Jan Cadieux und seine Achterbahnfahrt

Jan Cadieux wurde überraschend zum Cheftrainer der Nationalmannschaft. Er spricht über seine neue Rolle und den Blick nach vorne.

Unverhofft wurde Jan Cadieux über Nacht vorzeitig vom Assistenz- zum Cheftrainer der Nationalmannschaft. Hier erzählt er, wie er mit seiner neuen Rolle umgegangen ist. Und was ihn für die Zukunft zuversichtlich stimmt.
SLAPSHOT: Wie lange dauerte es, bis Sie das Turnier verarbeiten konnten?
Jan Cadieux: Schon etwa zehn Tage. Ich brauchte zwei Tage, um die Finalniederlage akzeptieren und verarbeiten zu können. Und dann noch einmal eine Woche, um die Batterien wieder aufzuladen.
Es waren sehr intensive, strenge sieben Wochen vom ersten Zusammenzug in der Vorbereitung bis zum Ende des Turniers. Eine echte Achterbahnfahrt, es ist viel geschehen.
SLAPSHOT: Knapp einen Monat vor dem Turnierstart veränderte sich Ihre Rolle durch die Entlassung von Patrick Fischer über Nacht fundamental. Wie gingen Sie mit der Rochade um?
Cadieux: Unmittelbar nach dem Entscheid war ich wie paralysiert. Auf so etwas kann man sich nicht vorbereiten, wer hätte das denn ahnen sollen? Es war eine traurige Situation. Aber so ist das Leben: Manchmal stellen sich einem Herausforderungen, mit denen man nicht gerechnet hat.
Ich habe mir gesagt: Entweder lässt du dich jetzt entmutigen. Oder du machst das Beste daraus. Ich habe mich für die zweite Option entschieden. Es ging ja eigentlich auch nicht um mich. Sondern um die Mannschaft und die Fans. Darum, die bestmögliche Vorbereitung für dieses Turnier zu gewährleisten.

SLAPSHOT: Fischer sagte nach der WM in einem Interview, er sei in regem Kontakt zu Ihnen gestanden.
Cadieux: Wir haben uns immer wieder ausgetauscht, das stimmt. Ich verdanke ihm viel, schliesslich hat er mich nach meiner Entlassung in Genf in den Staff der Nationalmannschaft aufgenommen. Und sich dafür eingesetzt, dass ich sein Nachfolger werde.
Wir haben uns gegenseitig unterstützt. Aber nicht über die Aufstellung oder die Taktik gesprochen. Ich fand es schön, dass er den Final im Stadion miterleben konnte.
SLAPSHOT: Dort fehlte der Schweiz wieder sehr wenig für die erste Goldmedaille, aber zum dritten Mal in Folge gelang kein Treffer. Weshalb tut sich diese Mannschaft in Finals in der Offensive so schwer?
Cadieux: Man sollte schon berücksichtigen, wie stark der Gegner in einem Final ist. Im Vergleich zu manchen Gruppenspielen besteht da ein erheblicher Unterschied. Für mich war das die beste finnische Mannschaft der letzten Jahre.
Es ist schmerzhaft und bitter, dass es wieder nicht gereicht hat. Aber wir dürfen auch stolz auf das Erreichte sein. Gegen Finnland waren die ersten 25 Minuten nicht gut. Ich glaube, das Team hat den Druck gespürt. Jeder wollte es unbedingt, was sich in einer gewissen Anspannung gezeigt hat.
Aber danach konnten wir uns stabilisieren. Und kamen zu guten Chancen. Es tat weh, dass wir die doppelte Überzahl nicht nutzen konnte. Generell konnte die Partie auf beide Seiten fallen.

Man darf dabei auch nicht vergessen, dass Finnland selbst nur ein Tor erzielt hat, es war ein Spiel auf Augenhöhe, das letztlich durch Kleinigkeiten entschieden wurde. Uns fehlte am Ende das nötige Quäntchen Wettkampfglück.
SLAPSHOT: Ärgert es Sie, dass die Verlängerung im 3-gegen-3-Format ausgetragen wurde?
Cadieux: Die Regeln sind für alle gleich, und wir wollen uns nicht beklagen. Aber ja, klar würde ich als Coach lieber eine 5-gegen-5-Verlängerung sehen. Das ist aus meiner Sicht fairer.
SLAPSHOT: Was bleibt für Sie von dieser WM?
Cadieux: Vieles. Ich empfand das Turnier als grosses Hockeyfest, auf das die ganze Hockey-Schweiz stolz sein darf. Ich habe die Hoffnung, dass wir damit viele Menschen inspirieren konnten, auch die nächste Generation. Die Stimmung an den Spielen und allgemein rund um das Team war unglaublich.
Ich hatte immer wieder Hühnerhaut. Wie die ganze Mannschaft nach dem Sieg gegen Grossbritannien zusammen mit der Halle «W. Nuss vo Bümpliz» gesungen hat, das werde ich niemals vergessen, das war so ein kraftvoller Moment.
SLAPSHOT: Kannten Sie den Song vorher?
Cadieux: Ehrlich gesagt nicht, nein. Ich höre zwar gerne Musik und schalte im Auto oft das Radio ein, aber ich beschäftige mich wenig damit und kenne die Interpretinnen und Interpreten meistens nicht.
SLAPSHOT: Machen Sie sich Sorgen um die Zukunft des Nationalteams? Die Schweiz hatte an der WM das höchste Durchschnittsalter aller Teams. Sehen Sie Spieler, welche die Mannschaft in Zukunft tragen können?
Cadieux: Man darf nicht vergessen, dass die WM-Aufgebote von Jahr zu Jahr stark schwanken können. Uns fehlten mit Kevin Fiala, Michael Fora, Andrea Glauser, Philipp Kurashev, Akira Schmid, Sandro Schmid und Jonas Siegenthaler sieben Spieler aus dem Olympia-Kader.
Ich würde der Altersstruktur entsprechend keine zu grosse Bedeutung einräumen. Nehmen wir schon nur unsere jungen WM-Neulinge Attilio Biasca und Théo Rochette. Das sind Spieler mit einer phänomenalen Entwicklung, die jetzt nach Nordamerika wechseln.
Und die uns auch im Nationalteam noch viel Freude bereiten werden. Auch Simon Knak übernimmt immer mehr Verantwortung. Die Zukunft dieses Teams liegt in guten Händen. Das zeigt jeden Sommer auch das «Prospect Camp».
Jan Cadieux
Geboren: 17. März 1980
Familie: Sohn von Paul-André Cadieux (einst unter anderem Trainer des SC Bern, 2024 verstorben). Jans eigener Sohn Timothy ist 16, spielt im Nachwuchs von Genève-Servette HC und hat bereits mehrere Juniorenländerspiele bestritten.
Stationen als Trainer: Schweizer Nationalmannschaft (Cheftrainer seit April 2026), Genève-Servette HC, HCB Ticino Rockets, HC Fribourg-Gottéron (Nachwuchs).
Grösste Erfolge als Trainer: 2026 WM-Silbermedaille mit der Schweiz als Cheftrainer, 2025 WM-Silbermedaille als Assistenztrainer. 2024 Sieger der Champions Hockey League mit Genève-Servette HC. 2023 Schweizer Meister mit Genève-Servette HC.
Stationen als Spieler: HC Fribourg-Gottéron, Genève-Servette HC, HC Lugano, Rimouski Océanic (QMJHL), Notre Dame Hounds (SJHL).
Grösste Erfolge als Spieler: 2003 Schweizer Meister mit dem HC Lugano. 2000 Memorial Cup Champion mit Rimouski Océanic.
SLAPSHOT: Unmittelbar nach dem Turnier wurde über eine potenzielle Rücktrittswelle bei den arrivierten Spielern diskutiert. Befürchten Sie eine solche?
Cadieux: Das werden die nächsten Monate zeigen, darauf habe ich wenig Einfluss. Wenn es Rücktritte gibt, ist das die Chance für andere Spieler, sich unter Beweis zu stellen.
Ganz generell haben unsere erfahrenen Spieler eine starke Leistung gezeigt und bewiesen, dass sie auch weiterhin das Niveau haben, um auf internationaler Ebene konkurrenzfähig und erfolgreich zu sein.





