Warten auf die perfekte Welle

Trotz Erneuerungsmassnahmen im Kader hat der EV Zug eine enttäuschende Qualifikation gespielt. Sportchef Kläy sagt: «Im Sport scheint nicht immer die Sonne.»

Im April 2024 surft Sebastian Steudtner in Nazaré, Portugal, auf einer 28,57 Meter hohen Welle. Für den Deutschen bedeutete das inoffiziellen Weltrekord. Es ist die Art von Welle, die auch der EV Zug nötig hätte, dessen Talfahrt seit den zwei Meistertiteln von 2021 und 2022 nicht so richtig enden will.
Sportchef Reto Kläy sagt: «Im Teamsport sind Wellenbewegungen normal. Das geht quer durch die Sportarten und Ligen. Aber natürlich hätten wir uns gewünscht, dass wir schneller zurück nach oben finden.» Die Erneuerung einer Meistermannschaft ist eine sehr knifflige Aufgabe. Erfolg schafft Begehrlichkeiten.
Spieler werden abgeworben. Es ist nur menschlich, dass man tendenziell zu lange an Leuten festhält, mit denen man Triumphe gefeiert hat. Der Center Jan Kovar in Zug ist ein Paradebeispiel dafür – der EVZ verlängerte seinen Vertrag im Winter 2024 noch einmal um zwei Jahre. Aber der Captain hat sein Rendement seit 2023 nur noch sporadisch erreicht.

Er mag ein wunderbarer Teamleader sein, ein emblematischer, selbstloser Captain. Das Niveau eines Erstliniencenters, der einen Titelkandidaten schultern kann, zeigt er zu selten. Aus dem Umfeld des Klubs ist zu hören, dass es bei Kovar zwei Optionen gibt: Man behält ihn als siebten Ausländer, so wie vor vielen Monden schon Josh Holden. Oder der Vertrag wird im Sommer aufgelöst.
Aber klar: Es sind Diskussionen für die Zeit nach dem Saisonende. Wer weiss schon, was die Playoffs bringen, für die sich der EVZ via Umweg qualifiziert hat?
Kläy ist der mit Abstand dienstälteste Sportchef der Liga
Nach dem Krieg ist bekanntlich jeder Soldat ein General, doch es fragt sich schon, wie die Saison des EVZ verlaufen wäre, hätte sich der Klub im Sommer von Kovar getrennt. Kovar blieb, dafür wurde das Trio Gabriel Carlsson/Niklas Hansson/Fredrik Olofsson unter Kostenfolge aus laufenden Verträgen heraus wegtransferiert.
Was die drei Schweden angeht, sagt Kläy, würde er wieder gleich handeln. Er sagt: «Es ist meine Aufgabe, das Puzzle passend zu machen.» Kläy ist der mit Abstand dienstälteste Sportchef der National League. Seit er 2014 aus Langenthal nach Zug wechselte, entwickelte sich der EVZ zu einer der Premiumorganisationen der Liga. Kläy realisierte spektakuläre Transfers, etwa den des Torhüters Leonardo Genoni.
Er verpflichtete den Erfolgstrainer Dan Tangnes. Und bewies immer ein glückliches Händchen mit Spielern, die anderswo nicht zur Entfaltung fanden – Sven Senteler etwa. In den Jahren nach den Titeln hatte er weniger Fortune. Er sagt: «Natürlich hinterfragt man sich und seine Entscheidungen. Man weiss nie, wie es herauskommt, der Sport ist so unberechenbar. Und ich habe sicher nicht die Illusion, nie Fehler zu machen. Im Sport scheint nicht immer nur die Sonne.
Manchmal ist es auch dunkel und neblig.» Haben ihm die mittelmässigen Resultate und die zunehmende Kritik zugesetzt? «Als wir die erste Meisterschaft gewonnen haben, wusste ich, dass viele der Leute, die mir in jenem Moment auf die Schulter klopften, irgendwann mit dem Finger auf mich zeigen werden. Das gehört zum Geschäft, wer das nicht aushalten kann, ist am falschen Ort. Meine Beziehung zu den Fans ist nach wie vor gut.»
«Ich führe zweimal pro Saison einen ‹Fan-Höck› durch, das mache ich schon seit 2014. Der Austausch ist gut, man kann dort auch einmal eine Überlegung oder Handlung erklären, die man in einer Medienmitteilung eher nicht ausführt. Aber klar beschäftigt es dich, wenn es nicht läuft. Mir hat auch die Entlassung von Michael Liniger leidgetan. Man kann sagen, dass er ein Bauernopfer war. Es war nicht sein Fehler, dass wir so viel Mühe bekundeten. Irgendwann wird es ein Teufelskreis.»

Der EVZ hatte Liniger im Januar nach wettbewerbsübergreifend zehn Niederlagen in Serie entlassen und durch den Kanadier Benoît Groulx ersetzt. Groulx, 58, verkörpert ein völlig anderes Profil als Tangnes und Liniger das getan hatten. Kläy sagt, genau das sei die Absicht gewesen: «Wir brauchten eine andere Persönlichkeit, einen Stilwechsel. Und suchten einen Feuerwehrmann.»
Mit Groulx qualifizierte sich der EVZ über den Umweg der Pre-Playoffs zum zwölften Mal in Folge für die Playoffs. Zwei Meisterschaften, ein Cup-Sieg und ein Dutzend Playoff-Qualifikationen sind die bisherige Bilanz der Ära Kläy. Sie kann sich sehen lassen, bei allen Enttäuschungen der letzten drei Jahre sollte man das nicht vergessen.
Schreckt das Oym manche Spieler ab?
Kläy sagt, seine wichtigste Aufgabe sei es, dass das Team seine Identität wiederfindet. Die war in der Hochphase der Tangnes-Jahre eindeutig auszumachen, war zuletzt aber kaum noch erkennbar. «Sie ist etwas verblasst», sagt auch Kläy. Einfach wird das nicht: Der Transfermarkt ist umkämpft, Zug musste dort zuletzt harte Niederlagen verkraften, etwa den Weggang von Attilio Biasca zu Gottéron.
Immer wieder ist zu hören, dass das Athletikzentrum Oym in Cham nicht für alle Spieler rund um die Liga die Erfüllung eines Lebenstraums darstellt. Einer, der den EVZ seit Jahren eng begleitet und die Organisation in allen Facetten kennt, sagt es so: «Seit 2023 spielt Zug so, wie das Oym ist: freudlos. Wenn die Passion und die Leichtigkeit fehlen, hilft der beste Kader der Welt nichts.»

Es ist auch Kläys Aufgabe, dieses Narrativ zu verändern. Vielleicht sagt er auch darum diesen Satz: «Ich habe das Gefühl, dass meine Mission in Zug noch nicht abgeschlossen ist.» Es ist seine Replik auf die Frage, ob nach zwölf Jahren nicht Abnützungserscheinungen auszumachen sind. Ob er sich Gedanken darüber gemacht hat, sich beruflich zu verändern.
Was folgt, ist eine Art Liebeserklärung an seinen Job. Kläy sagt: «Als General Manager habe ich null Monotonie erlebt. Es gab und gibt in Zug so viele aufregende Projekte. Unsere Verwandlung zum Spitzenteam. Das Farmteam. Die Hockey Academy. Der Aufbau der Frauenabteilung. Den Stadionausbau. Die Entwicklung des Leitbilds. Und, und, und. Das hält alles frisch und spannend. Aber letztlich ist es nicht meine Entscheidung, wie lange ich diesen Job ausüben darf.»
Auch ein Sportchef kann zu einem Bauernopfer werden, dafür gibt es genügend Beispiele. Was helfen würde, ist ein neuer Ritt auf einer Erfolgswelle. Vielleicht sollte sich der EVZ mal in Nazaré umschauen.





