, wie wichtig mir das Ziel war, die Olympischen Spiele in Mailand zu erreichen. Sie ist ein Engel.

    SLAPSHOT: Haben Sie auch Lukas Kohlmüller um Rat gefragt, der auch schon in der Schweiz tätig war?

    MacFarlane: Er ist wohl mein bester Freund aus meiner Zeit in Deutschland. Er hat mir erklärt, was mich erwartet und welche Unterschiede es zwischen Deutschland und der Schweiz gibt – sowohl als Land als auch im Eishockey.

    Zwei weitere Personen, die mir bei meiner Entscheidung sehr geholfen haben, sind zwei Schiedsrichter, zu denen ich immer aufgeschaut habe: Mark Lemelin und Mikko Kaukokari. Auch Marks Frau ist hier. Sie ist ebenfalls Amerikanerin. Mit ihr zu sprechen und zu sehen, wie gut es ihr hier gefällt, hat die Entscheidung zusätzlich erleichtert.

    SLAPSHOT: Wann und warum sind Sie Schiedsrichter geworden?

    MacFarlane: Meine Eltern stellten mich ungefähr mit 18 Monaten erstmals auf Schlittschuhe. Ich begann als kleines Kind mit Eishockey und war Goalie. Mit ungefähr 17 Jahren wurde mir klar, dass es für mich als Spieler wohl nicht weitergehen würde.

    Als Schiedsrichter hatte ich bereits mit zwölf Jahren angefangen. Mein Vater war damals oft mit mir in unserer lokalen Eishalle, und eines Tages fragte ihn ein Schiedsrichter: «Hätte Sean vielleicht Interesse daran, Schiedsrichter zu werden?»

    So begann ich mit zwölf. Ich dachte mir: Welcher andere Zwölfjährige hat schon die Möglichkeit, Geld zu verdienen und gleichzeitig etwas zu tun, das ihm Spass macht? Ich liebte es von Anfang an. Mit 17 oder 18 sagte ich mir: Mit dem Spielen ist Schluss und konzentrierte mich voll auf meine Schiedsrichterkarriere.

    SLAPSHOT: Wie ging es weiter?

    MacFarlane: Von 2011 bis 2017 war ich im Junioren-Eishockey tätig. 2017 wechselte ich in die Profiligen ECHL und AHL.

    SLAPSHOT: War die NHL nie ein Thema?

    MacFarlane: Sie war immer mein Traum. Ich war lange davon überzeugt, dass ich es dorthin schaffen würde. Leider änderte die NHL irgendwann ihre Philosophie. Sie verpflichtete zunehmend ehemalige Spieler, die danach Schiedsrichter wurden.

    Mir fehlt dieser Hintergrund als Profioder College-Spieler. Kurz vor Covid begann ich, über Europa nachzudenken. Ich hatte zwei grosse Ziele: die NHL und die Olympischen Spiele.

    USA Hockey unterstützte mich sehr und sagte mir: «Wenn du nach Europa gehst, steigen deine Chancen deutlich, an die Olympischen Spiele zu kommen.» Deshalb wechselte ich nach Covid nach Deutschland.

    SLAPSHOT: Und an Olympia in Mailand-Cortina waren Sie dabei.

    MacFarlane: Das war unglaublich. Meine Familie war dort, meine Frau war dabei. Das Eishockey war phänomenal. Für mich ging ein absoluter Traum in Erfüllung.

    Als ich zum ersten Mal auf das Eis trat und realisierte, dass ich meinen olympischen Traum erreicht hatte – dieses Gefühl werde ich für immer in Erinnerung behalten.

    Interessierst du dich für Eishockey?

    SLAPSHOT: Sie waren auch bei der WM in der Schweiz dabei. Wie haben Sie diese erlebt?

    MacFarlane: Es war fantastisch. Die Weltmeisterschaften sind meine liebste Zeit des Jahres. Ich war inzwischen fünfmal dabei. Die WM in der Schweiz und jene in Prag und Ostrava waren mit Abstand die besten, die ich erlebt habe.

    Die Atmosphäre in den Städten und im ganzen Land war phänomenal. Die Schweiz hat bei der Organisation einen fantastischen Job gemacht.

    SLAPSHOT: Wie gefällt Ihnen die Schweiz als Land?

    MacFarlane: Ich liebe sie. Es gibt eigentlich nur eine Sache, die mir nicht gefällt: der Verkehr. Gefühlt bin ich bisher bei jeder Autofahrt im Stau gestanden. Wenn ihr also den Verkehr beseitigen könntet, hätte ich überhaupt nichts zu bemängeln. Auch die kurzen Distanzen sind super.

    Es ist wohl die einzige Liga der Welt, in der ich jeden Abend im eigenen Bett schlafen kann. Die Lebensqualität ist enorm hoch. Aber auch das Eishockey ist fantastisch. Man hat das Gefühl, an der Spitze der Eishockeywelt angekommen zu sein. Für mich ist es das beste Eishockey Europas.

    «Die Weltmeisterschaften sind meine liebste Zeit des Jahres.»
    MacFarlane: «Die Weltmeisterschaften sind meine liebste Zeit des Jahres.» - iamgo

    SLAPSHOT: Welche Ziele und Träume haben Sie noch für Ihre Karriere?

    MacFarlane: Mein Ziel ist jedes Jahr, an die WM zu reisen. Ich durfte 2023 in Finnland bereits einmal ein WM-Finale leiten. Deshalb wird es jedes Jahr mein Ziel sein, wieder dabei zu sein und das Spiel um die Goldmedaille zu leiten.

    In der National League will ich jedes Jahr in den Playoff-Finals eingesetzt werden. Ein weiteres Ziel ist es, einmal einen Champions Hockey League-Final zu leiten. Und auch ein Einsatz am Spengler Cup steht auf meiner Wunschliste.

    SLAPSHOT: Was halten Sie von der Schweizer Küche?

    MacFarlane: Ich bin überhaupt kein wählerischer Esser. Aber wenn ich hier in einem Restaurant Cordon bleu auf der Karte sehe, bestelle ich immer Cordon bleu. Doch als nächstes muss Rösti dran sein.

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